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Der Israelit · 1899-10-16 · Heft 82 (16.10.1899) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 82 (16.10.1899)
Date
1899-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1718 , Breslart, 12. October.f(Wie ei^nHRitualm'ä'r'ch e n e n t st e^h t.) Das Ritualmordmärchen hätte dieser Tage um Haaresbreite in der kgl. Provinzialhaupt- und Residenzstadt Breslau sein Opfer gefordert. Im Gasthause von M. Widawer auf der Carlstraße in Breslau war der Kaufmann S. Wittelsohn aus Luttetow, ein circa 30 Jahre alter Mann von prononcirt jüdischem Aussehen, welcher Einkäufe für sein Geschäfc zu machen pflegt, mit seinem etwa vier Jahre alten allerliebsten Töchterchen Rahel, einem Kinde mit blondem Haare, abgestiegen. Als Vater und Tochter Abends in der Dämmerstunde vom Märkischen Bahnhofe, wo Wittelsohn Jemanden empfangen wollte, aber nicht angetroffen hatte, über den Berliner Platz zu ihrem Gasthose heimwärts wanderten, trat plötzlich eine Frau aus dem Volke an den in polnischer Nationaltracht gekleideten Wittelsohn heran und fragte ihn, wem das Kind gehöre. Auf seine Antwort: „Das ist mein Kind", rief die Frau mit erregter Stimme: „Das ist nicht wahr, das ist kein Judenkind, das Kind habt Ihr gestohlen, um es abzuschlachten, um sein Blut in Euern Mazzes zu verbacken" und was dergleichen Reden mehr sind. Die Scene hatte, da die Frau sich immer mehr in Erregung hineinredete, einen Menschenauflauf zur Folge, der so große Dimensionen annahm, daß der bedrängte Jude im nächsten Polizeikommissariat Hilfe suchen mußte. Während sich dort bald herausstellte, daß seine Angaben richtig seien, schwoll die Menschenmenge draußen immer mehr an, und als schließlich Wittelsohn und Kind von einem Schutzmann begleitet, den Heimweg nach seinem Hotel antrat, liefen hunderte Menschen hinterher, die besonders am Carlsplatz, wo sich die Menge staute und wo ein betrunkener Schnapsbruder aufreizende Reden hielt, eine bedrohliche Haltung annahmen, so daß der Schutzmann mit seinen Schützlingen noch kurz vor dem Gasthaus in das Geschäft von Leopold Mainzer flüchten mußte. Erst als sich die Menge einigermaßen verlaufen hatte, langten Vater und Kind glücklicherweise unversehrt in ihrem Absteigequartier an. Karlsruhe. Prof. August Schuhmacher aus Stetten bei Lörrach hat sich bei einem Ausflug nach dem Kurort Todtnauberg in das dort aufliegende Fremdenbuch eingetragen und dabei als seinen Beruf „Antisemit" angegeben. Mit Recht verwies die „N. Bad. Landesztg." auf den Uebermuth dieses „merkwürdigen Jugenderziehers" und fügte hinzu: „Jedenfalls scheint der Herr seine Lehrthätigkeit als Nebenberuf zu betrachten. Dann sollte er aber auch so viel „teutschen" Stolz besitzen, sich dafür nicht einen Gehalt zahlen zu lassen, wie ihn seine Kollegen nur für ihre Haupt-Berufsthätigkeit beziehen. Er kann sich doch unmöglich einbilden, daß er seinen Gehalt "etwa als Antisemit erhält; denn der badische Staat wird "nun und nimmermehr die Steuern seiner israelitischen Bürger dazu mit benutzen wollen, um Leute zu besolden, die den Antisemitismus, d. h. das Bekämpfen und Herabziehen einer ganzen Religionsgesellschast als ihren Hauptberuf ansehen. Mit welchen Gefühlen mögen israelitische Eltern ihre Söhne in das Gymnasium schicken, an dem ein solch verbissener, jedes Taktgefühls baarer Parteifanaliker seines Amtes waltet und einen Einfluß ausübt! Können sie zu ihm das Vertrauen hegen, daß er ihre Söhne mit gleichem Maaße mißt, daß er ihnen die gleiche Liebe und Sorgfalt zuwendet, wie den Söhnen christlicher Eltern?" München, 11. Okt. Ein hiesiges antisemitisches Blatt meldet die Einleitung einer Untersuchung, weil hier angeblich von der „jüdischen Allianz" Geldsammlungen für die DreyfuSkampagne veranstaltet worden seien. Es seien bereits Erhebungen gepflogen worden, die ein intereffantes Resultat gehabt hätten. Wie behauptet werde, sei der antisemitische Reformverein im Besitze der Mitgliederliste sowie der schriftlichen Nachweise, daß unter den hiesigen Juden für die DreyfuSkampagne Geld gesammelt und einbezahlt worden sei. Man munkele sogar, es werde Anklage wegen Geheimbündelei erhoben u. s. w. Hieran ist lediglich wahr, daß infolge der antisemitischen Behauptungen allerdings „Erhebungen" gepflogen wurden, die aber ein völlig negatives Resultat ergaben. Weder hat die ^.Hianoo iZi-sölito gesammelt, noch sind privatim Sammlungen vorgenommen worden. Wenn es den Antisemiten darauf ankäme. Wahres zu berichten, hätten sie sich vorher an zuständiger Stelle erkundigen müssen. Der antisemitische Reformverein konnte ebenfalls keine Beweise für seine aus der Luft gegriffenen Behauptungen erbringen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 1Oktober. Die Budapester israelitische Repräsentanz hatte an den Magistrat das Ersuchen gestellt, ihr zum Baue eines israelitischen Spitulr den Baugrund zu einem ermäßigten Preise zu überlassen. Der Magistrat willfahrte diesem Ansuchen und bewilligte den Preis von 3.50 fl. per Quadratmeter; bei dem Referate, das hierüber in der Stadl-Rtpräfentanz erstattet wurde, stellten nunmehr mehrere Redner, darunter Kohoncy u a. den Antrag, in Anbetracht des eminent humanen Zweckes den Magistratsantrag nicht zu genehmigen, sondern vielmehr den Baugrund noch mehr zu ermäßigen und zwar auf 2.50 fl.; dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Zum Unterschiede von Wien, wo speziell israelitischen WohlchätigkeitSinstituten in ihrer Entwicklung die größten Schwierigkeiten bereitet wer-

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