Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1899)
- Date
- 1899-12-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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für Jüdische Gesdiidite und Litteratur. Herausgegeben von Dr. 1*. LSwrnstein. Erseheint alle Monat in der Stärk« von mindestens einem Bogen — Alle für diese Beilage bestimmten Manuscripte und Anfragen sind an Herrn Bezirks-Kabbiner Dr. Löwenstein, Mosbach (Baden) zu richten. Nr. 1. — Beilage zu Nr. 97 des „Israelit.“ Die Juden im Eisass vor und während der Schreckensherrschaft. i. Die Verfolgungen, denen die Juden um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts vielfach ausgesetzt waren, traten in besonders heftiger Weise im Eisass zu Tage. Eine rohe Bande zog im Jahre 1779 durch das Land und forderte in fanatischer Wuth die christliche Bevölkerung aut, die Juden aus dem Lande zu treiben. Leber die jüdischen Schuldforderungen wurden falsche Quittungen ausgestellt in der Absicht, diese Forderungen als getilgt zu erklären und so die Juden ihres Vermögens zu berauben. Die Regierung that zwar gegen diese Hetzereien geeignete Schritte und zog die Aufrührer zur Verantwortung; allein die Verhältnisse der Juden im allgemeinen erfuhren keine Besserung. Wie aus der französischen „Denkschrift über die Lage der Juden im Eisass“ hervorgeht, mussten diese grosse Summen für ihr Aufenthaltsrecht bezahlen; der schmähliche und entehrende Leibzoll wurde an den Thoren der Städte und Dörfer von ihnen erhoben; die meisten bürgerlichen Gewerbe waren ihnen verschlossen.1) Der Ausbruch der französischen Revolution änderte nur wenig an diesen Zuständen. Um die Mitte des Jahres 1790 nahmen die Verfolgungen der Juden im Eisass einen derart bedrohlichen Charakter an, dass viele von ihnen nach Mühlhausen und Basel sich flüchten mussten. 1) Im Jahre 1784 befanden sich im Eisass 3910 jiid. Familien, deren Verhältnisse Ludwig XVI. durch die am 10, Juli erschienenen Lettres Patentes zu regeln suchte. Unter den Städten, die gegen die bürgerliche Aufnahme der Juden Einsprache erhoben, zeichnete sich Strassburg in unrühmlicher Weise aus. War doch schon bisher der Jude, der in dieser Stadt sich aufhalten wollte, täglich eine Abgabe von drei Livres zu zahlen gezwungen. Als jetzt die Juden bei der französischen Regierung vorstellig wurden, um das freie Niederlassungsrecht in Strassburg zu erlangen, liess es der Magistrat dieser Stadt an energischen Gegenvorstellungen nicht fehlen, um die Gewährung des Gesuchs zu hintertreiben. Eine einzige erfreuliche Ausnahme galt der Familie Cerfbeer. Der Träger dieses Namens spielt eine so hervorragende Rolle unter seinen Zeitgenossen, dass wir uns veranlasst sehen; uns eingehender mit ihm zu beschäftigen. II. Die Familie Berr (vom Namen Bär abgeleitet) stammte aus dem alten Lothringen; Isaak Berr, der Chef des Hauses, war ein reicher Bankier in Nancy, wo er 1755 starb. Sein Sohn Berr Isaak, Mitglied des Pariser Sanhedrins, that als eifriger Patriot sich hervor und trat für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen mit feuriger Begeisterung in die Schranken; er starb, 84 Jahre alt, am 5. November 1828. Sein Sohn Michel Berr war der erste jüdische Rechtsanwalt in Frankreich. Dieser angesehenen Familie entstammte Herz Medelsheim, der sich gewöhnlich Cerfbeer nannte. In Lothringen um’s Jahr 1730 geboren, war er von Jugend auf ein begeisteiter Anhänger des Judenthums, an dessen bürgerlicher Anerkennung er das lebhafteste Interesse nahm. Seine Begeisterung für die jüdische Lehre fand ihren schönsten Ausdruck