Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1899)
- Date
- 1899-12-07
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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- Banat 1× ep/1272623
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Urväter waren Hirten, Ackerbauer oder Handwerker, und überliessen den Handel den Phöniziern, Griechen und Arabern. Die mosaische Gesetzgebung war vorzugsweise für eine landwirtschaftliche Bevölkerung bestimmt; einer handeltreibenden Bevölkerung wären die Jubeljahre, die Feldabgaben und das Zinsverbot sehr hinderlich gewesen. Die biblische Geschichte und eine ganze Reihe alttestamentlicher Sprüche beweisen die hohe Wertschätzung der Handarbeit, besonders aber der Landwirtschaft. Viele Talmudtraktate beziehen sich auf die Bodenkultur; ein grosser Theil der im Talmud erwähnten Rabbiner trägt Handwerker-Bezeichnungen. Auch ausserhalb Palästinas blieben die Juden der produktiven Arbeit treu, so lange dieselbe ihnen gestattet wurde. Sie beschäftigten sich im Mittelalter in Griechenland mit Seidenraupenzucht und Seidenspinnerei, in Frankreich mit Weinbau, in Italien mit mechanischen Arbeiten, deren Mangel der spanische Statthalter in Sicilien befürchtete, als Ferdinand der Katholische am Ende des 15. Jahrhunderts die Austreibung der Juden anbefahl. In Meissen betrieben sie Garten- und Feldbau, bis im Anfänge des 18. Jahrhunderts die zu ihrem Wohnsitze, dem „Novum forum“, gehörigen landwirtschaftlichen Grundstücke christliches Eigenthum wurden. Auch heut zu Tage giebt es noch jüdische Landwirthe und Gärtner, z. B. im Banat, wo sich viele jüdische Familien mit Obstzucht und Ackerbau erfolgreich beschäftigen. Nach der preussischen Berufsstatistik sind bei der letzten Erhebung 4898 Juden ermittelt worden, welche in landwirtschaftlichen Betrieben tätig waren. Freilich ist dies nur ein kleiner Bruch theil der Gesammtheit der deutschen Juden, die sich künftig in weit grösserer Zahl mit dem Bodenbau befreunden sollen. Wir thäten gewiss gut daran, den geeigneten Theil der Jagend za der Urarbeit zurückzuführen, deren Werth za unterschätzen uns mit Unrecht vorgeworfen wird. Was seit Jahrhunderten notgedrungen vernachlässigt werden musste, lässt sich selbstverständlich nicht in einigen Dezennien nacbholen; zunächst muss aber der ernste Wille gezeigt werden, dies anzustreben. B von Werlhof schrieb in der „Nation“: „Es wäre aus wirtschaftlichen Gründen zu bedauern, wenn ein bestimmtes Glied der Völkerfamilie sich von einem wichtigen Zweige der Kulturarbeit gänzlich fern halten wollte. Man braucht deshalb nicht in den Fehler zu verfallen, die Nützlichkeit jeder anderen Beschäftigung abzusprechen.“ Andere haben dagegen mit Rücksicht auf das gerade bei den Landlenten noch häufige Vorurteil, vor einer grösseren Beteiligung an der Bodenkultur gewarnt, und auf die kaufmännische Begabung vieler jüdischer Knaben besonderen Wert gelegt. Trotz aller Vorurteil« werden aber gewiss gute und billige Erzeugnisse jüdischer Gärtner und Landwirte willige Abnehmer finden. Man pflegt auf den Märkten nicht nach der Religion Derjenigen zu fragen, welche Bodenprodukte liefern, wohl aber ist bereits für viele Kaufläden die antisemitische Losung: „Kauft nicht bei Juden!“ verhängnisvoll geworden. Bei dem Verkauf von Früchten, Blumen n. dgl. m. kommt es nur darauf an, ob die Produzenten leistungsfähig sind. Deshalb sollte ein Theil der israelitischen Jugend unter tüchtiger fachmännischer Leitung sacbgemäss für die Bodenkultur erzogen werden. Diejenigen Knaben, welche für den Ackerbau nicht genug Körperkräfte haben, können Garten-, Gemüse- oder Obstbau treiben. Sollten sie wegen ihrer Religion in ihrem Berufe später auf Schwierigkeiten stossen, so werden sie, wenn sie Tüchtiges leisten, sehr leicht ein Unterkommen in überseeischen Ländern finden, wo man wackere Landwirthe und Gärtner nicht nach ihrem Bekenntniss fragt. Den Gartenbau insbesondere hat der Kunst- und Landschaftsgärtner Siegfried Minden in Oppenheim am Rhein in einer im April 1894 (in den Mitth. z. Abw. d. Antis.) veröffentlichten Zuschrift als einen Beruf geschildert, dem sich jüdische Knaben mit Erfolg widmen können. Jener Brief schloss mit den Worten: „Eltern und Vormünder, wenn Euere Verhältnisse kaum eine andere Berufswahl ermöglichen, als Euere Kinder resp. Mündel dem Klein- oder Hausirhandel in die Arme zu werfen, führt sie der Bodenkultur zu! Lasset sie dadurch zu einer geachteten Lebensstellung gelangen, und überlasset das Hausirgewerbe den Euch darum beneidenden — Antisemiten!“ Ueber die Wichtigkeit der Anleitung der Jugend zur Hand-Arbeit sind jetzt wohl Alle einig, welche ein warmes Herz für das Judenthum haben, nicht aber über die Wege zur Erreichung des zu erstrebenden Zieles. Die Leistungen der bereits 81 Jahre bestehenden „Berliner Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und Ackerbaues“, welche im Vorjahre 85 jüdische Lehrlinge unterstützte und das Lehrlingsheim in Pankow so erweiterte, dass darin demnächst 60 Lehrlinge ein Unterkommen finden können, sind gewiss hocherfreuliche, so weit sie die Verbreitung des Handwerks unter den preussischen Juden betreffen. (Fortsetzung folgt.) Druck der Jeh. W,i r t V sehen Hofbaehdrucfeerei Actien-Gesellschaft, Mains.