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Der Israelit · 1899-10-23 · Heft 84 (23.10.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 84 (23.10.1899)
Date
1899-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1750 nissen wirklich etwas lernen und auch diesen trüben Phasen eine Lichtseite abgewinnen wollen. Da muß nun zunächst daran erinnert werden, daß, so betrübend diese Vorgänge auch find, sie dennoch einen großen Fortschritt der siegreichen Macht von Wahrheit und Recht bedeuten. Auch in den finstersten Jahrhunderten jüdischer Bedrückung und Verfolgung hat eS nicht an vereinzelten Edlen gefehlt, die in außerjüdischen Kreisen gegen die rohe Vergewaltigung von Juden und Judenthum ihre Stimme erhoben haben. Aber diese Einmüthigkeit, mit welcher außerhalb des Judenthums stehende Geister den Kampf für das an einem Juden verletzte Recht aufnehmen, wie es in unseren Tagen geschehen ist, und noch täglich geschieht, dürfte in den jüdischen Annalen kaum ihres Gleichen haben. Sie hat es erreicht, daß ein von zwei KrieSgerichten des Verraths fälschlich beschuldigter Jude, von der Regierung begnadigt und in Freiheit gesetzt wurde. Ihr wird es unter göttlichem Beistände auch gelingen, daß in dem Verdikt der Geschworenen von Kuttenberg, welches grundlos einen Juden wegen Hilfsleistung bei einem „Ritualmorde" zum Tode verurtheilte, noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Trotz aller trüben Erfahrungen unserer Tage muß es daher mit freudigem, dankerfülltem Herzen constatirtwerden: die Zeiten haben sich gebessert. Es ist nothwendig daS zu betonen, angesichts einer Bewegung, die, wie die zionistische lediglich dem Druck und der Zurücksetzung von Juden und Judenthum ihre Existenz verdankt, deren Wortführer daher die betrübenden Erscheinungen unserer Tage noch trüber darstellen, als sie in Wirklichkeit sind. Es ist gewiß kein Zufall, daß unter den treibenden Elementen dieser Bewegung ein geistreicher Vertreter des modernen Pessimismus an der Spitze steht und bei der alljährlichen Heeresschau seiner Getreuen die Zustände der zeitgenössischen Judenheil in allen Ländern der Erde nicht genug grau in grau malen kann. Viele auch von denjenigen, welche dieser Bewegung gänzlich fremd gegenüberstehen, sind, geblendet von dem Geistreichthum eines gewandten Feuilletonisten, nur allzuleicht geneigt, dieser düsteren Darstellung Glauben zu schenken, welche sich ausschließlich aus geschickt gruppirten Schattenseiten unserer Gegenwart zusammensetzt, während sie die lichten Momente geflissentlich ignorirt. Die Trübseligkeit und Muthlosigkeit, welche dieser künstlich gezüchtete Pessimismus erzeugen möchte, soll dann die Unzufriedenen in Hellen Hausen dem Zionismus zuwenden, als dem-einzigen Universalmittel, das alles, Leid/ und Weh heilt, oder auch mildert. Manbratzchtdie. zweifellose Erfolglosigkeit. .dieser wahrheiMivMen MittetundflLege, die. in wenigen Jahren wo'r aller Welt offen da? liDst .Herde n, nicht erst abzuwarten. Aus der süßen Gewohnheit ihres Daseins durch die unlieb' a Geschehnisse unserer Tage aufgescheuchte WeltkilOL mögen wohl glauben, daß wir in der schlechtester Zeiten und Welten leben. Aber wer die nn «lut und Thränen geschriebene Geschichte unseresrPolkes kennt, wird keinen Augenblick anstehen es zu bestätigen, daß die Zeiten nicht schlechter, daß sie ganz entschieden besser geworden sind. Selbst das Herbe und Schwere, das uns in diesen Tagen von außen betroffen, hat uns mit seinem Leid und Weh unsäglich viel Gutes gebracht. Was wir an Macht nach außen verloren haben, haben wir an Kraft nach innen gewonnen. .Unsere RechtSlosigkeit und Schutzlosigkeit, von der wir uns in Viesen Tagen so schmerzlich überzeugt haben, hat einen Gemeinsinn und ein Bewußtsein der Zusammengehörigkeit erzeugt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. — Ein schlecht beleumundeter, auf der niedrigsten Stufe stehender Jude, wird in einem weltfernen Winkel der österreichischen Monarchie widerrechtlich zum To.w verurtheilt und dagegen erhebt sich in einer feierlichen, aä boe berufenen Protestversammlung — — die Wiener CultuSgemeinde! Das hat sie früher bei Anlässen, die vielleicht nicht weniger dringlich waren, nicht gethan, trotzdem es an Anregungen und Mahnungen dazu nicht gefehlt hat. Man mag über den äußeren Erfolg derartiger Proteste so gering, wie auch immer denken, die solidarische Gemeinschaft, welche diese Versammlung mit dem unschuldig verurlheilten Bruder ausspcicht, ist und bleibt ein unleugbarer Fortschritt, eine erfreuliche Bestätigung der Wendung zum Besseren, die sich langsam, aber sicher vollzieht. Freilich hat sie, wie alles Halbe und Unzulängliche auch ihre sehr ernsten, bedenklichen Seiten. Wenn wir Juden Versammlungen berufen, Reden halten, Proteste erlassen und in jeder Form Verwahrung gegen die Beschimpfung des Judenthums einlegen, welche die Vergewaltigung feines letzten Bekenners bedeutet, so haben wir alles gethan, was wir nach außen hin für unser gebeugtes Recht thun können. Wenn wir aber nach dieser Seite hin unsere volle Thalkraft entfalten und in Folge dessen glauben, wir hätten nun allem genügt, was in solcher Lage unsere Pflicht fordert, so läuft man leicht Gefahr das Wichtigste und Nächstliegende zu übersehen: das was wir nun innerhalb unseres Kreises zu thun haben, um das schwere, uns bedrohende Verhängniß abzuwenden. Da sollte doch der Gedanke nicht allzufern liegen, einmal in unserer Geschichte Umschau zu halten, was . denn unsere Väter in Zeilen solcher schweren Ver- ^. hängnisse gethan haben, um sie abzuwenden. Wir lyögeu von'/ uns und unserer Zeit noch so hoch ünd von ünseren ’ Älivorderen noch so gerütg denken,

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