Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-10-12 · Heft 81 (12.10.1899) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 81 (12.10.1899)
Date
1899-10-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449027--49259-2499780
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1708 daß sein Antisemitismus eine totale Niederlage erlitten hat, wenn wir auch wissen, daß andere Gründe als die oben angeführten, dafür maßgebend waren. Italien. Florenz. Seit der Berufung des Dr. Margulies auf den hiesigen Rabbinerposten, erwachen die Juden Italiens langsam aus ihrem religiösen Schlummer und erinnern sich wieder, daß ihr Vaterland einst ein Hauptsitz jüdischer Gelehrsamkeit war und daß es zur Zeit der Gaonim hieß: nun nrnv's twrK'wD "i *o-n nrn „Aus Bari strömt die Thora und das Wort Gottes aus Tarent". Soeben wurde in der benachbarten Stadt Modena eine Jeschiba inaugurirt. Zwar ist dies keine förmliche Jeschiba mit zahlreichen Bachurim, immerhin aber eine Stätte, die der Thora gewidmet ist. Einst bestand in Modena, als der weltberühmte b'i sr-nao rm» »mrr ri, vulgo der Kr™ ’h, das Rabbinat dort bekleidete, eine große Jeschiba, die aber im Laufe der Jahrhunderte langsam verschwand. Jetzt hat nun der Rabbiner Cammeo im Vereine mit dem Cultusvorstande die Einrichtung getroffen, daß in der Synagoge religiöse Vorträge, verbunden mit itä« und rain gehalten werden sollen, und nennt man dieses eine Jeschiba. Aber immerhin zeigt es sich, daß nun auch in Italien die Juden langsam zum Bewußtsein kommen und wieder anfangen, dem Thorastudium ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Griechenland. § Athen. Wie man dem „Messager d'Athenes" von der Insel Cypern schreibt, hat die Nachricht, daß dort russische Juden angesiedelt werden sollen, niederschmetternd gewirkt und finden nun dort Versammlungen statt, um die Niederlassung dieser Fremden daselbst womöglich zu verhindern. Die Cyprioten, die zwar jetzt unter der englischen Herrschaft stehen, aber der Nationalität nach Griechen sind, fürchten, daß nach der Ankunft der Juden aus Rußland der nationale Charakter ihrer Insel verloren gehen und dieselbe aufhören werde als griechisches Territorium zu gelten. Sie würden sich daher auch einer eventuellen Ansiedelung von Deutschen oder Franzosen in ihrer Mitte widersetzen. Aus diesem Grunde finden sich auch auf Cypern nur wenige Türken vor, trotzdem diese Insel nahezu dreihundert Jahre zum türkischen Reiche gehörte. Die Cyprioten sind, wie gewöhnlich alle Inselbewohner, engherzige Leute, die fremde Menschen nur ungern unter sich sehen. Türkei. Konstimtinvpel. Heber das schreckliche Erdbeben, das am 21. September um 4 Uhr Nachmittags in Smyrna und Umgebung stattgefunden hat, liegen jetzt ausführlichere Mittheilungen vor. Der erste Stoß dauerte ungefähr 15 Sekunden und ging von N.O. nach N.W. Die große Uhr der griechischen Kathedrale in Smyrna blieb sofort stehen. E» ist auffallend, daß die Stadt Smyrna selbst unter diesem Erdstoß, der unter der Bevölkerung die größte Panik hervorrief, nicht gelitten hat. Desto entsetzlicher find die Schäden und der Verlust an Menschenleben im Vilojei. Ein zweiter schwächerer Stoß erfolgte nach 10 Uhr und er umfaßte einen großen Rayon Kleinasicns, sowie mehrere Inseln des Archipels. Horizontal zu Beginn und vertikal am Ende folgten den ersten Stößen sechs weitere, begleitet von dumpfem unterirdischen Donner. An mehreren Orten in der Umgebung von Smyrna wurde das Erdreich 20 cm. bis 1 m 80 cm herausgehoben und scharfe AuSwühlungen zeigen fast überall die Richtung der Erdstöße. Am verheerendsten war ihre Wirkung in der Stadt Aidin. Mehr als dreihundert Häuser sind dort dem Erdboden gleichgemacht und gegen 400 Häuser halb zerstört worden. Das Entsetzen der Bevölkerung war geradezu furchtbar. Alles flüchtete in wahnsinniger Furcht ins Freie und die Leute kampiren noch heute dort. Das Judenviertel von Aidin wurde besonders stark mitgenommen. Aus den verschütteten Häusern sind bis jetzt 52 Leichen zu Tage gefördert worden, worunter 24 Juden, 18 Muselmanen und 10 Christen. Doch sollen noch dreimal soviel Leute abgängig sein. Zwei MinaretS der großen türkischen Moscheen und die Riesenschornsteine der Maschinenfabrik Atkinson stürzten unter furchtbarem Getöse ein. Die griechische Kirche St. Haralambo und zwei Synagogen sind Trümmerhaufen. Die Brücken über den Maeander haben starke Beschädigungen erlitten oder sind wie Brücken zwischen Aidin und Tschena und bei Kemer gänzlich zerstört. In Omurlu bei Aidin fielen die griechische Kirche und zwanzig Häuser ein und zehn Menschen verloren das Leben, in Sultan Hissar und Carabumar kamen je vier Menschen um und mehrere Häuser stürzten ein. In Denizl und Savudje sind die Schäden sehr bedeutend, aber glücklicherweise ist dort kein Vrrlust an Menschenleben zu beklagen. Afrika. Algier. Die Ruhmesthaten Guerins, des Helden vom Port Chabrol, haben unseren Judenfresser Max R e g i s nicht schlafen lassen. Gleich nach seiner Rückkehr hat er seine Villa antijuive, seltsamer» weise auch Von Acceuil genannt, mit Waffen und Mundvvrrath ausgerüstet, und eine Reihe guter Freunde angeworben, die ihm helfen sollten, dieselbe zu vertheidigen. Nun hatte er aber zur Zeit gerade nichts mit der Polizei zu thun und feine einzige« Dränger waren feine Gläubiger. Somit fehlte eder neuen Festung noch an dem wichtigsten, um zum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.