Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1726 der Strahlenglanz des pnv2 des Vertrauens auf die gnädige Führung und Fügung unseres treuen Vaters. Diese Gebete sind nicht verfaßt und verfertigt, sie sind emporgesprudelt wie der Quell aus dem Felsen, sie sind gewachsen, wie das Blümlein aus der Erde. Wohl ist die Gebetsliteratur nicht so vielgestaltig farbenprächtig, wie der weltliche Sang, immer kündet sie von Gottesgesetz und Israels Pflicht, man könnte das eintönig nennen, aber es ist die großartige Eintönigkeit des rauschenden Meeres, der zu lauschen wir nicht müde werden. Und dann welche Macht und Kraft wird da bei aller Beschränkung entfaltet! Wie ein rother Blutquell aus dem Herzen eines fchmerzdurchwühlten Volkes sprudeln da die Worte hervor. Fortwährend stand es fragend und bangend vor finsterem Leid, aber mit jedem Schmerz ward eine Erfahrung gewonnen und mit einer Bilderpracht gekündet, deren Farben sich der Phantasie einätzen, und mit jener ergreifenden Redegewalt ausgesprochen, deren Töne unser Herz in den Tiefen zu erschüttern vermögen. Ein Dichter und Beter muß der sein, der die ganze Pracht und Schönheit dieser Lieder in Prosa und dieser Gesänge ohne Reim und Metrum begreifen und würdigen will. Was wir beten, der Inhalt unseres Siddur kann in seiner Totalität nur in betender Andacht erfaßt und begriffen werden. Die prächtigen Einzelheiten aber anzudeuten, ist Sache eines eingehenden und liebevollen Studiums. Aus solcher hinaebungsvollen Versenkung in das Siddurwort ist z. B. auch das äußerst anregende Buch Nahida Remys, Culturstudien über das Judenlhum entstanden; und wer den tieferen Sinn des Gebetes erfahren will, lese die meisterlichen Siddurerläuterungen Rabb. Hirsch's welche am besten geeignet sind, die Schönheiten unserer Gebete zu erschließen; aber eine andere Frage mehr formeller Natur, wie wir beten sollen, mag uns Gelegenheit zu einigen Bemerkungen geben, zu denen uns unser Einleitungsvortrag zur hebräischen Gebeikunde im neugegründeten Jungfrauenverein hier die Anregung gab. Wie sollen wir beten? Mit Andacht rw», mit Sammlung L'virH 12b rix pyv jtx. Der Beter muß dem Herzen seine Richtung auf Gott gewiesen haben. Denn aa?J >62 nrj xbz nbcn „Gebet ohne Andacht, ist wie ein Körper ohne Seele. Darum sieht der Prophet in dem gedankenlosen Gebet ein trauriges Merkmal von der Abgestorbenheit des Glaubens: 'xaa pm nfc was r>xißa>2i i'£2 nm nun tw: *o pr meto me 'nix wikt *nm „Es drängt dieses Volk zu mir mit seinem Munde und mit seinen Lippen ehrt es mich, sein Herz aber ist mir fern und seine Verehrung für mich ist geworden zur angelernten Menschensatzung." Andachtloses Gebet ist nach dem Talmud pinbi ntpn p „von der Lippe und auswärts," das Gebet soll aber sein" 2toe> rni2i> „ein innerer Herzensdienst." '21 bv bbono ximmi ntoxiai vm nxnpa rm m to» pw .aipan tMtiron a^em xto 72p 7xiton wn R. Simon lehrte: „Sei andächtig beim Gebet, und wenn du betest, mache dein Gebet nicht zum Geschäft, sondern zur liebeerfüllten Aussprache vor Gott!" Um sich in die zum Gebete würdige Stimmung zu versetzen, warteten nach dem Talmud die früheren Frommen eine Zeit vor dem Gebete, und erst nachdem sie sich recht gesammelt hatten, beteten sie. Die Boraitha schreibt ausdrücklich vor: btorinb p-iaiy px 71x1a xdi pintp 71x12 ab) xiibV -pro xbi X112V 71x12 xb 7'xiv xto a'toa D'*i2*i 71x12 xbi ano mbp 71x1a xbi nnnr niara bv nras». „Man beginne nicht zu beten aus trübseliger oder maltherziger Stimmung, nicht nach Scherz und nicht nach Spott, nicht nach Leichtsinn und nicht nach Geschwätz, sondern aus der Freude am frommen Wirken." Eine naturgemäße Folge dieser Anschauung ist, wenn das Gesetz uns in all den Zuständen, in denen wir die zum Gebet nöthige Sammlung nicht gewinnen können, von der Verpflichtung zur täglichen Andacht befreit. Der Bräutigam am Hochzeitstage, der Leidtragende bis nach dem Begräbmß brauchen nach dem Talmud die vorgeschriebenen Gebete nicht zu verrichten. Schon in eben angeführter Boraithastelle wird gezeigt, woraus die rechte Gebetsiimmung erwächst. Dies ergänzend, erinnern wir an die Talmuostelle mix, '121 71x1a ntoxia p-ieiy: Man bete, wenn man Gottes Thora studirl hat. In der That ist das Nachdenken über Gottes Wort, über sein Watten auch in Natur und Geschichte, die letzte Vorbereitung zum Gebet. Daher sagte auch der sterbende R. Elieser zu seinen Schülern: c^toxia anx « un „Sucht zu erkennen, vor wem ihr betet." Die Gedanken an die Größe unseres himmlischen Vaters verleihen unserm Herzen die rechte Weihe, ina» aix mo* ato1? bbow an«: rrapn to> „Erst versenke sich der Mensch huldigend in Gottes Allmacht und dann bete er." Das andachtsvolle Beten, das so gewonnen werden soll, hat aber noch eine wesentliche und selbstverständliche Vorbedingung in der sprachlich richtigen Erfasiung des Gebeiwortes. Wir beten in gemeinsamer Andacht Hebräisch. Darum ist es heilige Pflicht, auch für Frauen, diese Sprache zu erlernen. Wohl ist nach der Halacha das Schma und die Tephilla in jeder Sprache statthaft, aber aus wichtigen Gründen muß die hebräische Sprache unsere gemeinsame Gebetsprache sein und bleiben. Warum haben die Männer der großen Synode, denen, wir den Grundstamm unserer Gebete verdanken, die Tephilla und Segenssprüche in hebr. Sprache abgefaßt? War doch damals nach dem babylonischen Exil das Ara-