Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1899)
- Date
- 1899-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1766 gewesen, daß das Alter ein nicht zu vermeidende» Ueb el fei. Verschieden find die Versuche mit dieser vorherrschenden und im Grunde völlig trostlosen Lebensauffassung sich einigermaßen abzufinden, sobald die unvermeidliche Thatsache de» sogenannten Lebensabends einmal eingetrelen ist. Die verbreitetste Methode ist Resignation. Entweder in der gewöhnlichen etwas redseligen Form, die, beständig rückwärts schauend, in Jugenderinnerungen sich ergeht, von Feldzügen, Studentenjahren oder Jugendliebe erzählt, oder dem Wechsel alles Irdischen stummen Trotz entgegensetzt, so lang der Geist den gebrechlichen Körper noch zu tragen vermag. Weit geringer an Gehalt und Charakter als diese harmlose Art von resignirten Altgewordenen, die in einem „veredelten Müssiggang" ihre letzten Tage zubringen , sind die noch sehr lebenslustigen und genußsüchtigen Alten, welche den kümmerlichen Rest ihres Daseins noch ausgenießen wollen und damit oft zu Karrikaturen der Jugend werden. Diese geschminkten Greise und von der Putzmacherin restaurirten alten Damen sind gewöhnlich vollendete Egoisten, denen, wie allen Egoisten, nichts anderes übrig bleibt, als sich in einer Welt so lange als möglich mit Gewalt zu behaupten, für die sie nichts anderes als „Erblasser" sind. Ein großer, täglich zunehmender Schatten schwebt aber beständig auch über dieser epikuräischen Gesinnung. Denn gewöhnlich leben diese Menschen ohne Hoffnung und fürchten den Tod. Man darf ihnen von diesem sichersten aller Lebensereigniffe gar nicht reden; sie betrachten es als sehr taktlos, wenn Jemand nur entfernt die Möglichkeit derselben andeutet, hören daher allmählich nicht einmal gern mehr nach ihrem Alter fragen, oder vermeiden es sogar oft sorgfältig mit zwölf anderen Personen an einem Tisch zu sitzen, oder in Gasthöfen in einer Nummer 16 zu wohnen. Ihre Wonne ist es, wenn sie irgend Jemand über ihr Alter getäuscht, oder einen der Jugend angehörigen Genuß auch noch mitgemacht, oder endlich einen AlterSgenoffen, wenn nicht gar einen Aelteren, überlebt haben. Sie sühren ein bloßes Komödiendasein vor sich selbst, an das aber auch weder sie selber glauben, noch Jemand sonst. Das ist der eine Hauptgrund eincs traurigen Alterns, Egoismus in irgend welcher Form, der nun das ernten muß, was er ein ganzes Leben hindurch fleißig gesäet hat. Das bleibt niemals aus. Es gibt aber allerdings auch noch einen anderen. Der andere Grund, mit dem man oft mehr Mitleid empfinden möchte, ist vergeblicheArbeit, die keine rechte Arbeit gewesen ist, von der nichts Dauerndes übrig bleibt und durch welche die Menschheit keinen reellen Nutzen hat. Das macht sich auch geltend, wenn das Alter herankommt, von was für einer Art die Lebensarbeit war, wenn es auch wirklich Arbeit gewesen ist und es zeigt sich dabei, daß die glänzendsten Lebensstellungen nicht immer die fruchtbarsten und nützlichsten sind. Sie hat zwar vielleicht dem Arbeiter einen augenblicklichen Namen und eine äußere Stellung in der Welt verschafft, aber sie konnte ihm keine wahre Freude und kein Gefühl eines nützlich verlebten Daseins bereiten. Man muß bei jedem ganz ungünstigen Urtheil über das Alter nie unterlaßen, zuerst zu fragen, was der Urtheilende für eine Lebensaufgabe sich ausgesucht hatte. Das erklärt oft die ganze Stimmung. Man muß die Sache gründlicher fasten, wenn man die Anschauung der Weisen über das Alter und das Altern begreifen und richtig würdigen will. Man darf das Alter nicht als letzte Stufe des bisherigen, sondern muß es als Vorstufe eines sich fortsetzenden Lebens ansehen. Es stellt sich dann nicht so sehr als eine Zeit des Endes und des Aurruhens, sondern als Zeit des Überganges und des Fruchttragens dar. Das ist der Sinn der Worte, daß die Gerechten keine Ruhe kennen, nicht in dieser und nicht in jener Welt, sie schreiten von einer Kraftenlfallung zur anderen, ab', ntn oto xd nmjo vnd px npn* d'n dx d'nv 'x;p szn ob'yz. Damit gewinnen wir für die richtige Würdigung des Alters sofort einen anderen Gesichtspunkt. — Es liegt hier eben die große und größte aller Fragen zu Grunde, was das menschliche Leben eigentlich ist: Ob eine bloße, fast zufällige Thatsache, ohne weitere Erklärung und ohne dauernden Zw.ck für den Einzelnen oder eine große Vorbereitung und Schulzeit für seine sittliche Entwick lung und eine Vorstufe zu einem anderen Geisteszustand. Wenn das letztere die Wahrheit ist, so daß Jeder, sogar der Selbstmörder z. B. fortleben muß, er mag wollen oder nicht, so gibt es kein anderes Mittel ein solches unaufhörliches Dasein erträglich zu machen, als es veredlen und mit einem guten Inhalte zu versehen. Das Alter erscheint in diesem Lichte nicht als das letzte Stück des Lebens, sondern als ein Stück und zwar eher als das beste, weil das ausgeblldelste, jedenfalls aber als das wichtigste, weil es entscheidend für die Art der nächsten Fortsetzung sein muß. Wir würden es doch als sehr sonderbar betrachten, wenn Jemand in einer Schule die höchste Klaffe nicht als das beste und wichtigste Stück der Schulzeit ansehen würde. So ist es im Leben auch, wenn es eine Schulzeit ist und eine Fortsetzung hat. Die Ruhe, nach der sich jeder Mnesch oft genug sehnt, wenn ihn die augenblickliche Schwere des Lebens