Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1744 hohe Gestatt mit einem plötzlichen Ruck zu ihrer ganzen Höhe; ergriff seinen Hut und verließ mit stürmischen Schritten das Zimmer und das Haus. Immer schneller wurde sein Gang; immer hastiger strebte er vorwärts; und endlich hatte er sein Ziel erreicht. Es war der Friedhof, wo seine Eltern im gemeinsamen Grabe ruhten. Leise, unverständliche Worte murmelnd, stand er hier, brennenden Auges blickte er auf die Stätte, die fein Theuerstes barg; und plötzlich warf er sich mit ausgebreiteten Armen auf das Grab, und wie der Schrei eines zu Tose Getroffenen gellte es von seinen Lippen : „Mah nischtannoh Hallailoh Haffe!" Spät kehrte er wieder heim; und als Johanna ihn verwundert fragte, wo er so lange gewesen sei, da antwortete er nicht, er setzte sich an den Tisch und gab den Seder, Rudolph hatte seinen Glauben wiedergefunden. „Warum ist ausgezeichnet diese Nacht von allen anderen Nachten"? Johann Heter Hebel und die Juden Von S. Rothschild, Worms. Ein Unterhaltungsblatt brachte jüngst einen kurzen biographischen Lebensabriß des alemannischen Sängers Johann Peter Hebel. Dabei wurde an eine Episode aus seinem Leben erinnert, wo man ihn in Segringen als einen Juden hielt und er erst nach Vorlage seiner Universitätszeugniffe von der Entrichtung des Judenzolles befreit wurde. Ich habe mich viele Jahre eingehend mit Hebels Leben und Werken beschäftigt und habe bis kurz vor seinem vor zwei Jahren erfolgten Tode mit dem in weitesten Kreisen bekannten Hebelforscher, dem evang. Stadtpfarrer Längin in Karlsruhe in brieflichem Verkehr gestanden und benütze nun gern diese Anregung, mich über die Stellung Hebels zu den Juden zu äußern. Hebel war ein Kind seiner Zeit und wenn er in seinem „Hausfreund", wie Längin schreibt , „den Juden gern ein bischen etwas anhängt," so ist das sicher nicht ernst zu nehmen, gerade so wenig, als man Rückert ernstlich darüber grollen darf, wenn er in seinem „Bäumchen, das andere Blätter gewollt hat", von dem „Juden" sprach. In damaliger Zeit stand der Durchschnittsjude noch aus keiner hohen Kulturstufe und er mußte deßhalb als „handelnde Person" für alle Poesie und Prosaformen das Modell abgeben. Hebel war ein viel zu braver und gemüthvoller Mensch, als daß er nicht in jedem Menschen das Ebenbild Gottes erblickt hätte. Dabei war er ein schwärmerischer Verehrer der hebräischen Sprache, die er als Lehrer am Gymnasium zu Karlsruhe mit vielem Geschick lehrte. So liebte er auch das Volk, das der Träger dieser Sprache und dem nichts heiliger gewesen als seine Bibel, deren Geschichte keiner so schön zu erzählen wußte wie er und in die I er einen so engherzigen Standpunkt nicht hinein zu | interpretiren verstand wie seine pietistischen Kollegen. Trotzdem Hebel die biblischen Geschichten als Prälat geschrieben, mußten sie doch 1855 der pietistischen Zeitströmung zum Opfer fallen. Er selbst äußerte sich in seinem im Nachlaffe Vorgefundenen Traumbuche: „In der nämlichen Nacht speiste ich mit Christus und den Aposteln; letztere waren lauter Herrenhuter. Ich besorgte nur, Christus möchte mir ansehen, daß ich nicht kauscher im Glauben sei." Seiner freieren Anschauung entsprach es durchaus, daß bei seinem Verkehr auch Juden nicht ausgeschlossen waren. In Karlsruhe fand sich im Weinhause zum Bären eine illustre Gesellschaft wöchentlich mehrere Male ein, deren Präsident Hebel gewesen und die ihre Zeit meistens mit Räthselgeben verbrachte. Unter diesen Personen finden wir die jüdischen, heute noch in Karlsruhe bekannten Namen Haber und Kusel. Auch ein Herr Model gehörte der Gesellschaft an. Ueber diesen finden sich im Nachlaffe zwei Charaden. Die von Hebel lautet: „Ratet, wie ich heiße, ihr lieben christlichen Herrn, Lebkuchen formt man in mir, selber eß ich sie gern." Die von Obermedizinalrath Wolz lautet: „In der Kirche seht ihr mich nimmer, doch öfters am Spieltisch und doch nennt ihr mich stets Muster und Vorbild ihr Herren." Wie sehr Hebel die Juden liebte, hat er in einem Aufsatze „Die Juden", welcher 1812 in der Zeitschrift „Jason" erschienen war und der an die theologische Gesellschaft zu Lörrach gerichtet, gezeigt. Nachdem er in der Einleitnng von den Physiognomien der Juden, von dem Brauche, mit bedecktem Haupte zu essen und zu beten, von der Eigenthümlichkeit ihrer Sprachweise gesprochen und dies alles