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Der Israelit · 1899-10-02 · Heft 78 (2.10.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 78 (2.10.1899)
Date
1899-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1680 Schulwesen z. Z. immer mehr einen konfessionellen Charakter aufprägen will, zugeschrieben werden. Die Waffen in dem heftig geführten Streit, ob die Volksschule konfessionell oder paritätisch sein soll, haben scheinbar geruht und plötzlich tritt eine gewiffe Partei mit realen Forderungen hervor. Die Motive derselben sind unlautere. Als Juden aber haben wir durchaus keinen Grund mit dieser Erscheinung unzufrieden zu sein. Warten wir es nicht erst ab, bis die Wünsche unserer Gegner zur That werden, wir wollen zur Selbsthilfe — ein dem Judenthum sehr geläufiger Begriff — greifen und allerorten jüdische Elementarschulen errichten. Sie können dem Judenthum nur Nutzen, niemals Schaden bringen. Es ist ein irriger Glaube, wenn man meint, durch die Gemeinsamkeit des Unterrichts werden die Gegensätze zwischen jüdischen und christlichen Kindern ausgeglichen. DaS Gegentheil hat die Neuzeit gelehrt. Zurücksetzungen, Demüthigungen aller Art, sind unsere Kinder oft ausgesetzt. Man braucht nur Zeuge auf dem Spiel- und Turnplatz zu sein, und wird finden, daß eine ganz schroffe Spaltung vorhanden ist. In jenen Gemeinden, in welchen jüdische Elementarschulen bestehen, ist das Verhältniß zu den übrigen Kindern ein viel freundlicheres. Jnstinctiv finden es die christlichen Kinder begreiflich, daß die jüd. Kinder ihre eigene Schule haben. Aber auch im Schulzimmer, in manchen Unterrichtsfächern, fühlen sich die jüdischen Kinder häufig recht unbehaglich. Das Lesebuch spielt unter den Lehrmitteln in der Volksschule eine sehr gewichtige Rolle. Manche der Lesestücke werden nur kursorisch, zur Erlernung der Lesefertigkeit, gelesen; bei vielen tritt aber die statuarische Behandlung in den Vordergrund und unter diesen sind es wiederum solche, die ein religiöses Gebiet umfaffen und zur Befestigung des im Reliongsunterricht gewonnenen Stoffes dienen. Welch traurige Rolle spielen dabei die jüdischen Schüler! Der Lehrer kann und darf sich bei der Behandlung der christologischen Stoffe von der meist geringen Zahl jüdischer Schüler nicht abhallen lassen, sie im kirchlichen Sinne zu deuten. Das Gefühl der jüdischen Kinder wird dabei unwillkürlich verletzt, sie fühlen die Blicke ihrer andersgläubigen Genoffen auf sich gerichtet und wagen nicht, den hochgerötheten Kopf zu erheben. Richtet nun gar der Lehrer eine Frage an das jüdische Kind, es erhebt sich verlegen, der Lehrer bemerkt, daß er sich an eine Unrechte Adresse gewandt, winkt mit der Entschuldigung — du bist ja ein Jude und brauchst das nicht zu wissen — wieder ab, welch qualvolle Momente werden dem Kinde bereitet .' Versteht es nun der Lehrer, überzeugungsvoll und mit Wärme das Thema zu behandeln und recht eindringlich dem bildsamen Herzen der Schüler die christl. Heilslehren vorzusühren, läuft dann nicht manches jüdische Kinderherz Gefahr dabei, kann in seinem Kopf nicht der Wunsch entstehen, jener Kirche anzugehören! Ist es ferner nicht begreiflich, daß es dann gleichgiltig bei dem Unterricht in seiner Religion ist? Ihm gilt der Religionslehrer nicht als vollwerthig dem Lehrer an der öffentlichen Schule gegenüber. Schon diese vorgefaßte Meinung erschwert dem Religionslehrer ungemein seine mühevolle Arbeit. Die Theilnahme am öffentlichen Gottesdienst ist unfern Kindern an Sabbaten und oft auch an Festtagen unmöglich gemacht. Ein trauriger Nothbehelf ist der Jugendgottesdienst, und die. Schwärmer für denselben bemerken in ihrem Eifer gar nicht, welch geringer Erfolg ihm zuzuschreiben ist. Das Judenthum kennt für die Jugend keinen besonderen Gottesdienst; der allgemeine Gottesdienst in Synagoge und im Haus ist für Jung und Alt derselbe. Der Achtzigjährige kann sich noch für das begeistern, was er als Kind kindlich geübt, kann noch Begeisterung aus den Worten trinken, die er als kleiner Knabe mit leuchtenden Blicken zuerst stammeln gelernt. Wir erwarten von der heutigen Jugend zum mindesten, daß sie wisse, was zum öffentlichen Gottesdienst gehört. Das lernt sich nur durch die stete Theilnahme an demselben. Auch der sogen. Unterricht in der Liturgie ist ein Nothbehelf. Man mag über das Turnen beispielsweise die schönsten Vorträge halten, damit erzieht man noch lange keine Turner. Schwimmen lernt man nur im Wasser und Kenntnis der Liturgie nur in der Synagoge. Soll es denn für alle Zeiten so bleiben, wie es heute ist? Soll nie mehr die Zeit kommen, in welcher der Sabbat zu seiner Geltung kommt? Soll er weiter dem Werktag gleichgestellt bleiben? Die Literaturvereine, in denen die geistreichen Vorträge gehalten werden, haben zur Weckung des religiösen Sinns noch nichts beigetragen. Der Redner kann für Augenblicke seine Hörer für Maimonides begeistern, ob sie aber im Leben all die Bestimmungen, die in seinem Tps niedergelegt sind, erfüllen oder auch nur kennen lernen wollen, ist eine Frage, die leicht zu beantworten ist. Gewöhnen wir nur unsere Kinder an die wichtige Sabbatfeier, es wird mit der Zeit schon besser werden. Ein Anfang kann dazu gemacht werden, wenn wir unsere eigenen Elementarschulen haben und sie einzurichten, dürfte fast durchweg ohne Schwierigkeiten möglich sein. Jede Gemeinde hat ihre Religionsschule und in der Regel auch einen Lehrer. Die Seminarien bilden aber nur Elementarlehrer aus, die auch gleichzeitig den Unterricht in Religion er-

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