Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1899)
- Date
- 1899-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1689 K oscher die Restauration N. Bloch als ein renommirtes, billiges und vorzügliches Restaurant angepriesen. Mein Entschluß war gefaßt. Die Reise geht diesmal nach Zabern. Als der Morgen anbrach und die aufgehende Sonne die Spitzen der Berge purpurroth färbte, langten wir in Zabern an. Beim Verlassen des Bahnhofes bot sich uns ein herrliches Bild dar; ttu Hintergrund die bewaldeten Gipfel der Vogesen, mit zahlreichen Rainen bedeckt. Unter ihnen schimmerte die Kuppel der im Bau begriffenen Synagoge hervor. Zabern ist ein reizendes GebirgSstädtchen, das herrliche Punkte aufzuweisen hat und wundervolle Spaziergänge und Ausflüge in die Vogesen darbietet. Beim ersten Anblick bedauerte ich es nicht, dorthin meine Wanderung angetreten zu haben. Nachdem ich meine Familie im Vogesen-Hotel untergebracht hatte, begab ich mich zum Morgen- Gottesdienste in die Synagoge. Die alte Synagoge, die der luxuriösen Neigung der Neuzeit weniger entspricht, aber desienungeachtet die Ehrwürdigkeit ihres Alters auch in ihrer Schmucklosigkeit dem Besucher die Ehrerbietung abzwmgt, war wenig besucht. Es waren nur wenige Beter über die nothwendigen Zehn. Selbst der Herr Rabbiner glänzte durch Abwesenheit; wie ich aber nachträglich erfuhr, befand er sich zur Cur in Baden-Baden. Offengestanden, ich würde weniger die Abwesenheit des Rabbinervermißt haben, wenn ich nicht den Rabbiner zur Befriedigung meines Magens nothwendig hätte. Sie lachen, geehrter Herr Redakteur? Sie haben Recht! Ich bin gewiß kein Kannibale, noch weniger bin ich daraus vei picht, Rabbiner, die einer Kur bedürfen, zu verzehren; aber der Rabbiner ist mir gewissermaßen noch immer derjenige Apparat gewesen, der mir bezüglich des hygienischen Verhaltens meines Magens nothwendig war. Gefiel mir der Rabbiner, d. h. ich fand ihn als einen gesetzestreuen Diener des JudenthumS, ließ ich den Begierden meines Magens freien Lauf; kann mir dagegen der Rabbiner mehr psässisch als rabbinisch vor, so wurden meinem Magen Zügel angelegt. Aus diesem Grunde hat mir der abwesende Rabbiner gleich bei meiner Ankunft in Zabern einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Es blieb mir deswegen nichts anderes übrig, als auf Umwegen zu recherchiren. Was ich nun erfuhr, war trostlos genug, um meine Reise nach Zabern, die mir so viel versprach, gründlich zu verkümmern. Der Rabbiner, nach welchem ich fragte, wurde mir als der schwärzeste unter den Schwarzen geschildert, er sei ein Mann, der mindestens drei Jahrhunderte zu spät zur Welt gekommen sei. In religiöser Beziehung sei er gar nicht zu befriedigen. Er sei von einer rücksichtslosen Strenge gegen Schächter und Metzger. Wenn sich ein Metzger erkühne, am Sabbat durch seinen nichtjüoischen Knecht ein Pfündchen Fleisch zu verabreichen, dann breche eine Wetterwolke über das Haupt des Verbrechers, die ihn zu vernichten drohe. So sehr mir einerseits da» entworfene Bild de» Rabbiner» gefiel, so schmerzlich mußte ich es andererseits empfinden, meine gehegte Hoffnung als Sybarit in der Vogesenluft schwelgen zu können, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen zu sehen; denn diese von den zwei mächtigen Koscher umrahmte Restauration, welche mir so verheißungsvoll aus dem Volkskalender hervorleuchtete, ist eben diese Restauration und Metzgerei, die nicht unter Aussicht des Rabbiners steht. Der Restaurateur Bloch, der gleichzeitig eine Metzgerei im Betrieb hat, betreibt noch jetzt seine Metzgerei am Sabbat und Feiertagen, wchwegen der Rabbiner schon vor Jahresfrist erklärt hat, daß er keine Aufsicht über deffen Metzgerei und Restauration führe und jegliche Verantwortung ablehne. Betrübend ist es nur, daß trotz der bündigen Erklärung des Rabbiners nicht nur der größte Theil der Gemeindemitglieder ihren Fleischbedarf von deffen Metzgerei bezieht, sondern, daß auch die reisenden Juden, die religiös sein wollen, sich nicht scheuen, es sich in dieser Restauration schmecken zu lassen. Es besteht leider im ReichSlande die Anschauung, daß man allenthalben effen dürfe, wenn der Kostgeber noch den Namen „Jude" trägt. Ob er es mit den Satzungen unserer Religion genau oder weniger genau nimmt, das wird nicht beachtet. E« wird einem derartigen Ausspruche de- Orts-Rabbiners, welcher mit der Ablehnung seiner Verantwortung die rituelle Zulässigkeit deffelben auSdrückt, wenig Verständniß entgegengebracht, sonst würden die Leute Fleisch von einer solchen Metzgerei ebensowenig beziehen und in einer solchen Restauration ebenso wenig speisen, wie in christlichen Metzgereien und Restaurationen. Wohl besteht noch eine Restauration in Zabern, deren Eigenthümer ein gewiffer Herr Meyer Marx ist, der sich unter Aufsicht des Rabbinats stellen will; jedoch ist desten Hotel, das sich am Schloßplatze befindet und schön und luxuriös zu werden verspricht, noch im Bau begriffen. In der Wohnung, die er bis jetzt inne hat, ist er selbstredend nicht gut in der Lage, die etwas hochgeschraubten Ansp üche eines Sommerfrischlers zu befriedigen. Diese Zustände haben mir meinen ersten Ausflug nach den Vogesen gründlich vergällt. Wohl habe ich mehrere Ausflüge nach dem Hohbarr, Gerolseck, Greifenfiein, Karlssprung, Staßbach, Brotschberg, Dachsburg u. s. w. unternommen und habe mich des mir darbieienden, entzückenden Naturbiloes gefreut, aber mein knurrender Magen, der manche unbefriedigten Wünsche aufznzählen wußte, zwang mich nach achttägigem Aufenthalt zum Rückzug. „Männeken!" sagte meine Frau, „Gräfin von Saverne" zu sein, mag wohl recht