Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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MMWMWMWWMWWM 1743 ging er mit sich zu Rathe, ob er sich seinem Vater offenbaren solle oder nicht. Als ehrlicher Mensch glaubte er seinem Vater Alles sagen zu müssen; als liebevoller Sohn vermeinte er, ihm den furchtbarsten Schmerz, den ihm sein Geständniß machen würde, ersparen zu müssen. Aus diesem Kampfe wurde er von seiner Mutter gerissen. Mit dem feinen Instinkt des Mutterherzens hatte sie herausgefunden, was Rudolph bewegte. Sie machte ihm keine Vorwürfe, als sie ihn eines Tages bat, ihr Gehör zu schenken. „Setze Dich aus den Schemel dort, mir zu Füßen, mein Rudolf, wie Du es so häufig als Kind gethan hast, und höre was ich Dir zu sagen habe." Und dann hatte sie seinen Kopf in ihre beiden feinen Hände genommen, und hatte ihm unverwandt in das Gesicht gesehen. „Ich weiß, was Dich bewegt, mein Rudolph. Als wenn Du es mir gesagt hättest, so klar weiß ich Alles. Du hast einen schweren, schweren Kampf durchgemacht mein Sohn', und der Unglaube ist Sieger geblieben. Dieses Bewußtsein, mein Rudolph, bereitet mir tiefes, tiefes Weh. Aber dennoch habe ich Dich lieb; ebensolieb wie früher. Du kannst ja Nichts dafür. Du folgst Deiner Ueberzeugung; leider mußt Du es! Aber so wenig ich Dir darüber einen Vorwurf machen kann, so sehr bitte ich Dich, Deinem Vater Nichts davon zu sagen. Der ertrüge es nicht. Du weißt nicht, kannst es nicht wissen, was es heißt, von fünf Kindern nur eins zu behalten. Dein Vater weiß es! Und alle feine Liebe gehört Dir. Wenn er von Deinem Glaubensabfall vernähme, so würdest Du ihm, trotz seiner großen, großen Liebe gleich einem Tobten sein, und er würde an der Trauer um Dich zu Grunde gehen." Rudolph war erschüttert von dem, was er jetzt vernahm. Er hätte was darum gegeben, wenn es ihm vergönnt geblieben wäre, gläubig zu bleiben. Er hätte dann nicht nölhig gehabt, seinem Vater gegenüber zu heucheln. Und heucheln mußte er! Seine Mutter hatte ihm ja gesagt, daß er seinem Vater mit einem Geständniß schweres Leid anthun würde, schwerer als es dieser ertragen würde. So lebten diese drei Menschen dann neben einander weiter; zwei von ihnen mit einem Geheimniß vor dem dritten, der glücklich in seiner Unkenntniß war. Nach einiger Zeit jedoch sing Rudolphs Vater an zu kränkeln. Der Arzt schüttelte bedenklich mit dcm Kopfe; und feine Besürch'ungen waren wohlbegrünvet. Nach einem mehrmonatlichen Siechthum starb Rudolph's Vater. Der Tod dieses Mannes hinterließ eine mächtige Lücke bei den beiden Hinterbliebt nen, und nur in einem noch festeren Aneinanderschmiegen fanden sie Trost. Und deßhalb fand Rudolph's Mutter auch Nichts darin, daß dieser, trotz seiner Ungläubigkeit, alle die Bräuche der jüdischen Religion, soweit es das Haus betraf, innehielt. Sie fühlte wohl heraus, daß ihr Sohn das Alles that, um sie das Langgewohnte nicht entbehren zu lassen. Sie lauschte ebenso andächtig den Gebeten des Sohnes, der sie nur mit dem Munde sprach, wie sie den Gebeten des Gatten gelauscht hatte, dem sie aus inbrünstigem Herzen kamen. Der Gott, der das Allewußte, der wußte auch, daß das Herz ihres Sohne» rein war, wie lauteres Gold; und die Worte mußten ihrer Meinung nach, trotz des großen Jrrthum» dessen, der sie sprach, gut ausgenommen werden. Und wenn die Sederabende herankamen, dann freuten sich Mutter und Sohn auf die uralten Gesänge, auf die mächtig tief ergreifende Poesie, die in ihnen lag, und rückhaltlos gaben sie sich ihr hin. Eine Reihe von Jahren verstrich. In der Lebensweise der Beiden änderte sich Nichts. Rudolph blieb unverheiralhet, trotzdem feine Mutter es sehr gern gesehen hätte, daß er ihre eine Schwiegertochter zuführte. „So gut, wie ich eS bei Dir habe, bekomme ich es doch nicht;" antwortete Rudolph jedes Mal, wenn feine Mutter mit Heirathsplänen herausrückte. In den letzten Jahren war dieses Thema gar nicht mehr berührt worden, nur ein Mal, wenige Wochen vor dem Tode der Mutter hatte diese e» wieder behandelt, jedoch mit demselben Erfolg wie bisher. Rudolph hatte ihr scherzend geantwortet, daß er bei ihr am besten aufgehoben sei. Und als feine Mutter energischer in ihn drang, da antwortete er: „Lasse es gut fein, Mutter; ich bin zu alt zum Heiralhen; die Zeit der Liebe habe ich versäumt." „Und wenn ich nicht mehr sein werde, mein Rudolph, was dann?" Darauf hatte Rudolph seine Mutter in die Arme genommen und sie auf die welken Lippen geküßt: „Wir bleiben noch lange, noch sehr lange beisammen." Aber sie blieben nicht mehr lange beisammen. Wenige Wochen darauf starb die alte Frau. Und nun war der erste Sederabend nach dem Tode der Mutter gekommen. Mehr als je fehlte sie Rudolph heute. Durch alle Zimmer war er schon gewandert, und überall erzählten ihm die Gegenstände von der Verstorbenen. Es wurde ihm so wehe, so unendlich wehe heut! Wenn er sie doch nur einmal, nur noch ein Mal umfassen dürfte! Aber es war vorbei, vorbei für immer!- Die Uhr auf dem Wandgesims tönte weiter und weiter; das Feuer im Ofen war dem Erlöschen nahe. Eine unheimliche Stille herrschte in dem Zimmer.- Langsam erhob sich Rudolph aus dem Lehnsessel; noch ein Mal ließ er seinen Blick, wie suchend über alle Gegenstände schweifen; dann streckte er seine