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Der Israelit · 1899-10-23 · Heft 84 (23.10.1899) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 84 (23.10.1899)
Date
1899-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1752 soziale Stellung zu hoch und keine zu niedrig ist, daß er seine Opfer allenthalben sucht und findet, daß keine Höhe und keine Tiefe der gesellschaftlichen Lebensstellung den Juden gegen Rechtslosigkeit und Vergewaltigung schützt. Ist dem aber so, leiden wir, weil wir Juden sind, wie würde dieses Leid gemildert und verklärt, wenn wir wirklich Juden wären und würden und wie wird es verschärft, wenn wir unser Judenthum, für welches und durch welches wir leiden, selber nicht einmal kennen und es noch weniger achten und lieben! Bricht sich diese Ueberzeugung erst einmal Bahn in unseren Reihen, dann kann es nicht fehlen, daß auch die rechte Consequenz daraus gezogen wird. Wird nur erst das Bewußtsein bei uns lebendig, daß alle Abweisung, alle Lieblosigkeit, alle Vergewaltigung, die wir erfahren, den einzigen Zweck hat, uns zu uns selber zurückzuführen und uns zu bestimmen, wieder zu unserem Judenthum durch Gesinnung und durch die That zurückzukehren, so liegt schon darin ein unendlicher Gewinn. Wir sind dann nicht mehr schutzlos und machtlos der Willkür und Gewalt preisgegeben, sondern wir haben das Mittel, daS uns schützt und stark macht in eigenen Händen, es braucht nur angewandt zu werden. Wird es nicht angewendet, so muß Gottes uns erziehende Vorsehung die harten, schmerzlichen Mittel anwenden, die uns zu unserer Pflicht zurückrufen und auch zurückbringen werden. Aber in dem Augenblick, in dem wir diese Rückkehr freiwillig mit ganzem Herzen selber vollziehen, bedarf es jener schweren Erziehungsmittel nicht mehr, die uns heute zu unserer von so vielen Gemeinden und so vielen Einzelnen verlassenen jüdischen Pflicht zurückbringen wollen. Das alles ist nicht neu. Es ist eine Wahrheit, die in unserem heiligen Schriftthum in allen Variationen wiederkehrt, die aber, eben weil sie alt ist und so ungemein nahe liegt, so vielfach verkannt und ignorirt wird. Aber gerade deßhalb ist es Pflicht, ihr laut und entschieden immer wieder und wieder so lange das Wort zu reden, bis sie endlich gehört und beherzigt wird. Was wäre es für eine rettende That, wenn unsere Rabbiner und Prediger, unsere Lehrer nnd Schriftsteller dieser simplen Wahrheit, bei jeder Gelegenheit offenen, entschiedenen Ausdruck geben wollten! Und wie wäre die Gelegenheit in unseren Tagen aus Schritt und Tritt vorhanden! Da hat man eine feierliche, eindrucksvolle Protestversammlung veranstaltet. Mit flammender Begeisterung wurde' die Verdächtigung des Ritualmords an der Hand klassischer Zeugen zurückgewiesen und die Versammlung als eine solche bezeichnet, die für unsere Religion und unsere Rechte einstehe, es wurde auf die Heldengestalten der Makkabäer und auf die Mutter mit ihren sieben Kindern und noch auf vieles Herrliche und Treffliche in begeisternder Weise hingewiesen. Welch ein Kiddusch haschem von unabsehbarer Tragweite wäre es gewesen, wenn ein einziger Redner, wie für unser Recht, so auch für unsere Religion wirklich eingetreten wäre, wenn e i n einzigr Redner den Gedanken auch nur angedeutet hätte: Wenn unsere Feinde unsere Religion, unser Judenthum verkennen und verachten, so sollten wir angesichts des Ernstes der Zeit uns doch die Frage vorlegen, wie viel Verantwortung uns selber für diese Herabwürdigung unserer Religion trifft. Kann man von Nichijuden Würdigung und Achtung der Thora wirklich verlangen, so lange wir uns selber über sie hinwegsetzen? Wohl mögen wir mit Stolz aus die Makkabäerhelden blicken, aber wir wollen doch nicht vergessen, wem dieses Heldenthum eigentlich galt, daß es der Heilighaltung des Sabbat, daß es ihr Abscheu gegen das verbotene Schweinefleisch war, wofür sie in den Tod gingen. Aber die Makkabäer feiern und dasjenige verlachen, dem ausschließlich ihr Heldenthum galt, das ist wahrheitswidrig und unerträglich. — Wir haben Feinde, zahlreiche, mächtige Feinde, was wir dagegen zu thun vermögen? Wenn wir gegen die Ausgeburten dieser Feindschaft mit der ganzen Kraft unserer Seele Protest erheben, so wollen wir darüber doch nicht die alte Mahnung vergessen : „Möchte mein Volk auf mich hören, Israel mit Ernst in meinen Wegen wandeln, wie bald würde ich ihre Feinde niederbeugen, und über ihre Dränger meine (strafende) Hand zurückwenden." (Ps. 81.) Was wir in unserer Bedrängmß thun können? „In deiner Bedrängniß, wenn dich erst alle diese Dinge erreicht haben, selbst in den spätesten Zeiten, kehre zurück zu Gott, deinem Gott, und höre aus seine Stimme, denn ein barmherziger Gott ist dein Gott, er wird dich nicht loslassen und dich nicht zu Grunde gehen lassen und wird den Bund deiner Väter nicht vergessen, den er ihnen geschworen. -Hüte seine Gesetze und seine Gebote, die ich dir heute gebiete, was dir und deinen Kindern nach dir wohlthun wird. (V. B. M., iS. 6, V. 30 ff.) Vielleicht würden solchen und ähnlichen Worten weniger rauschenden Beifall gezollt, als den Reden, welche diese Wahrheit todtschweigen, aber die freimüthige Vertretung dieses Standpunktes bliebe deßhalb erst recht eine erlösende That. Wenn es eines Beweises für die gebieterische Nothwendigkeit bedürfte, dieser Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, so dürfte man ihn in der hartnäckigen Abweisung erblicken, die sie von so vielen Seiten erfährt. Sie wird

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