Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1899)
- Date
- 1899-10-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XL. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 85 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deutschland. Frankfurt a. M., 22. Oct. Im „Verein für jüdische Geschiche und Literatur" sprach am 16. d. M. Herr Rabbiner Dr. Ackermann aus Brandenburg a. H. über den Ursprung und die Originalität unserer Synagogenmelodien. Redner führte aus, wie der Klang der Musik den Gedanken verinnerlicht und in Gefühl umwandelt. Bei den Juden finden wir den Gesang daher schon seit den ältesten Zeiten, namentlich angewandt zum Preise Gottes. Noch während im zweiten Tempel die Priesterchöre sangen, gab 'es bereits Gebetsstätten, die nach der Zerstörung des Tempels nebst den Lehryüusern die Gottesoerehrung hüteten, und in sie ging etwas von der heiligen Musik über. Man las die Schrift, ja die Mischnah mit heiliger Melodie; der Vortrag der Gebote, die sich an die Opfer anschlossen, war rezitativartig. Schon in der letzten Mischnahzeit wurde Werth gelegt auf die schöne Stimme des Vorbeters. Mit dem Aufblühen der Musik und dem Auftreten der „Poitanim" (der Dichter der „Piutim") gelangte der synagogale Gesang zu weiterer Ausbildung. Auf dessen geschichtliche Entwicklung ging der Redner nicht ein, indem er auf seine hierauf bezügliche Arbeit in Winter und Wünsche's Anthologie verwies, sondern beschränkte sich auf die eine, neuerdings in den Vordergrund getretene Seite der Frage, den Ursprung und die Originalität un'erer synagogalen Tonweisen. Der vor Jahresfrist verstorbene Steinthal hat sich mit dieser sehr beschäftigt; er nahm eine Art Pietätsstandpunkt ein, ihm war jede in der Synagnge gesungene Melodie eine national-jüdische. Die Ansicht, daß viele derselben den Volksgesängen Europas oder Asiens entstammen, verlachte er. Was ist denn aber eigentlich eine national-jüdische Melodie? Auf der einen Seite wurden als solche bloß die polnischjüdischen erklärt, den süddeutschen Tongängen jeder nationale Charakter abgesprochen; auf der andern Seite wird die unverfälschte Tradition gerade diesen süddeutschen Gesängen zugesprochen, die polnischen hingegen als ein wirres Gemengsel slavisch ungarischer Musik bezeichnet. Eine weitere Controverse ist entstanden über den Einstuß fremder Melodien. Auf der einen Seite wird eine solche in dem Maaße behauptet, daß überhaupt jede national-jüdische Melodie geleugnet wird, während auf der andern Seite das { Vorhandensein charakteristischer jüdischer Tongänge entschieden betont wird. Endlich ist die Frege: wie steht es mit der Zurückführung unserer Melodien auf den alten Tempelgesang? Wie mit der merkwürdigen Uebereinstimmung von Melodien der katholischen Liturgie mit synagogolen Tonweisen? Manche meinen, die Uebereinstimmung sei bloßer Zufall und die Zurückführung auf den Tempel sei phantastisch; andere sagen, die Uebereinstimmung sei zu auffallend, um nicht auf tieferen Gründen zu beruhen, und es sei sehr wohl möglich, daß wir in den katholischen und synagogalen Melodien zwei neben einander herlaufende Ströme vor uns haben, die auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen find, nämlich der alte Tempelgesang. — Zunächst ist nun die grundlegende Frage : Welche Anforderungen sind an eine Melodie zu stellen, die den Charakter einer nationaljüdischen besitzen soll? Man kann hierauf eine zweifache Antwort geben, je nachdem wir den Begriff der Nationalität auf die Melodie selbst oder ihren Componisten anwenden. In ersterem Fall müssen wir die Anforderung stellen, daß die Melodie bestimmte Wendungen und Merkmale aufweise in Tonart und Intervallen, durch welche sie sich jederzeit als den Juden anerkennen lassen. Prof. Breslaur hat als Resultat seiner Untersuchungen ausgesprochen, daß keine solcher Merkmale sich in unserer synagogalen Musik finden und Redner ist der gleichen Ansicht. Kirchentonarten geben allerdings dem Vortrag ein fremdartiges Gepräge und dürften auf das hohe Alter der betreffenden Melodien Hinweisen; wir finden sie auch bei altarabischen, altpersischen Gesängen. In den polnisch-jüdischen Tonweisen herrscht das übermäßige Sekundenfortschreiten, sowie der Mollcharakter vor; letzterer findet sich auch bei den Ungarn, Slaven, Türken, Egypten und ist in Wirklichkeit nur der Charakter des Landes, wo jene Melodien entstanden. Es sind freie Deklamationen, durch Figuren bereichert, während die süddeutsche in sich abgeschlossen abgerundete Melodien sind. Deswegen kann man doch nicht behaupten, daß es dort keine jüdischen Melodien gebe. Jene aus anderen Völkern in die Synagoge übergegangenen Merkmale sind mit der Zeit auch Merkmale der jüdischen Gesänge geworden, und werden sie bleiben und immer intensiver werden. Sie sind also als innerlich original zu bezeichnen, weil sie mit dem innersten Empfinden eines Jeden übereinstimmen und zur Vertiefung der Andacht und des religiösen Gefühls erheblich beitragen. Redner ließ durch Cantor Klibanski eine ganz moderne Composition, farm 3« von Cantor Friedmann vortragen, in der die Melodie sich voll Empfindung