Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-12-07 · Heft 97 (7.12.1899) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 97 (7.12.1899)
Date
1899-12-07
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449043--49628-2499675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 darin, dass er im Jahre 1778 ein Lehrhaus (Bethamidrasch) in Bischheim (hei Strassburg) gründete, wo u. A. sein Schwager, der bekannte nachmalige Präsident des Centralkonsistoriums in Paris nnd Vorsitzende des grossen französischen Sanhedrins, R. David Sinzheim2), sich längere Zeit aufhielt und aus welchem viele ausgezeichnete Rabbiner und Talmudgelehrte hervorgingen. Cerfbeer sorgte auf diese Weise für Verbreitung des Thorawissens, wie er auch sonst jedem Unternehmen, das diesem heiligen Zwecke gewidmet war, fördernd zur Seite stand.3) Auch die Prntateuchübersetzung von Mendelssohn suchte er im Eisass zu verbreiten.4 5 6) Durch seine Vermittelung gelangten 600 Exemplare von Dolim7s bekannter vortrefflicher Schrift „über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1781) nach Paris. III. CerfbeeEs hauptsächliches Bestreben ging dahin, die gegen seine Glaubensgenossen herrschenden Vorurtheile zu beseitigen. ln seinen Fabriken und Ländereien beschäftigte er Juden, um diese an Arbeit zu gewöhnen und die Schaffenslust bei ihnen zu wecken?) Er selbst hatte weitverzweigte Handelsverbindungen und leistete durch Lieferungen und sonstige Unternehmungen dem Staate hervor» agende Dienste. Um jene Zeit zogen ganze Truppen von bewaffneten Männern im Lande umher, welche auf Plünderung ausgingen und hauptsächlich auf die Häuser und das Geld der Juden es abgesehen hatten. Cerfbeer fühlte sich in Bischheim nicht mehr sicher und wandte sich deshalb am 5. August 1767 an den Magistrat in Strass bürg mit einem Gesuch,0) worin er um die Erlaubniss bat, über Witter mit seiner Familie in die Stadt flüchten zu dürfen. Er hob dabei hervor, dass die Gunst, die er beanspruche, nicht ohne Beispiel sei, da sie schon 2) Vgl. die Einleitung zu Sinzheim’s Tfi (Offenbach 1795). 3) Vgl. Bezalel Aschkenasi na^lpD nü’ttf (Strassburg 1777), von Wolf Fürth aus Nieder eh nh e i m gedruckt unter Mithilfe von Hirsch Medelsheim und seiner Schwiegersöhne, welche die Druckkosten dieses splendid ausgestatteten Werkes bestritten, worüber die Vorrede und mehrere Approbationen das Nähere mittheilen 4) Wessely dichtete eine hebräische Lobhymne auf Cerfbeer, die im Meassef (Jahrg. 1786) abgedruckt ist 5) Diese und die folgenden Mittlieilungen sind dem Annuaire de la Sociöte des fetudes jnives, II pag. 154 ff entnommen; sie finden sich auch theilweise bei Glaser, Geseh. der Juden in Strassburg (das. 1894), der obige Quelle nicht zu kennen scheint. 6) Der Wortlaut dieses Gesuchs ist bei Glaser, a. a. O. 8. 88 ff. nachzulesen. I verschiedenen Juden während der Kriegszeiten bewilligt wurde,7) um sie vor Plünderung und andern Gefahren zu schützen. Er versprach noch besonders, in 81 r a s s bürg keinen Handel zu treiben, der den hierüber bestehenden Verordnungen zuwider laufe, und nach Ablauf des Winters nach B i s c h h e i m zurückzukehren. Die Bitte wu de vom Magistrat abgeschlagen, auf höhere Verwendung jedoch bald nachher genehmigt, wofür Cerfbeer jährlich 20,000 Frs. an die Stadt bezahlt haben soll. Er blieb auch unbehelligt während der nächsten Jahre in Strassburg und erhielt sogar am 15. September 1 777 vom Magistrat die Erlaubniss, für seine beiden Schwiegersöhne in der Schlossergasse zwei Häuser zu miethen. Cerfbeer, der etwaigen Plackereien von Seiten der Hausbesitzer und deren plötzlichen Kündigungen des Mietkontraktes Vorbeugen wollte, hatte schon einige Jahre vorher im Geheimen sich in den Besitz eines Hauses gesetzt, da er infolge der Ausnahmsgesetze als Jude hierzu öffentlich nicht berechtigt war. Am 16. Januar 1771 verkaufte nämlich durch notariellen Akt der Kanzler und Rath des pfälzischen Hauses von Zweibrücken den Rappoltsteinischen Hofs) im Quartier Finkweiler um 33 000 Livres an den Ritter Karl Joseph v. Latouche, General und Gesandten des Königs von Frankreich am preussischen Hofe. Am gleichen Tage Unterzeichnete Latouche einen Privatakt, in welchem er erklärte, dass dieser Kauf von ihm im Auftrag von Cerfbeer geschehen sei, der nun der eigentliche Besitzer und E'genthümer des Schlosses war. Die Sache blieb lange geheim, bis eine wichtige Aenderung in den Verhältnissen (’erfheeEs eintrat. IV. Durch einen in Versailles im März 1775 ausgestellten Patentbrief erhielt Cerfbeer für sich und seine Kinder vom König die Naturalisation, in Anbetracht dessen, dass er zu Unternehmungen für das allgemeine Wohl und besonders den Kriegsdienst verwendet wurde und dass vorzüglich der letzte Krieg und die Hungersnoth, die in den Jahren 1770 und 71 herrschten, 7) Im Jahre 1702 wurde mehreren Juden aus Westhofen, welche Pferde für die königliche Armee lieferten, ausnahmsweise der Aufenthalt in S t r a s s b u r g gestattet, der sich alsdann bis nach Beendigung des span. Erbfolgekrieges ausdehnte. Ebenso erhielt der Armeelieferant Mose Blien aus Hönheim mit Genossen 1743 die Erlaubnis«, in Str. zu wohnen, wo er bis 1748 verblieb. 8) Es ist dieses derselbe Hof, in welchem fünfzig Jahre vorher die Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt geboren wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.