Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1899)
- Date
- 1899-10-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1673 gezwungen sind, die Iahl unserer Zöglinge (es sind deren z. Z. 57, worunter viele Waisen» zu verringern und die armen Familienväter, die für ihre Söhne Einlaß begehren, zurückzuweisen. Denket an die eigenen Kleinen, denen durch Got'.es Nathschluß ein schöneres Loos bereitet wurde, als denen, die bei uns Unterkunft suchen! Bevenket, was aus gar vielen unbemittelten Kindern werden würbe, wenn sich ihnen die Thore unserer Schule nicht gastlich öffneten. Thut Herz und Hand auf und füget Euren vielen Liebeswerken noch ein weiteres zu Gunsten unserer Anstalt hinzu, und der Gott der Liebe wird dafür Ench und Euere Kinder segnen. In der Hoffnung einer allseitigen Erhöri'ng unserer Bitte zeichnet Der Direktor: I. Pi rard. Der Verwaltungsrath: Dr. G. Löpy, Präsident, I. Gen tz - bürg er, Vizepräsident, E. Forest, Dreh fuß-Meyer, Fernand Schwary. Laon Feist, I. Hirsch. Die Spenden wolle man gefälligst an die Direktion der isr. Kunst und Gewerbe chule zu Straßburg i. Elf., .Halbmondgasse ll, adressiren. (Auf Wunsch der Direction sind auch wir zlir Gabenbeförderung bereit. Aed. d. Isr.) Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag, 4. Oct. (Die ange blichen „Mitschuldigen" am Polnaer Mädchenmord.) Die von dem verurtheilten Leopold Hilsner als Mitschuldige an dem Morde bei Polna bezeichneten Josua Erbmann und Salomon Waffermann sind gestern um 5 Uhr Nachmittags aus ver Haft entlasten worden. Nach ihrer Freilastung fuhren sie in einem Wagen von Kuttenberg nach Kolin, wo sie noch gestern spät Abends eintrafen. Daselbst kehrten sie im „Hotel zum Stern" ein, wo sie übernachten wollten. Sie sagten dem Wirth sofort, wer sie seien, und machten auch kein Hehl daraus, daß sie kein Geld haben und dem Kutscher, der sie geführt hatte, weder das von ihm ausgelegte Mauthnoch das versprochene Trinkgeld zahlen könnten. Nichtsdestoweniger nahm der Besitzer des Hotels sie sehr freundlich auf, bezahlte dem Kutscher für ne das Mauthgeld und führte sie darauf in den Restaurationsraum. Als man dort erfuhr, wer sie seien, riethen ihnen die Gäste, nicht über Nacht zu bleiben, sondern den um halb 9 Uhr Abends nach Prag verkehrenden Schnellzug zu benützen. Thatlächlich fuhren die beiden Freigelassenen, nachdem sie von den Gästen mit dem nöthigen Reisegeld versehen worden waren, sofort nach Prag, wo es ihnen gelang, eine Privat Wohnung zu finden. Im Laufe des heutigen Tages wendete sich ihnen hier die werkthätige Theilnahme zahlreicher Personen ohne Unterschied der Confession zu. Selbstverständlich wurden sie auch vielfach über ihre letzten Erlebniste befragt, die sie sehr eingehend schilderten. Salomon Wassermann erzählte: Nachdem er am 25. September in Auscha verhaftet worden war, habe er beim Auschaer Bezirksgerichte sich ausgewiesen, daß er zur Zeit des Mordes gar nicht in Polna haben weilen können. Der Beamte habe ihm darauf bedeutet, er möge sich sofort nach Kuttenberg begeben, und ihm zu diesem Zwecke drei Gulden eingehändigt. Er sei sofort nach Leitmeritz gefahren; hier sei er neuerlich verhaftet und, an den Händen gefesselt, nach Kuttenberg gebracht worden. Hier wurde er von zahlreichen Personen mit den gemeinsten Schmähungen beschimpft. Nur feiner Escorte habe er es zu danken gehabt, daß er nicht gelyncht wurde. Er habe im ganzen nur zweimal mit Hilsner gesprochen, und zwar vor mehreren Jahren, als er mit seiner kranken Mutter nach Polna kam, und heuer im Frühjahre. Er wollte in Polna ein Mädchen heirathen und sich der Aufbietungen wegen sechs Wochen dort aufhalten und bei der Mutter Hilsner's Quartier nehmen. Aber das war bereits in der Zeit nach dem Morde, die Mutter Hilsner's erklärte, sie könne ihn nicht aufnehmen, da fast jede Nacht Gendarmen in ihre Wohnung kämen. Hilsner habe ihm bei dieser7Gelegenheit gesagt, man verdächtige ihn, ein Mädchen mit einem Messer bedroht zu haben. Erbmann erzählt, er und seine Frau seien in letzter Zeit in Schtan gewesen. Am 25. September, Abends, seien sie verhaftet und in den Gemeinde- Arrest geführt worden. Am nächsten Tage sei ihre Einlieferung in das Bezirksgericht in Schlan erfolgt. Während der Escortirung seien sie beschimpft und bedroht worden; Hunderte von Menschen hätten eine drohende Haltung gegen sie eingenommen, und in jedem Augenblicke sei zu befürchten gewesen, daß man sie lynchen werde. Nur dem Einschreiten der Wache sei es zu danken, daß sie, ohne daß Thätlichkeiten an ihnen verübt wurden, in das Bezirksgerichts-Gebäude eingebracht werden konnten. Vom Bezirksgerichte Schlan wurde Erbmann dem Kutlenberger Kreisgerichte eingeliefert. Ueber seine Confrontirung mit Hilsner gibt Erbmann Folgendes an: „Ich wurde im Zimmer des Untersuchungsrichters mit dem Rücken gegen die Thür gesetzt. Als Hilsner eintrat und mich von rückwärts sah, erklärte er, mich nicht zu kennen. Als ich mich umwendete, sagte er, er müsse mich näher betrachten. Schließlich gab er die Erklärung ab, ich sei nicht derjenige, den - er des Mordes beschuldigte. Auch bei der zweiten Confrontirung stellte Hilsner entschieden in Abrede, daß ich fein Mitschuldiger fei." Gestern Nachmittags wurde Erbmann mit den Zeugen, welche bei der Hauptverhandlung ausgesagt hatten, daß sie die Begleiter des Hilsner genau gesehen hätten, corrfrontirt, aber alle Zeugen gaben an, daß Erbmann nicht derjenige Jude sei, welcher in Gesellschaft des Hilsner am Tage der Verübung des Mordes gesehen wurde. Gestern um 5 Uhr Nachmittags wurde er zum Untersuchungsrichter geführt, der ihm sagte: „Erbmann, Sie sind frei!" Auf die