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Der Israelit · 1899-10-16 · Heft 82 (16.10.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 82 (16.10.1899)
Date
1899-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1710 ein Amalek; dort ein Chitti; neben mir wohnt ein hochgestellter Beamter, über mir ein freidenkender Gelehrter, mein Freund selbst ist ein in religiösen Dingen aufgeklärter, erleuchteter Jude. Soll ich mich lächerlich machen? Ich muß in meinem Hause das Judenthum einschränken; ich bedauere, meine Mesusa nur in winzigem, kaum sichtbarem Format eben in einem versteckten Winkel meines Thorpfostens befestigen zu müssen — Gott nur braucht sie zu sehen, und Der schaut auch in verborgenes Dunkel —; Ich muß zu meinem Leidwesen das Tischgebet möglichst geräuschlos, leise, unhörbar, still verrichten; denn es schickt sich nicht, daß die mit dem Abräumen der Tafel beschäitigte Dienstmagd die Herrschaft verlacht. Es ist ja ganz schön, Jude mit voller Thalkraft der Gesetze-übung, der strengsten Pflichterfüllung zu sein; wie gesagt, ich beneide jeden meiner Glaubensgenossen um seine Glaubensfestigkeit, esn „aber", jedoch, freilich, es thut mir von Herzen leid, ich kann nicht so, wie ich gern möchte, es ist heute nicht mehr gut möglich, es geht einmal nicht anders, ich bedauere, w '2 pie arm dvn das Volk, das um uns wohnt, meine nichtjüdischen und auch meine jüdischen Nachbarn — ich muß mich doch ein wenig zurückhalten, ich muß meiner Umgebung Rechnung tragen, ich muß das Thermometer meiner religiösen Begeisterung möglichst unter Null sinken lassen. Ja, warum haben wir auch eine Religion, die für den Verkehr so wenig geeignet ist, der Gesellschaft so hemmend in den Weg tritt, den Umgang so beschwert? Sie ist nicht schmiegsam, nicht willig, nicht nachgiebig genug, hält zäh und steif am Alten fest. Und nicht allein dies. Unsere Religion u'n nwv rtox p« ist ein Land, welches seine Bewohner aufreibt. Wer heute als frommer Jude leben, wer alles, was die Thaura gebietet, halten will, zehrt sich selber auf, schadet sich selbst, ist sein eigen r Feind, bringt sich um Gut und Carriere. All die vorgeschriebenen Fasttage machen unser Leben gerade nicht fett, fördern nicht unseren Genuß und unser Behagen; 212 ov und rßtr bringen und geschäftlich herunter, fügen uns materielle Verluste zu; die Mazzoh am Peßach verträgt unser modern verfeinerter Magen nicht mehr; das Sitzen in der Sukkoh hat für unseren heute so verweichlichten 8Ltir»m non scribere. Wie sagt König David? D ’ p? n *jn?ma D’U in2. Wohl verlangte unser *jnj> Rücksicht in religiösen Dingen gegen den Nichtisraeliten; aber welche? ti 'pO N"^v schreibt: Tm: nsu *»n >sn Nv D’?rur«r-’rwv d"di nuaapa natto a"n'2 nua^ njN?D cwjp DiN dib6 jtwd I'N fnn ’a rvnn!> .Dwn >t>Tj N2 N rmpp upun rvj: DN1 mn ava N'DTinLa Das ist die Rücksicht, die der in Bezug auf nattf auf die andersgläubige Welt nimmt. Wie groß ist das Wort des Propheten Jefaias: DD’BHn TPBJ nNlP Qa'lMd' „eure Feste, d. h die Feste, wie ihr sie feiert, was ihr aus ihnen machet, hasse Ich." Körper Erkältungen in natürlichem Gefolge. Ja, die früheren Juden, die in vergangenen Zeiten nach Gottes strengem Willen lebten, unsere Väter und Urväter, waren rnna waren Riesen, waren naturwüchsiger als wir, durch die Rauheit der Zeiten an Strapazen gewöhnt; sie hatten noch keinen so so verweichlichten Lebensgenuß, keinen so schweren Wettkampf um das Dasein, keine so schreckliche Konkurrenzausregungen; ihre Anschauungen waren auch nicht gesellschaftlich so vornehm geläutert, so ästhetisch geklärt, ihr Schönheitssinn nicht so ausgeprägt, wie der unsrige. Sie waren mo nrax, derber, fester, gestählter, zäher, entbehrung-kräftiger, markiger, hünenhafter" So, in den gleichen Ausführungen, wie die zu Moses Zeiten, sprechen die der gegenwärtigen Zeit, die immer in andere Religionen hinüberspähen, die ihr Auge in alles Fremdgläubige werfen, dies und jenes, hier und dort abgucken und immer mehr unjüdische, exotische Pflanzen zu Treibhauswachsthum in ihren Religionsboven hineintragen. Diese mußten in Israel auch Geltung und Verbreitung gewinnen, da so manche amtlich gestempelte Kanzelheiligkeit ihren wahnwitzigen Anschauungen öffentliche Sanktion ertherlte, da von berufener, oder vielmehr unberufener Seite ihrer Verblendung gesetzliche Bestätigung und Genehmigung zugesprochen wurde. „Die Tradition läßt sich heute nicht mehr erhalten" war diese Devise, die so manche geistliche Jrrlehrer in Israel zur Richtschnur ihrer „Seelsorge" machten und machen, Jrrlehrer, die der Prophet Jeremias im zweiten Kapitel so packend und treffend zeichnet. Das Wort des Dichters: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit Und neues Leben blüht aus den Ruinen" ist das Bollwerk, hinter das sie sich verschanzten und verschanzen. Bald 60 Jahre sind verflossen, seidem — nicht nach dem Vorbilde der großen Synode des pnxn — eine andere Synode im Herzen Deutschlands tagtet, von der man mit dem Könige David ausrufen könnte: -pra-ar bv * * 4to kw *70? bv „Gegen dein Volk hallen sie schnöde Versammlung und rathschlagen gegen deine Güter"5 6), eine Vereinigung jüdischer Geistlicher, die in die Posaune des Aufruhrs gegen die eigene Fahne stießen mit dem Kriegsrufe: N2 ijj ny ny „Wühlet, wühlet daran bis zum Grunde.")" Die Zeit ist über diesen 4) Die Braunschweiger Synode. Damals schrieb mein Vater Dr. Aron Hirsch eld, gegen dieselbe in hebr. Sprache ein markiges Gedicht D'Tna msy, dessen äußerer klassischer Stil und schwungvolle poetische Form mit dem von gläubiger Begersterung glühenden Inhalte wohlklingend harmonirten. 5) Ps. 89, 4 (vgl. Ez. 7, 22 u. öfters). 6) Ps. 137, 6.

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