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Der Israelit · 1899-10-16 · Heft 82 (16.10.1899) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 82 (16.10.1899)
Date
1899-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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|,IU g..,-.'Vf SU' ./™gfrT5ffTy» «f «■;>jVWj-p^TTltii hohen Rath dahingegangen, der Grabeshügel wölbt sich über ihr Leben und — Andenken. Sie haben getobt und gerast, das Judenthum müffe durch Reform renegirt, erneuert, umgeschaffen, in eine moderne Form umgegoflen werden, die Thauro in durch sie verbesserte Auflage mit Prachtband und Goldschnitt in die Erscheinung treten vbv rrn^y xb ftn ™t:i „Der Lärmende gewinnt nichts anderes als nur sein Lärmen"7), das Einzige was sie erreicht, war ihr Feldgeschrei, die Parole, die sie ausgegeben, die von ihren Anhängern zum Ueberdrusse nachgebeteten und abgewalzten Redensarten. Sie haben auf den zerstörten Gottesaltären einen Scheingottesdienst errichtet, Tempel der Phrase und der Nebelgebilde. Viele Gemeinden sind in trostloser Selbstfesselung ihnen gefolgt. Die Reformthätigkeit hat in ihnen Zweig und Stamm niedergehauen, die mähende Sichel hat in dem vollen Korn ihres Thaurogefildes erbarmungslos gewülhet, und nur kahler Boden starrt uns heute da entgegen, wo uns früher der üppigste Pflanzenwuchs und die segensreichste Fruchlfülle duftend und würzig anlächelte. Was hie und da noch wächst, ist Unkraut und Schlingpflanze. Solche noch so große Gemeinden, in denen unter der Aegide jener wsj die Reform ihren verheerenden Einzug gehalten hat, mögen zur Verkleisterung ihrer inneren religiösen Riffe, als Pflaster für die inneren blutenden Wunden an dem siechen Körper ihres Judenthums, noch so besuchte, an Vereinsabenden reiche jüdische Literaturvereine in ihrer Mitte hegen, mögen noch so viele Professoren und Kommerzienräthe, Stadtväter und Richter in ihrer Mitte sich erfreuen, wirklich jüdische Gemeinden im Sinne des 7b sind sie nicht. Mikwe und Schechitoh in Verwahrlosung oder nur noch hohler Schall; Religionsunterricht nichts als leere Systematik bis zur Grenze der zur „Konfirmirung" der Knaben, vielleicht mit Zuhilfenahme lateinischer Lettern mühsam gelehrten rmnn rans,;wn; natr durch das Beispiel Einzelner noch in das Bewußtsein der Allgemeinheit hinübergerettete Namen, das ist das Judenthum vieler jüdischer Gemeinden der Gegenwart. All das hat die Reform in jenen Gemeinden aus dem Hause ihres Judenthums xtaxtsoa mit dem Kehrbesen der Vertilgung hinausgeschafft. Wenn sich im Laufe der Jahre aus dem Schoße einer solchen Gemeinde heraus eine kleine Sondergemeinde gebildet und entwickelt hat, um in ihrem Kreise mit Aufbietung aller Macht, mit Hintansetzung aller persönlichen Interessen, mit hingebender Opferwilligkeit des zu hegen und zu hüten, so ist diese trotz ihrer numerisch und materiell unterlegenen Kraft die eigentliche jüd. Gemeinde der Stadt.8) Wenn man mich fragt: 7) Kiddusch. 41 d. Welchen Werth, welche Geltung, welche Berechtigung chat so eine Art inoffizielle Nebengemeinde, so eine privatim bestehende, in ihrer Abzweigung von der Gesammtheit für sich arbeitende Religionsgesellschaft?, so antworte ich ruhig und unbefangen: Solche Religionsgesellschaft hat den Werth der eigentlichen jüdischen -^Gemeinde. „Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe", sagt unser Dichterkönig Schiller. O, ihr israelitischen Religionsgesellschaften, ihr habet schon Großes gewirkt! Theils um euch eure Daseinsberechtigung zu rauben und die Rothwendigkeit eures Bestandes verneinen zu können, theils durch euch eines Besseren belehrt und zu der Erkenntniß der wahren Gottesverehrung zurückgeführt, rafften und raffen sich jene Reformgemeinden, aus deren Kreise ihr ausgeschieden, zur Wiederherstellung eines der Tradition sich nähernden Kultus auf. Eure in geheiligter Arbeit gedeihliche, wirksame Opposition hat ihnen die Binde von den Augen genommen. Sie sehen nun den Abgrund, an dem sie standen. Die Einsicht, daß die nur der Sucht nach theatralischem Schaugepränge, oder der Bequemlichkeit des Gemeindelebens und seines geistlichen Pfadweisers Rechnung tragende Reform in Israel so viel und vielleicht noch mehr Unheil und Verderben angerichtet hat als alle äußeren Judenverfolgungen9) der Jahrhunderte, bricht sich auch in den Gemeinden heute immer mehr Bahn, die die alberne, abgeschmackte Devise: Zeitgeist! Modernisirung! Fortschritt! auf ihre mit Flatter- und Flitterputz behängte Fahne bislang schrieben. Das Verständniß des dringt immer siegreicher kurch. Die Gemeinden erwachen aus ihrem Religionsfchlummer, in den sie wie ein unmündiges Kind von dem spielenden Wiegenliede der Orgel eingelullt wurden, ein Erwachen, wie das eines Lebendigbegrabenen im Schooße des Leichenfeldes, wie die Selbstanklage eines vom Rauschtranke Erfüllten, der den verwundenden Streich schon gethan und dann ernüchtert zum schaudernden Bewußtsein seiner grausen That kommt. Schon rauscht der Flügelschlag der Zeit, in der die bislang geschlossenen 8) Der von den Reformgemeinden in daS Xttffen geführte Hillelfche Satz: lOStn?D ICDSn 7N ist hier nicht treffend. Hrllel tadelt damit nur den dem Selbstinteresse, dem Ei errnutz, dem Streben der Gemeindelasren frei zu sein ppn&yn erklärt Bertenora) ent pringenden, nicht den minn ir»} arbeitenden Separatismus. Oder schmeicheln sich die Herren Reformer vielleicht, daß Hillel. derselbe Hillel, der die Lehre nvn? ym&n amv Dipozn im Munde führte, ihren Gottesdienst mit Orgel, Damenchor» westphälischem Eebetduche mit seinem Besuche beehrt hätte :' Da hätte ihm wohl daS Jesajanische: nod osra INS mo niD '■) 'pv w.3 mn ins ij/jh?n mehr imponirt. 9) Die Römer und die anderen Völker des Alterthums konnten in ihrem Drucke gegen die Juden dieselben nicht empfindlicher treffen, als indem sie ihnen die livsv, wie row .n^’D u. s. w.. zu halten verboten.

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