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Der Israelit · 1899-10-12 · Heft 81 (12.10.1899) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 81 (12.10.1899)
Date
1899-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1687 öffentliche Gesetz, die fortschreitende Macht des Rechtes und der Wahrheit eure Ghettomauern gesprengt hat, weil die wachsende Geistesbildung der Völker euren Busen mit dem stolzen Bewußtsein der euch nach den Leiden und Demüthigungen der Jahrhunderte endlich zugebilligten Menschenrechte schwellt, glaubet ihr, gegen euren Gott euch auflehnen und Ihm euren steifen Nacken zuwenden zu dürfen"); glaubet ihr euch zu der blinden Selbstüberhebung berechtigt: „Jetzt werden wir nicht mehr als Juden, sondern nur als Menschen behandelt; darum wollen wir nur Menschen und keine Juden mehr sein. Fort mit Judenthum, fort mit Tesfilin, fort mit Kaschrus, fort mit Schabbos und Jomtof, fort mit diesem alten Hausrath aus Urväter Zetten! Die Welt kultivirt uns, die Welt erkennt unsere Gleichberechtigung an, die Welt erhebt uns zur Stufe der Ebenbürtigkeit mit ihnen, die Welt gibt unseren Forderungen an das Menschenthum Anerkennung und gesetzliche Geltung!" Täuschet euch nicht! Der alte Haman erhebt nach wie vor sein Hyderhaupt und speiet sein Gift gegen euch. Glaubet ihr, der Jude, der in seiner Bildung sich schon so weit fortgeschritten wähnt, daß er nur noch einmal im Jahre, am Jom hakkippurim, in seiner ganzen Hoheit und Herlichkeit, in seiner gemessenen Würde und seinem stolzen Adel, dem lieben Gotte die Ehre seiner Staatsvisite in Glacee im Tempel schenkt und mit vornehm zugekniffenem Auge seine betende Umgebung mustert, glaubet ihr, dieser Jude ist in den Augen der nichtisraelitischen Welt w eng er Jude als der, der noch den Jammerruf seiner Selicha zu Gott hinaufzuschreien, sein Chanukkalichtlein vor aller Welt zu entzünden, seine Lulaw unverhüllt und frei über die öffentliche Straße zu tragen, nicht erröthet? Nein! Ich mochte in verändertem Sinne des Satzes euch zurufen: an »ent? mir') „Er mag noch so viel von seinem Gotte abfallen und die Thauro mit Füßen treten, er bleibt Jude und wird als Jude behandelt." So gewissermaßen tönt für uns die Gottesstimme aus dem einen Wörtchen “b heraus. Es ist bin eine machtgebietende, herrschaftliche Stellung, stand dem Kaiser Antonius nahe, besaß also mxcn in dopveltem Sinne, benutzte seinen Einfluß jedoch nur im Interesse der Thauro (tiergl. die interessante Raschistelle IWSE v?« *y»D). Das meint also Rabbi mit obigem Ausspruche: Du mußt einen solchen Lebensweg einschlagen, auf dem, wie bei mir beide mscn sich friedlich und harmonisch die Hände reichen, für dich, im Innern deine- Daseins niNön, Krone der Thauro, Frömmigkeit, echtes Judenthum, und nach Außen hin — D“Nn ID — mssn in der bürgerlichen Gesellschaft, Ehre, Ruhm, Ansehen. In diesem Sinne erzog er seinen Sohn Gamaliel, der ebenda lehrt pn cy min nop ns*, dieselbe Anschauung des Vaters. 14) v. Mos. 32, 15 'di tnw» vom. 15) Synh. 44a. interessant, daß das erste Wort, welches Gott überhaupt an Abraham richtete, dieses Wörtchen ib ist. Mit diesem schickt Er ihn als Verkünder Seiner Weltlehre, als Träger Seiner Glaubensbotschaft, als Herold Seiner Heilsoffenbarung unter die Völker; dieses Wörtchen -f> hängte Er ihm gleichsam als Talisman, als Perlenkette^) um den Hals, als Er ihn zu seiner Sendung unter die Völker, den Kenaani, den Perisi, den Amaleki, berief. Dieses abrahamitische -b war der Lebensnerv Israels in den Jahrhunderten seiner Wanderungen von Pol zu Pol. . Wenn unsere Weisen sagen: zpv'b vmw rro *o -pH stk „Was Jakob geschah, geschah auch seinem Sohne Josef" ,7), d. h. in der Geschichte unserer Väter spiegelt sich die ihrer Kinder, also die unsrige wieder, so besteht nur der eine Unterschied zwischen Abraham und uns: Unser Ahn Abraham sagte freiwillig, aus sich heraus, aus eigenen Stücken, aus innerem Antrieb, in selbstgewonnener Erkenntniß der Weltverhältnisse und seiner Beziehung zu den Völkern, zu den Söhnen Cheths: v-vp arw -u „Fremder und Beisaß bin ich bei euch" I8); ich weiß, daß ich, wenn ich auch in eurer Mitte wohne, mit euch lebe, euch meine Steuer entrichte, euch mit meinen Kräften, mit allem, was ich bin und habe, diene, ich euch doch immer nur als „Fremder und Beigesessener" gelte. Ihr stoßet mich doch ab, zählet mich nicht zu den Eurigen, scheidet mich aus eurer Gesellschaft aus, duldet mich nur widerwillig bei euch, gewähret mir nicht gern volles Bürgerrecht. Darum bleibe ich auch bescheiden in der Sphäre meines Glaubens und verharre bei meinem Götte um so eifriger und huldige Ihm um so begeisterter." So dachte und sprach ein Abraham — und das im Lande herrschende Volk wußte ihn nicht genug zu ehren, mit Wohlthaten zu überschütten, mit Liebe und Freundlichkeit zu umgeben; ihn fast anbetend rief es ihm zu: v2M2 nnx cp*?« swi „Fürst Gottes bist du unter uns." ") Umgekehrt der Jude der Gegenwart, der von seinem Gotte, seinem Glauben, seiner Geschichte nichts wissen will, der sich seiner Sondergesetze schämt, der in dem Bewußtsein seiner jüdischen Abstammung in der bürgerlichen Gesellschaft erröthet. In dienstgefälligem Schmeichellone ruft er seinem nichtjüdischen Nachbarn gerade das usms nn« apSa wvD zu: „Du bist mein Herr, sei du mein Gott; dir möchte ich gefallen. Verzeihe, daß ich als Jude geboren bin. Ich will dafür alle Kräfte und Anstrengungen aufbieten, um mich möglichst zu entjuden; es soll mir eine Ehre 16) Bab. bathr. 16 b 'Pn ffimo IWI TOD pw nwra. 17) Beresch. rab. 84. 18) I. Mos. 26, 4. 19) Ebenda 6.

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