Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1742 Warum ist ausgezeichnet diese Nacht? Skizze von Marti« Behren-. In dem mit altmodischen Möbeln ausgestatteten Zimmer, daneben seiner Gemüthlichkeit eine gewisse Wohlhabenheit des Besitzers verrieth, ging dieser, ein Mann von dreißig und einigen Jahren, mit großen Schritten auf und ab. ES war einige Stunden vor Beginn des ersten SederabendS. Im Ofen brannte ein Feuer, das den Raum angenehm durchwärmte. Ein fahles Licht drang durch die Fenster in das Gemach. Der Mann unterbrach seine Wanderung durch daS Zimmer und stellte sich vor den Ofen, dessen geöffnete Thür es ihm gestattete, in die Gluth zu sehen. Er spürte nichts von der ausströmenden Hitze. Langsam wandte er sich vom Ofen ab und nahm seine Wanderung wieder auf. Da wurde die Thüre geöffnet und herein trat Johanna, die Magd, die er kannte, so lange er denken konnte. „Soll ich Licht anstecken?" fragte diese. Der Angeredete schüttelte verneinend mit dem Kopfe. „Warum nicht? ES ist doch schon dunkel?" „DaS schadet nichts, Johanna. Ich habe es gern so/ „Du hast es gern so! Warum? Du zerbrichst Dir den Kopf mit Deinem Grübeln. Stundenlang gehst Du nun schon auf und ab. Was soll das? Was bewegt Dich so, mein Rudolph?" „Es ist heute der erste Sederabend ohne Mutter!" Eine Pause trat ein. Dann ging die Magd leise, wie sie gekommen war, wieder aus dem Zimmer hinaus. Jetzt war Rudolph wieder allein. Er wußte es, daß ihn seine treue Hausgenosstn heute nicht mehr stören werde. Der hatte er mit seiner Bemerkung, daß es heute der erste Sederabend ohne die Mutter sei, genug zu denken gegeben. Die saß jetzt in ihrer Kammer und dachte wie er, an die Frau, die ihnen Beiden vor einigen Monaten durch den Tod entrissen worden war. Langsam ging Rudolph auf den Lehnsessel, der seiner Mutter gehört hatte, zu. Wie oft hatte er als Kind auf dem Schooße seiner Mutter in diesem Lehnsessel gesessen. Wie hatte es ihn beglückt, hier auszuruhen von den lustigen, übermüthigen Spielen. Heute vor einem Jahre war es daS letzte Mal gewesen, daß die theuere Frau ihn den Seder hatte ${• —-- Nachdruck verboten. geben hören. Sie hatte zuletzt ja nur ihn gehabt. Alle ihre anderen Lieben waren schon vor vielen Jahren dahin gegangen, von wo es keine Wiederkehr giebt. Zuerst vier Kinder, dann der Gatte. Dieser war ein ernst und ruhig seines Weges gehender Mann gewesen, den Rudolph so ungemein verehrte. Wenn sein Vater ihn, trotzdem er ihn so innig liebte, in seiner gemessenen Weise liebkoste, dann überkam ihn ein Gefühl von Liebe und Ehrfurcht, das ihn fast überwältigte. Wenn der Vater ihm am Freitag Abend die Hände auf den Kopf legte und mit seiner sonoren Stimme den Segen über ihn sprach, dann ging ein Schauer durch den Körper des Knaben. — — —- Rudolph wuchs zum Jüngling heran, mit dem, je älter er wurde, eine gewaltige Aenderung vorging. Er kam zum Zweifel an den Gesetzen seiner Väter. Es war ein furchtbarer Kampf, den er durchzumachen hatte. Allmählich, ganz allmählich war der Zweifel in ihm aufgekommen. Ein großer Schreck hatte ihn erfaßt, als es ihm zum ersten Male wohl zum Bewußtsein gekommen war, daß er an deni zweifelte, woran er früher so fest geglaubt hatte. Er wollte nicht zweifeln; und dennoch konnte er nicht anders! Mit aller Macht klammerte er sich an seinen alten Glauben; und dennoch zerfiel seine Ueberzeugung. Trotz der unbegrenzten Verehrung, mit der er zu seinem Vater aufsah, trotzdem er sah, wie diesem Manne nie ein Zweifel gekommen war, konnte er sich einer Einsicht nicht entschließen, die ihn zu einem Abtrünnigen vom Glauben machte. Und dennoch konnte er sich dem Zauber, den die religiösen Gebräuche der Juden auf ihn ausübten, nicht entziehen. Besonders am Sederabend wirkten sie mächtig aus ihn; und wenn er an einem solchen Abend seinen Vater singen und sagen hörte von Dem, was in grauer, alter Vorzeit lag, dann schloß er die Augen und gab sich dem Banne hin, den die Gesänge von der gewaltigen Geschichte der Juden auf ihn ausübten. „Mah nischtannoh Halleiloh haße?" (Warum ist ausgezeichnet diese Nacht?) hatte er ja als Kind gefragt; und es war ihm stets Antwort geworden, die wie ein wunderbares Märchen klang. Als er endlich mit sich ins Klare gekommen war, als er nicht mehr zweifelte, als er einen festen, unerschütterlichen Standpunkt eingenommen hatte, da