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Der Israelit · 1899-10-26 · Heft 85 (26.10.1899) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 85 (26.10.1899)
Date
1899-10-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1782 dem Text aufs Genaueste anschließt; auch in ihr wiegt das übermäßige Sekundenfortschreiten und das Mollgepräge vor; jüdisch-national ist also eine Melodie, sobald ste ihren Zweck erfüllt, d. h. diejenigen Empfindungen auslöst, die sie als musikalische Einkleidung eines relgiösen Gebettextes auslösen will und solle. Ist ausschlaggebend für die Nationalität der jüdische Komponist, so finden wir deren nicht nur in der Neuzeit sehr viele, sondern auch in alter Zeit. Namentlich sind es natürlich die Vorbeier, die die Gesänge schufen, oft auch die Dichter selbst; daß fremde Melodien bewußt oder unbewußt dabei Eingang fanden, ist nicht zu verwundern. Hat doch die deutsche Nationalhymne sogar eine englische Melodie, und vermochte auch die katholische Kirche das Eindringen profaner Tonweisen nicht zu verhindern. Oft wurden mit Absicht auf fremde Melodien hebräische Gebettexte verfaßt. Nach der Ansicht Steinschneiders hat die Rücksicht auf fremde Melodien geradezu den Anstoß zur Piut-Dichtung gegeben. Man wollte das Volk, dem die Melodien geläufig waren, von derem frivolem Text abbringen. Viele Rabbiner eiferten dagegen, andere wieder nahmen die Sitte in Schutz. Indessen ist die außerjüdische Herkunft von einer großen Anzahl von Melodien außer Zweifel, namentlich mit melodischer Gliederung, die den Charakter deS Volkslieds an sich tragen. Dennoch könne sie als innerlich original bezeichnet werden. Zu ihnen gehören in erster Linie diejenigen, welche ihre Zweckmäßigkeit und ihren tiefen Gehalt, durch Verbreitung auf weit auseinander liegenden Gegenden bewiesen, und für bestimmte Gebettexte typisch geworden sind, weßhalb es sehr gewagt ist, sie, wie Breslaur thut, auf deutsche Texte zu übertragen. Damit geht denselben das National-jüdische verloren, das von den alten, durch Jahrtausende geheiligten Klängen der jüdischen Gebersprache nicht zu trennen ist. Hierzu gehören iw wo, hk, -jm ihS, die Melodien von Schabuoth und Sukkoth, das p des polnischen Ritus Daß die Melodien nicht immer dem Text consorm sind, darf unsere Kritik nicht herausfordern, wie bei Breslaur geschieht. Darin liegt gerade das Volksthümliche; bei allen Volksliedern finden wir, daß sie sog. Strophenlieder sind. Auch da ist die Melodie lediglich Trägerin der allgemeinen Stimmung. Was nun die Uebereinkunst katholischer Melodien mit unseren jüdischen betrifft, so haben die Forschungen Osear Fleischers in seinem Aufsehen erregenden Werke über die „Neumen" ein ganz neues Licht auf die Frage geworfen. Zugestanden ist von allen Seiten das hohe Alter der katholischen Liturgie; sie besteht zum überwiegenden Theil aus den vom Papst Gregor XIII. (Ende des 16. Jahrh.) zusammengestellten Tongängen, welche mit eifersüchtiger Wachsamkeit gehütet worden sind. Ohne Zweifel haben die Apostel zu dem Gottesdienste ihrer Jünger die diesen vertrauten Melodien benutzt, die sich fortpflanzten und dann in die gregorianischen Gesänge ausgenommen wurden. (Aehnlich sind die zum Protestantismus übergetretenen Katholiken verfahren, indem sie die katholischen Choräle beibehielten.) Auch sonst weist die katholische Liturgie viele Anlehnungen an die unsrige auf; z. B. den (,'autu8 i'68pou8oiiu8, das abwechselnde Rezitiren der Psalmverse, neben dem Concentus, auch accentus und von letzteren wird gesagt, er sei der nach grammatikalischen Distinktionen geregelte Vortrag, der mit der Zeit feste Gestalt erhielt. Die einzelnen Melodiesätze sind dort mit den Namen Colon, Komma, Punktum u. s. w. bezeichnet. Fleischer hat nachgewiesen, daß die ältesten christliche Kirchenmelodie, die zu den Klageliedern Jeremiä, di e sich bis heute erhalten hat, ein uraltes musikalisches Prinzip darstellt, welches die ersten Christen von den Juden herübergenommen haben. Er hat auch die entsprechende jüdische Melodie aufgesunden, es ist eine von Naumburg ausgeschriebene Melodie, die zu einem Piut auf Moses Tod am Simchath-Thora. Hier brachte Cantor Klibansky beide Melodien zu Gehör, von denen die jüdische etwas melodiöser ausgestaltet ist und im süddeutschen Chasanuth viele Varianten aufwcist, z. B. die Akedah in der Selichoth, aus dem Sabbatgottesdienst pro ßw:n ^3. Der Abschluß nach Moll ist die sog. Punkt-Kadenz, wo die Stimme hinabneigt, auch finalis genannt. Die Folge fgäb beruht auf einem Melodieschema, angehörig der sog. sechsten Kirchentonart, die zu fällig mit unserem dm* übereinstimmt, weshalb unsere Melodie zu den Klageliedern im Hinteren äur zu stehen scheint. Es liegt nahe, auch andere Melodien, die man auf christlicher und jüdischer Seite übereinstimmtend gefunden hat, zu solche altjüdischen zu zählen, z. B. eine von Cantor Kirschner entdeckte christliche, die mit im "ok übereinstimmt. Derjenige Xfytil des katholischen Gesanges, der zu den ältesten gehört, ist die Psalmodie; es giebt acht sogenannte Psalmodien, nach denen die Psalmen rezitirt werden, außer dem touu8 peregrinus, der nur zu Psalm 113 zu Gebrauch ist. Dieser t. p, hat eine derart abweichende Fassung, daß die alten Gelehrten ihrerseits außer Fassung geriethen und die Ueberzeugung ausdrücklich ausgesprochen, daß er er aus der Synagoge herstamme. Redner war erstaunt, die betreffende Melodie in der Synagoge seiner Vaterstadt auf itn’ pte pro singen zu hören. Zweifellos ist, daß manche unserer Sangweisen sich auf die Zeit zurückführen lasten, da noch der Tempel stand. Noch ein Zweites ergiebt sich klar, daß nämlich alle jene Tongänge von uraltem Gepräge fast ausschließlich dem süddeutschen Ritus angehören. Er allein trägt in seinem durchgängigen Ur-Charakter

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