Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-10-09 · Heft 80 (9.10.1899) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 80 (9.10.1899)
Date
1899-10-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449026--49232-2499752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XI* Jahrgang. Sriltlge ju M 80 ües „Israelit". Leitender Artikel. Eine j^rotestverfninmlung. (Schluß aus dem Hauptblatt.i Es liegt auch ein besonders interessanter Art, den ich der Aufinerksamkeit des Herrn Pfarrers Deckert empfehle, darüber vor, daß die Juden in Trier im elften Jahrhundert den dorli'.eu Bischof Eberhard mittelst des Bilderzaubers umgebracht haben sollen. Lie hätten ein Bild des Bischofs aus Wachs angesertigt, dasselbe von einem durch Geld dafür ge.vonncnen Priester taufen lassen und am Sabbath verbrannt, worauf der Bischof noch am selben Tage krank geworden und verschieden sei Eine Lüge mit einem Wortzeichen' der Umgang mit Feuer ist den Juden am Sabbath untersagt, aber Eberhard ist am Samstag gestorben, und der Erfinder des Märchens durfte sich nicht an das Sabbathverbot lehren oder es war ihm nicht bekannt. Es gibt auch Pro.ctzaeten über die den Juden zugeschriebene Brunnenvergiftung und die von ihnen angeblich verschuldete Pest des schwarzen Todes im Jahre 1384. Warum mischen denn die antisemitischen Patrone und Stützen deö christlichen Po'.keS nicht wieder die Beschuldigung der Hostienschändung, des BilderzauberS und der Brunnenvergiftung gegen die Juden (Ulf? Ich will es Ihnen sagen. Dafür erachten sie sic ttrtheilskraft des christlichen Volles, so leer es ihnen vertrant nicht mehr für tragtähig genug aber den Ruual- ,»ord glauben sie ihm noch aufladen zu können. (Stürmischer Beifall.) In der Thal, wüßten diejenigen Christen, die den antisemitischen Wortführern Gefolgschaft leisten, wie wenig Urtheil und Geschichtökenntniß, ja wie wenig wahres Christenthum diele ihnen beimessen, sie würden langst den Spcculanten, Fälschern und Ausbeutern, die mit ihrer Hetzerei einträglichere Geschäfte an den Juden machen, als jemals von den Juden gemacht worden sind, längst den Laufpaß gegeben haben. Wir aber sind hier versammelt für unsere Religion und unsere Rechte cinzustehen und darum legen wir Verwahrung ein gegen die Blutöeschuldiguug, die ich als dasjenige nachgewresen zu haben glaube, was sie ist, eine Beleidigung für uns als anerkannte Confession, eine Verhöhnung selbst des Christenthums und seiner höchsten Würdenträger, und eine niederträchtige, im antisemitischen Geschäftsinteresse (tosender Beifall) wiederrrweckte Lüge. Quod non credimns. Wir glauben nicht daran, hat Papst Gregor X. von dem Ritualmord gesagt, und wahrlich: er hatte Recht. Soll ich es beschwören, daß an der Blutbeschuldigung keine Spur von Wahrheit ist) Ich kann es mit dem heiligsten Eide vor Gott und aller Welt betheuern, daß ich in unseren sämmtlicheu ReligionSschriften nicht die leiseste Berechtigung finde für die Beschuldigung, daß die Juden oder eine jüd. Secte oder einzelne Juden Christenblut, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben oder gebrauchen, und daß ich auch nie von einem Juden der Vorzeit oder Gegenwart Kenntniß erlangt habe, der zu dieser Beschuldigung egründeten Anlaß gegeben hätte. iLanganhaltender Beifall.) Cs ist unendlich traurig für uuS, aber nicht minder auch für den dermaligen Stand der Humanität und Sittlichkeit, daß außerhalb unserer Glaubeusgenossenschast sich Niemand gesunden hat, der dieser infamsten antisemitischen Beschuldigung aus freien Stücken entgegengetretcn ist. Ich hätte gemeint, daß ein hoher Geistlicher, ein Kirchenfürst, wie eS ja früher vorgekommeu ist, und wie es noch neulich die streng kirchliche „Kölnische Volkszeitung" gethan hat, sich bewogen gefunden hätte, das christliche Volk über die Grundlosigkeit dieser Beschuldigung zu belehren. Gelten doch die Vorschriften des Allen Testaments, 3. B. M. 19, Id, „Du sollst nicht stille dastchen bei dein Blute deines Nächsten", und daselbst i>, j, „Wenn er nicht Zeugnis; sagt, ladet er eine Schuld au» sich" auch für sie. Und neun ich zu ihrer Entschuldig mg aunehmen will, daß die Furcht vor dem antisemitischen Heerbann ihnen zu vorsich igem Schweigen Veranlassung gegeben hat, so gibt es doch genug unab hängige Christen von Intelligenz und Ansehen die wohl für uns hätten Zeugniß ablegeu könueu, zumal ja viele von ihnen in jüdischen Häusern verkehren und das Judenthum kennen zu lernen Gelegenheit geh rbt haben. Aber es scheint, daß sie eS mit dem Student Brander in „Auerbachs Kelle. " ballen: „Gin echter detltschcr Mann mag keinen Franzcn leiden, Toeb seine Weine t-inkt er gern." Bei den deutschen Kaiserkrönungrn rief der kaiserliche Herold ans: „Ist kein Dalberg da N' Wegen des hohen Ansehens dieses Geschlechtes. So hat sich uns Juden angesichts dieser infamen Blutbeschuldigung die Frage ouf die Lippen gedrängt: Ist kein Zola da l" Aber die Frage war eine vergebliche. Da muß ich sagen, daß es vor fünfhundert Jahren hier in Wien bester bestellt war. Da lebte hier zur Zeit des schwarzen Todes ein Geistlicher, Conrad v. Megenberger und er schrieb in seinem „Buch der Natur",dererslendeutscheu Naturgeschichte, über die Anklage, daß die Juden die Brunnen vergiftet hätten, folgende Worte: „Wahrlich, ob etlich Juden das thäten, das weiß ich nicht ..." jedoch lveiß ich das wohl, das; ihrer zu Wien so viel waren, wie in keiner Stadt, die ich müßt in deutschen Landen, und das sie also sehr stürben, daß sie ihrem Friedhof weiteren mußten, und zwei Häuser darzukaufen. Hätten sie sich nun selber vergislet, das wär Thsrheit gewesen." Der Mann hat die Sache von der praktischen Seite ausgefaßk, aber durch seine vernünftige Bemerkung gewiß Manchen aufgeklärt. Heute aber sind wir, da außerhalb unseres .Kreises sich kein Mund iut Bezeugung der Wahrheit aufthut, allein auf uns selber angewiesen. (Ltürmischer Beifall). Das macht aber nichts. Wir werden cs auch allein mir den Antisemiten ausnehmen. Sie wollen die Blutlügc galvanisiren, aber sie galvanisiren uns. Indem sie an unseren Lebensnerv rühren, an unsere Religion, befeuern sie nur unseren Eifer und unseren Entschluß, wie Ein Mann für unsere Religion wie für unser Recht einzustehen. Ich führe Ihnen noch einen ^alz aus der erwähnten Abhandlung Gustav F-reptag'S von dem Iudenknaben Simon Abeles au: „Die jüdische Religion hatie schon siebenzehnhundert Jahre bestanden, bevor der erste Christ getauft wurde." Und sie besteht noch! Blicken Sie aber zurück in unsere Geschichte Als AntiochuS Epiphanes den Juden an ihren Lebensnerv, au ihre Religion rührte, da schossen gleich Meteoren die Makkabäer, die Mutter mit den sieben Söhnen auf. Tiefe Gestalten der Seelengröße, der Ueberzeugungstrcne und des OpfermutheS, an denen auch die Christen sich erbauen, hat daö Iudenthum aufzuweisen. Was aber hat der Antisemitismus auszuweisen '■ Er ist die Düngerstätte, wo, wie der vorliegende Fall zeigt, veraltete und verrottete Borurtheile ausgegraben werden, die mau im Volke verbreitet, und deren giftiger Hauch die Luft wie die Gesinnung verpestet. Harren wir daher muthig aus in der 'Wahrung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.