Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1745 in ihrer orientalischen Abstammung begründet findet, fährt er wörtlich fort: „Ich fordere Achtung für eine anderweitige Heiligkeit dieses Volkes und decke darüber den Mantel der Schonung. Lieber will ich sein Sachwalter sein und jetzt eine schöne und beneidenswerthe Seite desselben ausheben. Man sagt, der Jude weicht dem Ackerbau und jedem Berufe, der anhaltend und mühsam beschäftigt, aus und nährt sich, sei es auch kümmerlich, durch Handel, treibt Gaukelei, legt Rattengift, oder kultivirt irgend einen Nebenzweig einer nützlichen Kunst im Kleinen, z. B. die Operation der Hühneraugen. Man sagt daher, sie seien Tagediebe und das ist einseitig und ungerecht. Man sollte sagen, sie seien „Morgenländer." Nachdem Hebel über die Thätigkeit und Lebensweise der verschiedenen Völker sich ausgelassen, wobei er die Bemerkung einfließen läßt: ..Was aber den Jesaias betrifft, so behaupte ich nur so viel, daß, wer ihn vom 40. Kapitel an lesen kann und nie die Anwandlung des Wunsches fühlt, ein Jude zu sein, sei es auch nur ein Betteljude, der versteht ihn nicht und so lange der Mond noch auf einen Israeliten scheint, der diese Kapitel liest, so lange stirbt auch der Glaube an den Messias nicht aus," fährt er wörtlich fort: „Aus einem solchen Lande kamen die Juden nach Europa, und was wollen wir dazu sagen, daß sie der Weihe ihrer Heimat getreu bleiben und mehr Charakter und Kraft haben als wir? Wollen wir sie verdammen? Das sei ferne. Sie konnten aus ihrer Heimath vertrieben werden, das war Gottes Gewalt. Aber ihre Heimath und die Würde und Freiheit des Volkes Gottes an einem Sägebock oder hinter einem Schubkarren verleugnen, das können sie nicht. Sie können hungern, sie können verschmachten, wenns sein soll, aber ihr edles Blut, einst in den Adern der Väter an einer besseren Sonne gebraut, in knechtischer Arbeit verdumpfen, das können Kinder Abrahams nicht und sind und bleiben zu dem Ausspruch: „Sorget nicht für den anderen Morgen", die lebendige Exegese. Die anderen Eigenthümlichkeiten, so z. B., warum der Jude con amore das Fleischerhandwerk betreibt, will ich übergehen und noch die Antwort Hebels geben, warum der Jude von keinem europäischen Laster so frei sei, als von der Trunkenheit. Hebel sagt: Man hälts für Sparsamkeit. Aber doch nascht er gern etwas Gutes, wenn ers haben kann. Wahrscheinlich könnte man sagen, der europäische Wein sei ihm zu schlecht. Aber ich wills aus dem Fundament erklären. Es ist national. In der großen Musterkarte jüdischer Laster, die uns die Bibel aufbewahrt, nimmt Trunkenheit noch immer das kleinste Feld ein. Saufen ist nur im Norden epidemisch. Branntwein kauft der Nordmensch. Wir pokulieren Wein. Wein mit Wasser trank der Grieche. Palmenwein genießt der Südländer und der Araber läßt sichs von seinem Propheten ganz verbieten. Hätte der unserige es uns verboten, so würden es pokallustige Exegeten und Leser so auSdeuten: Ihr sollt nicht ängstlich trinken. Hebel schließt seine gelehrte Abhandlung mit den Worten: „Grüßet mir den Thumringer Juden und wenn er noch lebt den Scheitele in Lörrach den Nausel!" So sehr also Hebel die Schicksale der Juden nahe gingen, zu dem freien Standpunkte der Judenemanzipation vermochte er sich doch nicht emporzuschwingen. Der Vertreter der Universität Heidelberg, Zacharian, sprach sich anläßlich der Wahl der Gemeindebehörden in der I. Kammer in heftiger Weise gegen die Juden aus, als ein anderen Völkern feindseliges Geschlecht und als ein Wandervolk, das deßhalb keinen Zutritt zu den Gemeindeämtern haben kann. Für die Juden tritt Rotteck und der edle Wessenberg, Vertreter des Erzbischofs von Freiburg ein. Mit acht gegen fünf Stimmen wird den Israeliten die Wählbarkeit abgesprochen, entsprechend dem Entwürfe. (Protokolle der I. Kammer 1822, Band II, Seite 301 und 419.) Längin schreibt: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Hebel sich unter den acht befand, wenn er auch die Begründung Zachariaes nicht theilte. Zum Schluffe möchte ich noch auf einen Charakterzug Hebels als Theologe Hinweisen, der leider bei so vielen seiner Kollegen der Gegenwart vermißt wird: ich meine die Scheu vor Proselytenmacherei. Während schon im Schatzkästlein die Erzählung „Die Bekehrung" genügend seinen Standpunkt nach dieser Richtung klarlegt, finden wir im Nachlasse folgendes ergötzliche Epigramm: 21 it eilten Proselyten. Der Mann mit seinem Hirtenstab Nahm dir die Decke Mosis ab. SchnappS hängt er dir die Zweite um, Und nennt sie Evangelium. Während ich diese Zeilen niederschreibe, muß ich unwillkürlich an das Wort wrn in dem dieswöchentlichen Wochenabschnitt ru und an die eine Deutung Raschis denken. Wie würden sich die freundlichen Züge Hebels verdüstern, könnte er sehen und hören, wie viele seiner Kollegen heute nach fast hundert Jahren in rücksichtsloser und menschenunwüdigerweise die Juden behandeln, die doch in kultureller Arbeit auf allen Gebieten hinter ihren christlichen Mitbürgern nicht zurückgeblieben sind! Wie würde er als Kirchenfürst und Dichter durch Wort und Schrift eintreten für die Rechte der Juden, die überall und zu allen Zeiten bewiesen und noch beweisen, daß das „Land ihrer Väter" ihnen heilig, daß sie aber auch durchdrungen sind von der Erfüllung der Pflichten, die sie dem Lande schulden, in dem sie geboren und erzogen sind.