Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1899)
- Date
- 1899-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M SS. Dtr Israelit. Ei» Aentrak-Hrgan für das orLHodore Iudenlhum. Begründet von Br. Xttymmnn in IKtnin]. Donnerstag, de« 19. Oetober 5660 (1899). Wr Mnvlr abonnirt man bei allen Postanstalten für die Monate November u. veeember auf den Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-Zeitungsschalter des Wohnsitzes des Bestellers oder bei dem betreffenden Landbriefträger aufgegeben werden. Ausland entsprechend höher. Dir Grprüttion -es »Jstaelit“. leitender Artikel. Cln »etter Prolog?ar ölten Tephillo. Von Rabbiner Dr. Max Beermann—I n st e r b u r g. Der aramäische Uebersetzer der Thora gibt bedeutungsvoll den hebräischen Text n'n wi „und es ward der Mensch zu einem lebendigen Wesen" mit der Umschreibung wieder nr6 D*wa mm: „es ward der Mensch zu einem redenden Wesen! Nachmanides, dessen spekulativer Geist so tief in die heiligen Quellenschriften eindrang, erläutert diese Targumstelle, indem er betont, daß die denkende Seele in uns auch die sprechende ist, und daß die Würde des Menschen, mit Erkenntniß und Verstand begabt zu sein, durch das Sprachvermögen kund wird. Der herrlichste Gebrauch aber, den der Mensch von seinem Vorzug machen kann, ist die Anwendung der Sprache zur Verherrlichung seines Schöpfers. Im Gebet bekundet die Seele in uns ihre göttliche Herkunft, spricht sich ihr Sehnen nach ihrer ewigen Heimath aus. Wie daher die jüdische Mystik in ihrer phantasieerfüllten Weise das Gebet am nennt, liebende Verbindung der Seele mit ihrem himmlischen Gemahls, so ist es ein elementares Bedürfniß de» Menschenherzenr im Gebet mit dem Ewigen sich zu vereinen und in der heiligen Zwiesprache mit Gott an Licht und Weihe zu gewinnen. Darum ist das Gebet so alt wie die Religion, so alt wie da» Gottesbewußtsein im Menschen. ES ist die naturgemäße Himmelskost, nach der die Seele unablässtg lechzt, wie die Blume sich nach der Sonne sehnt. Mit dem ersten Patriarchen Abraham, deffen „sanften, wahrhaft urväterlichen Charakter" selbst der für die Bibel so kritikreiche Göthe rühmt, hören wir des Gebetes erste Töne — ein liebende» Vaterherz wendet sich an Gott: „O daß doch Jsmael vor Dir lebte" — und majestätisch durchbraust der Preis de» Ewigen, wie ein tausendstimmiger Sang die heiligen Bücher. Israel wurde das Volk der Religion, fein Volkslied — da» Gebet, seine Sprache — die Heilige, seine Wandersänge — Psalmen, seine Erntelieder — Hymnen, seine Hockzeitsklänze und seine Todtenklagen — Segen und Huldigung! Ins Golus ging das Gottesvolk, aber die Sonne der Lehre und das milde mondgleiche Licht seiner Gebete erleuchteten seine Nacht. Neben der Thora war Israels Volksbuch der Siddur. Was ist der Sivdur? Die jüdische Gebetordnung oder Gebeisammlung für Wochen-, Sabbat- und Festtage. Ein jüdisches Gebet heißt Tephilla (von nto—nto Wunder), also eine sinnende Betrachtung, welche uns die Welt und ihre Erscheinungen als Gottes Wirkungen und Gottes Mahnungen begreifen lehrt. Darin liegt mm Belehrung über sich selbst und die als Mensch und Jude zu lösende Aufgabe, darin kündet sich nav» Ruhm und Verherrlichung Gottes, der den Menschen zu seinem Dienste berufen, aus der Tephilla quillt hervor, wie der Thautropfen aus junger Blüthe, rmn der Dank unserer Seele für Gotte» Gnade und Heil, daraus leuchtet hervor, wie aus dem Wolkenmeer die Sonne,