Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1899)
- Date
- 1899-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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unserer Rechte und in der mannhaften Verteidigung unserer Religion, so werden wir in diesem Kampf, den man uns allein überläßt, nicht bloS un-, sondern auch inr Wahrheit dienen, die kein jüdische» und lein christliches Gepräge trägt, sondern die nach dem schönen Worte unserer Weisen daS „Siegel Gottes" ist. sMinutenlanger Beifall und Hüteschwenken.) Dr, Heinrich Sieger. Sodann nahm Cultusvorstand Dr. Heinrich Sieger zu folgenden Ausführungen das Wort. Wenn ich zur Besprechung der ungeheuerlichen Vorgänge und Erscheinungen schreite, welche anläßlich des in Kuttenberg durchgegeführten Mordvrozeffe» zu Tage geirrten find, so will ich von vornherein unseren Standpunkt feststellen, um kein Mißverständniß seitens Wohlwollender und keinen Anlaß zu neuerlichen Begeiferungen seitens Uebelwollender wachzurufen. Die Frage, ob in dieser criminalistisch ungemein räthselhaften Angelegenheit der angeklagte Jude der Thäter sei oder nicht, wird von uns dem kompetenten Gerichte überlassen, aber wir erklären laut und feierlich: So schmerzlich uns der Nachweis der Thäterschaft eines Juden als eine» verirrten GlaubenSbrnders berühren müßte, wir selbst würden und müßten ihn zehnfach verdammen hätte er ja nicht nur allein die allgemeine Rechtsordnung durchbrochen, sondern in der heutigen drangvollen Zeit seinen Glaubensgenossen unheilvollen Schaden zugefügt. (Beifall.) Glücklicherweise lehrt die Statistik, daß in den seltensten Fällen die Hand de- Juden zum Angriff auf das Leben de- Nebrnmenschen sich erhebt: Indessen, auch ein Jude kann einen Mord begehen. Was uns bei Besprechung der Vorgänge mit tiefster Empörung erfüllen muß, daß ist die infame Behauptung unserer Widersacher, daß der Angeklagte gemordet hat, weil er Jude ist. Mit dieser Behauptung hat sich der grause Schlund des Mittet alterweit aufgethan und da- Schreckgespenst der Blutbeschuldtgung an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts ausgespieen. Der Referent gedachte nun der einzelnen Phasen der Polnaer Affaire, die nicht- Anderes als eine monarelange Hetze gewesen. Die hervorstechendsten Momente bilden die Ansichtskarten, daS famose RcchtSschutz-Comite, das Massenaufgebot der Landbevölkerung nach Kuttenberg, das antisemitische RachecorpS im Eericht-faase, die Verdächtigung des Dertheidigers, daS Milieu für eine objektive Rechtssprechung, der Vertreter der Privatbetheiligten (lebhafte Pfuirufe), und nicht zuletzt das Triumpfgeschrei tur antisemitischen Presse anläßlich der Verkündigung des TotesurtheilS. All diese am Ende des 19. Jahrhunderts höchst betrübenden Erscheinungen sind die Früchte d.r antisemitischen Bewegung, der die Regierungen in oft auffälliger Milde und Schwäche gcgenüberstanden, und so sind tmr in Wien zu einer wahren Schreckensherrschaft angelangt. Millionen Bürger, treue Unterthanen» werden von einer wüsten Bande im Vereine mit einer zügellosen Sudelpresse unaufhörlich verhöhnt, beschimpft, beleidigt, verläumdet, in ihrer Existenz, in ihrem Erwerbe geschädigt, ja noch mehr, in ihrer körperlichen Integrität bedroht! In zahllosen Versammlungen werden wilde Hetzreden gehalten, die schlimmsten Volkeleidenschatten aufgestachelt. Haß und Verfolgungswuth sind in die geheiligten Raume der Schule des Gerichtes gedrungen; dies Alles, trotzdem die Staatsverwaltung verpflichtet ist, da- Staatsgrundgesetz über die Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetze unentwegt zu wahren und zur Geltung zu bringen Das bisherige Verhalten der Regierungen der letzten zwanzig Jahre ist um so unbegreiflicher, als unsere antisemitischen Gegner ja bei dem wüsten Racenkampfe nicht Ahe» bleiben, sondern auch die staatlichen Einrichtungen, die Behörden, die höchsten Richter u. Beamten besudeln und bei schimpfen, insofern diese ihren niedrigen Zwecken nicht dienen . wollen. Glcichwie die Straßen diesrr herrlichen Stadt, so ist bisher ungcstraft das ganze politische, sociale, wirthschaftliche und gesellschaftliche Leben aufgkwühlt, und mit ticfem Ekel sehen wir hier und dort die Spitzhaue der Zerstörer unermüdlich thätig. Der schrankenlose Terrorismus hat alle Gebiete des öffentlichen Lebens unheilvoll beeinflußt, und es ist nur dem gediegenen Kern der Wiener Bevölkerung zu danken, daß es nicht zu Aergerem gekommen ist. Wir Juden aber sind doch vor dem Gesetze gleichberechtigte Staatsbürger, welche ihre Pflichten treu erfüllen und dem Staate mit Gut und Blut treu ergeh»n sind, welche aber auch ihre Rechte energisch in Anspruch nehmen müssen. Wir Juden, die Bekenner einer Religion, für welche die Ehrfurcht von Jahrtausenden spricht, einer Religion, welche trotz unseliger Trangsalnung ihre Reinheit bis auf heute bewahrt hat, einer Religion, deren innerstes Wesen in dem leuchleirdeu Ausspruche gipfelt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" (Bravo!), einer Religion, bei eil größte Propheten die Summe jüdischer Lehre in den einen Spruch zusammengedrängt: „Thue Gutes, übe Gerechtigkeit eine Religion, für welche die Makkabäer heldcnmüthig m den Kampf zogen einer Religion, deren Anhänger 2 "00 Jahre vor der Taufe des ersten Ehristen ihre gesicherten Städte, glänzenden Tempel, Flotten von Handelsschiffen, ihre Schulen der Gottesgrlehrtheit, Staatsmänner Krieger Naturforscher und Geschichtschreiber, ihre Dichter besaßen; wir, die Bekenner einer solchen Religion, werden nicht wie bisher abseits im Winkel stehen und ängstlich warten bis irgend Jemand einige matte Worte zu unserer Vertheidigung spricht! Das wäre ein unwürdiger Zustand. Wir müssen uns Alle ausraffen und unsere Sache, wo und wie wir es auf gesetzlichem Wege können, selbst führen. (Beifall.) Wir leben im Zeitalter der Judenverfolgungen. Ist es denn nicht eine Judenverfokgung, wenn gemeinnützigen Humanitären Anstalten und Vereinen die Subvention versagt wird, weil sie nicht judenrein sind, wenn arme jüdische Schulkinder trotz Fleiß und Belohnung die Befreiung vom Schulgelde nicht erlangen! Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn man eS wagt, jüdische Staatsbürger Fremdlinge z'.i nennen, deren Eltern und Voreltern hier gelebt, trotzdem wir uns mit Gut und Blut dem Staate zur Verfügung stellen (Beimll) und mit allen Fasern des Herzens an unserem österreichischen HeimathSlande hängen'. (Stürmischer Beifall.) Der Bestand eine- Rechtsstaates ist bei Fortdauer dieser höchst bedauerlichen Erscheinungen, zu denen noch die brutalste, vor keinem noch so verabscheuenswerthen Mittel znrückschreckende publicistische Hetze in Wort und Bild sich hinzugesellt, nicht denkbar. Dr. Sieger kritisirte ferner das passive Verhalten der weitaus größten Zahl der Abgeordneten gegenüber all diesen beschämenden Erscheinungen und schloß mit folgenden Worten: Wir geloben daher, den Kampf um unsere Gleichberechtigung mit vollster Hingebung unermüdlich zu führen. Gefahren, Schwierigkeiten und Gegnerschaft sollen uns nur noch eifriger machen. Wir wollen jeden Erfolg als ein Vorzeichen endlichen Sieges unserer gereckten Sacke, jedes Mißlingen als ein Antrieb zu neuen Anstrengungen betrachten. Verleumdung, Feindschaft, Verspottung erwarten und verachten wir. Wir haben geschworen, den unheimlichen Zauber eines schändlichen Treibens zu vernichten, und durch keinen Sturm, welchen die schlimmsten Künste unserer Feinde herausbeschwören können, wollen wir uns von diesem Unternehmen abwendig machen lassen! Nicht anders soll dieier Kampf enden, als mit einem entscheidenden Siege der Grundsätze der Ehre, der Humanität der Gleichberechtigung, Grundsätze, welche allein dem Staate wahrhaften Wohlstand und der Regierung Ruhm verleihen können. Und so lassen Sie uns denn zuversichtlich da- Walten der Männer von der neuen Regierung abwarten, welche als österreichische