Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1899)
- Date
- 1899-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1751 auf diesem Gebiete, des Ertragen« und Abwendens schwerer, die jüdische Gesammtheit drohenden Verhängnisse waren sie erfahrener und geschulter als wir. Und wir brauchen nicht lange zu suchen nach dem bewährten Mittel, das sie uns für solche harten Verhängnisse hinterlassen und empfohlen haben. Es klingt uns noch aus den jüngsten heiligen Festtagen nach: „d a ß R ü ckkehr. Gebet und Pflichttreue jedes Verhängniß, wenn auch nicht immer völlig beseitigen, so ihm doch seinen bitteren Stachel nehmen." .mnn yn n« pi’ayo np-ix: n^eni naitym Hier freilich ist es, wo Die Ansichten der zeitgenössischen Judenheit, wie Ja und Nein, wie Sein und Nichtsein auseinandergehen. Alle sind darin einig, daß diese Zustände ein schweres Verhängniß, eine mu in des Wortes vollem Sinn bedeuten. Daß diese Einmüthigkeil schon einen wesentlichen Fortschritt bedeutet, ist bereits angemerkt worden. Aber in den Mitteln zur Abwendung dieser spiegelt sich die ganze Zerfahrenheit u. Zerklüftung aller Ueberzeugungen und Anschauungen wieder. Während die einen glauben, in solchen Zeiten der Verkennung und Bedrängung des Judenthums, wäre es Pflichtseiner Bekenner dasselbe möglichst wenig prononcirt zur Schau zu tragen, und so jedem Anstoß möglichst aus dem Wege zu gehen, glauben eben die anderen, die auf dem Boden des heiligen Schriftthums stehen, gerade in solchen schweren Zeiten, sei die volle, rückhaltlose Rückkehr zum alten, einzigen, unverfälschten Judenthum und seinen Satzungen unabweisbare Pflicht eines jeden Juden, dem der Ernst der Zeit zu Herzen geht. Alle schweren Schicksalsschläge, welche die Judenheit in den letzten Jahren betroffen haben, scheinen darauf hinzuzielen uns ausnahmslos die Rückkehr zum wahren Judenthum als eine Pflicht der Selbsterhaltung nahe zu legen. Hat das Aufgeben von jüdischer Satzung und Sitte uns die Gleichheit und Anerkennung gebracht, die so viele ihrer Verächter sich davon versprochen haben? Macht der Judenhaß, der sich heutzutage Antisemitismus nennt, vor dem modernen Juoen Halt, der fein Judenthum nicht mehr durch Beobachtung der jüoischen Gesetze verräkh? Sind die Juden ohne Mesusa an ihrem Hause, ohne das göttliche Bundeszeichen an ihrem Körper, ohne Zizis an ihrem G:wande, ohne Tefillin an Haupt unv Arm, sind die Juden, welche die Weihesiunoen der Sabbaturd Festtage, welche die Satzungen über Speise und Trank aus ihrem Leben gestrichen haben, weniger den Rohheiten des gebildeten und ungebildeten antisemitischen Pöbels als die anderen ausgefetzt? Behauptet der letztere nicht im Gegentheil sein Haß gelte nicht den Juden »ans phrase, sondern denjenigen, welche jede positive Religion abgestreift haben und dadurch als moderne Heiden ihre geistige Ueberlegenheit ohne jede religiöse Scheu in gemeingefährlicher Weise geltend machen? Wohl wissen wir, was von dieser verlogenen Heuchelei im Munde unserer Feinde zu hatten ist, wohl wissen wir, daß der von antisemitischen Händen geworfene Stein nicht erst die Häuser, in die er geschleudert wird, auf ihre Gesetzestreue prüft, wohl wäre es thöricht an den Ernst dieser Behauptungen zu glauben. Aber diejenigen von uns, die nun trotzalledem für ihr religiöses Thun und Lassen auf unsere Feinde Rücksicht nehmen, die unseren Judenfeinden zu Liebe jüdisches Gesetz und jüdische Sitte aufgeben, müßten diese, wenn sie nur konsequent handeln wollten, selbst von ihrem Standpunkt aus, nicht das Gegentheil thun, und so dem zeitgenössischen Judenhaß seinen ersten und letzten Vorwand durch aufrichtige Rückkehr zum Judenthum nehmen? Werfen wir einen Blick auf den Märtyrer von Rennes. Die große Welt, welche die heroische Art, mit der er sein Martyrium ertrug, bewundernd anerkennt, kennt dieses Martyrium nicht einmal in seiner ganzen Größe. Schon vor fünf Jahren hat er es ausgesprochen, daß sein einziges Verbrechen darin bestehe, daß er Jude sei, daß seine Verleumder und Richter ihn lediglich gegen Recht und Gesetz anklagen und verurteilen, weil er Jude ist. Ec erträgt die schwersten, physischen und psychischen Leiden, weil er Jude ist — und er ist er nicht. Ec ist es nur oem Namen, der Physiognomie und der Abstammung nach, in Wirklichkeit steht er dem Judenthum fern und fremd gegenüber. Er kennt es nicht, er lebt nicht ihm gemäß, er bewegt sich nicht in den Bahnen des Gesetzes, welches das Judenthum seinen Bekennern zur Pflicht macht, er ahnt die Beseligung nicht, nicht die sittliche Kraft und Ausdauer, welche die Erfüllung seiner Satzungen zur Folge hal, er besitzt von dem Judenthum nichts als die Schmach, die sich wie ein Schatten an seine Bekenner haftet und erleidet dafür ein Martyrium sondergleichen. Ec hat es in erschütternder Weise erfahren, daß Gleichgiltigkeit und Mißachtung von Juden und Judenthum keine Garantie gegen den Judenhaß bieten, daß der Jude auch in Capitains-Epauletten Jude bleibt, er ist das Mittel in der Hand der Vorsehung geworden, diese Erfahrung seinen Glaubens- oder vielleicht richtiger seinen Unglaubensgenossen so eindringlich und offenkundig, als er nur denkbar ist, zum Bewußtsein zu bringen. Ist diese Erfahrung aufgegriffen und beherzigt worden? Wer sich darüber täuschen und bereden will, daß nicht der Jude, sondern der jüdische'Offizier, daß die hervorragende Stellung es ist, welche den Neid und Haß seiner Umgebung bewirkt habe> den verweisen wir aus den zum Tode Verurtheilten in Küttenberg. Beide zusammen beweisen, daß dem Judenhaß keine