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Der Israelit · 1899-10-05 · Heft 79 (5.10.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 79 (5.10.1899)
Date
1899-10-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1646 solchen Totalauffaffung gemacht. Ec hat auf den hist, traditionellen Grundlagen eine Erklärung der Thora zu geben versucht, wie sie ihm das Studium der Quellen und ein aus diesen sich ergebendes System ermöglichten. — Ist dies aber genügend charakterisirt, wenn man cs Homilie nennt, und ihr als selbstständiges Gebiet der Halacha gegenüberstellt? Ein Blick in Hnsch's Werke wird dies verneinen. Welcher Mittel hat sich Hirsch bedient zur Lösung dieser Aufgabe? Aus den Quellen erwachsen ihm die Mittel. Die Quellen der jüdischen Weltanschauung sind: die mündliche und schriftliche Lehre. Das historische Iudenthum hat zu diesen Quellen, namentlich zur mündlichen in einer eminenten W e chselbeziehung gestanden. Die mündliche Lehre hat die Aufgabe der Erklärung der schriftlichen. Sie ist, um de- Meisters Wort zu gebrauchen, „die Stütze des Gedächtnifles und das Korrectiv des Zweifels." Die zwei Lehren verhalten sich zu einander, wie das kurze Diktat zur vollständig vorgetragenen Disziplin. Nun ist aber im Laufe der Zeiten das mündliche Gesetz mannigfach differenzirt und der Zusammenhang mit den Quellen für den ersten Blick ein schwieriger geworden. Die Anwendung der Grundlehren auf verschiedene Gebiete deS Lebens, haben das Gebiet der Halacha erweitert. ES mußte nun ein Reproduktionsversuch erfolgen, um de« Ausfluß der mündlichen aus der schriftlichen nachzuweisen. Denn nur so war die Aufgabe einer Totalansicht lösbar. Hirsch hat in seiner Pentateuch- Erläuterung diese Arbeit geleistet. Er hat vornehmlich dahingestrebt, das Wort der Schrift im Geiste der Halacha aufzufaffen und so weit es anging, die traditionelle Überlieferung als das logische Explicitum der Schrift zu erleuchten. Diese Arbeit aber war eine vorzüglich halachische, sie hat mit der Homilie keiner Zeit irgend etwas gemein. Die Pent.-Erl. soll den Zusammenhang zwischen vnvr\ und swn Nachweisen; sie thut dies auf Grund eingehender Analyse des Textes nach dem im Schriftthum aufbewahrten Wortschatz. Den Unterbau bildet eine umfassende philologische Untersuchung, die auf das Element der Sprache zurückgeht, auf den Laut. Eine eingehende Erläuterung nach den Lautgesetzen wird versucht; die mündliche Lehre (Halacha) aus der Schrift abgeleitet. Nachdem dies bei jedem Gedanken der Schrift im einzelnen gethan, wird ein umfaffendes, die Einzelgedanken tragendes Bild entworfen. Die Stufenfolgen in Hirschs Geistesarbeit sind: 1. Eingehende Analyse der Sprachelemente. 2. Die Erklärung der Mizwoh aus diesen Bestandtheilen; jede Mizwoh halachisch nachgewiesen. 3. Dann das Gesammtbild des derart gewonnenen Systems des JudenthumS. Wenn er einen schwierigen Text erklärt, dann findet er in der Regel die Lösung in einer Seite der Halacha. — Im Pentateuch weist er auf Schritt und Tritt den inneren organischen Zusammenhang von m»r\ mit 3*awi nach. Es wird deutlich und klar gezeigt, wie die verschiedensten Entscheidungen der Halacha nicht vage Hypothesen und willkürliche „Combinationen d. Rabbinen" sind, sondern daß die sogenannte „mosaische Lehre" Talmud ist und der Talmud nichts wie mosaisches Gesetz. — Dies ist Halacha-Arbeit. Diese Erkenntniß, dieses Weltbild, das wir aus der Thora uns holen sollen, ist nur denkbar, wenn sie einheitlich aufgefaßt wird. Nur der Blick der Totalität ermöglicht uns sie richtig zu verstehen; denn eine Weltanschauung soll einheitlich sein. Es liegt dieser Drang nach Vereinheitlichung unserer Anschauungen so sehr in unserem Wesen, daß wir nothwendig so denken müssen. Die Vereinheitlichung unserer Weltanschauung d. h. unserer Begriffe über den Menschen, seine Stellung und Beziehungen ist eine angeborene Denknothwendigkeit, ohne die keine Handlung möglich, kein Thun wahr ist. Dieser fundamentale Prozeß der Vereinheitlichung unserer Begriffe ist die einzige Grundlage der wahren Handlung. Nie kann eine That wahr, aufrichtig sein, wenn sie nicht aus dem einheitlichen Centrum unserer Weltanschauung ausgeht. Kein Wohlthun und wäre es das höchste, ist anerkennenswert, so es nicht aus prinzipieller Nothwendigkeit geschieht. Denn nur die Einheit unserer Anschauungen, dieser Quell der inneren Nothwendigkeit ist eine genügende Gewähr für die Consequenz der Handlung. Thue ich etwas, das nicht aus meiner Weltanschauung mit Nothwendigkeit erfolgt, so habe ich, und wäre es gegen meinen Nächsten die größte Wohlthat — unsittlich gehandelt. Denn war nicht die einheitliche Lebensanschauung die Quelle dieser That, sondern äußere Beweggründe, die nicht mit meiner Weltanschauung stimmen —, so bin ich in Gefahr unter dem Einfluß anderer Agentien morgen die entgegengesetzte That zu thun. Keine Handlung also ohne einheitliche Weltanschauung. Und da der Zweck jeder Lehre sich auf das Handeln richtet, ist nur dies maßgebend bei Beurtheilung einer Anschauung. (Schluß folgt.)

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