Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 78 (2.10.1899)
- Date
- 1899-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XL. Jahrgang. M vs. Der Israelit. EL« Henlrat-Hrgan für das orthodoxe Sudenlhum. Brgrtmdrt von Dr. in SSKS«itt|. Montag, de« 2. Oktober SS6Y (1«SS). Leitender Artikel. Selbsthülfo. Von M. Schweitzer in Glogau. Sie haben, geehrter Herr Nedacteur, in richtiger Würdigung des Ernstes der Zeilen in der jüngsten Nummer Ihres Blatttes, gegenüber dem jüdischen Zeitungsantisemitismus, zur Selbsthülse gerathen. Gestatten Sie mir heute, in Bezug aus einen anderen Gegenstand, der mir hochwichtig erscheint, die Selbsthülfe unserer Glaubensgemeinschaft anzurufen. Durch die Berliner Zeitungen geht eben folgende Notiz: „Zwischen den Vertretern der Stadt und dem Provmzialschulkollegium ist jetzt eine Vereinbarung über die Ordinariate der jüdischen Lehrerinnen in den Berliner Volksschulen getcosfen worden, welche wenigstens die größten Unbilligkeiten beseitigen soll. Es werden verschiedenen Lehrerinnen die Ordinariate wiedergegeben, die man ihnen genommen hatte, und den anderen die Zrrlassnng zu Ordinariaten zu gesichert, wenn zehn oder mehrere jüdische Schülerinnen in den betreffenden Klaffen sind, wobii auch eine gelegentliche Verringerung dieser Zahl an der Führung des Ordinariats nichts andern soll- Der Magistrat hat dieser Vereinbarung zwar zngestimmt, aber zugleich die Befürchtung ausgesprochen, daß trotzdem der Eintritt von Harten gegen jüdische Lehrer und Lehrerinnen nicht immer zu vermeiden sein werde. Er müsse schließlich anssprechen, daß er an der Auffassung, die er in seinem Berichte an den Unterrichtsminister vom 0. März 1896 eingebend dargelegt habe, glaube festhalten zu müssen und daher von dem Streben nicht ablasseu könne, daß nach rveiterer Bewährung der jüdischen Lehrkräfte die ihnen jetzt noch aufcrlegten Beschränkungen beseitigt werden." Ob das geschehen wird, erscheint nachdem, was vorherging, ziemlich zweifelhaft. Die „Vereinbarung" scheint weiter nichts zu sein, als ein wenig Beruhigungspulver, das man dem „hochmögenden" Berliner Magistrat, nachdem man ihm die bittere Pille des Ausschlusses jüdischer Leherinnen aus dem Ordinariat zu schlucken gegeben, zu verabreichen sucht. Die „Härten" werden wohl nach wie vor bestehen bleiben und der ganze seitherige Kampf zwischen Commune und Regiernng hat im Großen und Ganzen weiter nichts zu Wege gebracht, als etwa, wenn es dessen noch bedurft hätte, den neuen Beweis zu dem Erfahrungssatz, daß die Gleichberechtigung nur auf dem Papier vorhanden ist, ihre Durchführung bleibt ein stilles Hoffen. Bedauerlich ist zwar diese Erkenntniß und sie wird von denen, die davon betroffen werden, schwer empfunden. Sie entspringt dem Geist der Zeit, dessen sich das in seinen Todeszuckungen liegende Jahrhundert ebensowenig zu rühmen braucht, wie der Urtheile von Rennes und Polna. Bei parteiloser Beurtheilung sind diese Berliner Vorgänge sehr wohl begreiflich. Das Judenthum hat — wahrlich nicht zu seiner Kräftigung — im Laufe der Jahre dem Zeitgeist in seiner Launenhaftigkeit Konzessionen genug gemacht, hat diesem Moloch viele unserer „ererbten Güter" hingegeben, es waren freiwillige Spenden. Zur Abwechslung soll uns nun einmal etwas genommen werden. Da sollte man glauben, es käme auf etwas mehr oder weniger nicht mehr an. Aber aucy eine gewisse Berechtigung darf jenen Maßnahmen nicht abgesprochen werden. Man kann sie nicht als den Ausfluß von Intoleranz gelten lassen, sie muß vielmehr der Thatsache, die dem