Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1899)
- Date
- 1899-12-07
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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Vorsicht gemahnt worden, nicht voreilig zu urtheilen. Die Sache mnss erst von Fachmäuneru untersacht und geprüft werden, ehe man sich für ein Pro oder Kontra entscheidet; der Gegenstand ist wichtig genug, um die Mühe nicht zu scheuen. Eine Handhabe zur weiteren Untersuchung mögen vorstehende Zeilen liefern. Dr. L. €r r ü n h u t, Direetor des deutsch-jüdischen Waisenhauses in Jerus alem. Die Erziehung der jüdischen Jugend zum Handwerk und zur Bodenkultur. Von Alphonse L e v y, (I. Fortsetzung.*) Kaum minder bedenklich ist es, Knaben, welche für das Geschäftsleben besonders befähigt sind und nicht die heute für dasselbe unentbehrlichen umfänglichen theoretischen Kenntnisse besitzen, dem Kaufmannsstande zuzuführen. Auch unter den Juden giebt es Leute, welche nicht für den erwählten Beruf taugen und deshalb sich zu den unzufriedenen schaaren. Auch die Familien der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens müssen das Wort Rückert’s beherzigen : Vor Jedem steht ein Bild dess’ was er werden soll; So lang er das nicht ist, wird nicht sein Frieden voll! Gebieterisch drängen die Verhältnisse dahin, die israelitische Jugend auf andere Beruf szweige hinzuweisen, als auf diejenigen, welche sie bisher vorzugsweise zu erwählen pflegte. Das Unglück der russischen Exulanten war nur deshalb ein so grenzenloses, weil die Mehrheit dieser Auswanderer in ihrer Heimath nur den jetzt fast überall im raschen Niedergange befindlichen Kleinhandel, das Schank- oder das Hausirge werbe betrieben hatte, welches letztere man jetzt auf gesetzlichem Wege einzuschränken sucht. Die Ackerbau treibenden Juden konnten in Russland bleiben, ebenso sehr viele tüchtigere jüdische Handwerker, deren Zahl nach Hunderttausenden geschätzt wird. Unter den ausgewanderten russischen Juden befanden sich wohl auch viele Handwerker, aber meist nur solche, welche nichts Besseres liefern konnten, als wie schlechtbezahlte Magazinarbeit. Diese haben eine Zuflucht in London und in New-York gefunden, wo sie für Kleider- und Schuhfabriken, unter dem Drucke des entsetzlichen „Schwitzsystems“ für wahre Hungerlöhne sich abquälen. Die vielfach unternommenen Versuche, ehemalige Lehrer, Schankwirthe, Händler und Hausirer in fernen Ländern mit landwirtschaftlichen Arbeiten zu beschäftigen und in Kolonisten umzuwandeln, sind gewiss wohlgemeint. Diese Kolonien werden aber voraussichtlich erst in der nächsten Generation völlig befriedigende Erfolge liefern, weil man für die Bodenkultur von Jugend auf erzogen werden muss. Dass es auch höchst vorteilhaft *) S. Nr. 718. ist, zum Handwerk frühzeitig angeleitet zu werden, um später Tüchtiges leisten zu können, beweisen Erfahrungen, die man an vielen Orten mit dem Handfertigkeitsunterricht gemacht hat. Die seit einem halben Jahrhundert in Deutschland bestehenden zahlreichen jüdischen Vereine zur Förderung des Handwerks haben manches Gute geleistet; sie würden aber viel mehr Erfolge erzielt haben, wenn nicht die Gelegenheit gemangelt hätte, die Jugend für die Handarbeit zu erziehen und dann für dieselbe wohlwollende Lehrherren und duldsame Mitarbeiter zu finden. Das Elend der russischen Exulanten und die fortwährend sich steigernden Schwierigkeiten der Berufsfrage in Deutschland zeigen, dass darin Wandel geschaffen werden muss. Unsere Zeit erheischt das Zusammenwirken aller Edelgesinnten für den grossen Zweck, der israelitischen Jugend zahlreichere Berufszweige zu eröffnen, vor Allem aber ihr die Möglichkeit zu bieten, sich weit mehr als bisher au der Handarbeit zu betheiligen. Das Handwerk hat für den tüchtigen und sparsamen Arbeiter noch heute einen goldenen Boden; es ist durch die Konkurrenz der fabrikmassigen Waarenerzeugnng nur darauf angewiesen, seinen Betrieb zu verbessern, bezw. durch Motoren zu erleichtern. Der erfolgreiche Handwerker nimmt jetzt eine höchst geachtete Lebensstellung ein. Nicht minder beneidenswerth ist der Landwirth, der theoretisch und praktisch ansgebildet, einen, wenn auch kleinen, aber schuldfreien Grundbesitz vorteilhaft auszunutzen versteht. Iu Bezug auf die Notlage der Landwirte verweisen wir auf die beherzigenswerten Worte einer jüdischen Zeitschrift: „Wir glauben, unsere Hausirer wären unendlich glücklich, wenn sie mit den selbstständigen Bauern tauschen könnten, die im bescheidenen Genüsse eines kleinen aber sicheren Besitzes, ein ruhiges, zufriedenes und von NervenabspannungeD freies Leben führen.“ Das Verwachsen mit der heimatlichen Scholle ist für die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine religiöse Forderung. Ihre