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Der Israelit · 1899-12-07 · Heft 97 (7.12.1899) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 97 (7.12.1899)
Date
1899-12-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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2029 den ermordet worden. Ueber diesen Fall werden folgende nähere Mitlheilungen gemacht: Am 1v. November gegen 6 Uhr Abends betrat ein Pole, der in einen fest zugeknöpften Pelz gehüllt war, die Schänke des Hirsch Markus in Podgorze. Er ging zum Schanktische und verlangte einen starken Schnaps mit einem Stück Kuchen. Herr Markus fiel das scheue Wesen des Mannes auf, und er fragte ihn, was mit ihm los sei. „Was geht das Sie an?" war die Antwort. Zugleich legte der Gast ein Zwanzig. Hellerstück auf den Tisch, worauf ihm vier Kreuzer zurückgegeben wurden. Dann forderte er noch ein Glas Schnaps; der Schanker nahm darauf von den vier Kreuzern drei und -ließ einen Kreuzer liegen. Der Besucher blickte in dem von einer Hängelampe beleuchteten Zimmer umher, nahm eine Handvoll Kleingeld aus der Tasche nnd fragte, als ob er noch nichts bezahlt hätte: „Was bin ich schuldig?" Da jeder Schanker aus Erfahrung rauflustige Provocateure kennt, welche Jrrthümer in der Bezahlung der Zeche Hervorrufen, um dann nochmals zu kommen und zu randaliren, so stieg in dem Schankwirthe Argwohn auf und er fragte den Mann, weßhalb er so zerstreut sei? Statt der Antwort nahm der Fremde zum dritteumale eine Krone und legte sie mit der Frage: „Was bin ich schuldig?" auf den Tisch. Nun , fertigte Herr Markus ihn barsch ab und begann seine Flaschen zu ordnen. Während der Wirth ihm hiebei den Rücken zuwendete, trat der Gast hinter den Sessel der Frau, die gleichfalls anwesend war —' sonst befand sich Niemand im Lokale — und beugte sich über sie, als ob er sie liebkosen wollte; er preßte sie an den Tisch und zog mit einer Hand unter dem Pelz ein Packet hervor, um es unter die Bank zu legen, welche vollständig im Schatten stand und durch lange, an einem Nagel hängende Kleidungsstücke verdeckt war. Die tödtlich erschrockene Frau, die nicht wußte, was der Mann vorhabe, riß sich los und sah in diesem Augenblicke einen blutigen Fetzen, aus welchem die Füße eines kleinen Leichnams hervorstarrten. Auf den Angstschrei der Frau stürzte Herr Markus herbei, und auch ein Gast, der eben eingetreten war, näherte sich. Der unheimliche Fremde sagte kaltblütig: „Das ist ja mein Kind" und wollte sich mit dem blutigen Packete entfernen. Der Schankwirth faßte ihn jedoch und beförderte ihn zur Polizei. Dort wurde er entlaffen und das lobte Kind auf die Klinik geschickt. Der Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Horowitz veranlaßte indeß am nächsten Tage, daß der Mann, ein Bergmann aus Wieliczka, Namens Jean G r o ch o l, verhaftet wurde. Es ergab sich, daß er bei den antisemitischen Exzeßen, welche im vorigen Sommer in Wieliczka stallfanden, eine Hauptrolle gespielt hatte. Die Verantwortung Grochols' bestand darin, seine Frau wäre im Krakauer L-izrrspital niedergekommen, das Kind wäre gestorben und den Leichnam hätte er mit Erlaubniß des Arztes genommen, um ihn in Wieliczka beizuf.tzsn. Den Erlaubnißschein habe er verloren. Eine telephonische Ansrage bei dem Arzte ergab, daß dieser in der Thal den Leichnam ohne Schein und ohne vorgeschriebenen Sarg ausgefolgt habe. Frau Markus war unterdessen in Folge der Aufregung von einem Blutftmze heimgefuchl worden und schwebt in Lebensgefahr. Der Schankwirth Hirsch Markus ist ein Sohn des Krakauer Schriftstellers Aron Markus. Die polnischen Blätter „Czas" und „Glos Narodu" suchten den Vorfall unter Anführung falscher Umstände als vollständig harmlos darzustellen, und das letztere Blatt verhöhnte die Aufregung der Juden mit den Worten: „Auf dem Diebe brennt der Hut." Sehr bemerkenswerlh ist es, daß gerade um diese Zeit der Abgeordnete Schneider, bekanntlich ein Geschäftsreisender in Beschuldigungen de» Ritualmordes, in Krakau eingetrossen war. Es ist dies nicht der einzige Vorfall, welcher Zeugniß ablegt, wie weit der Fanatismus und die unsägliche Verworfenheit in der antisemitischen Agitation gegenwärtig geht. Um die Zeit der jüdischen Ostern sind in diesem Jahre noch drei Fälle von Unterschiebungen von Kindesleichen bei Juden vorgekommen. Ungefähr zwei Wochen vor Ostern wurde eine Magd ertappt, als sie ein tootee Kind in dem jüdischen Hause Freylich's am Kazmierz verbergen wollte. In der Vorstadt Zwierziewe kaufte eine Jüdin in der Osterwoche einen Bund Stroh, und als sie ihn nach Hause brachte, fand sie darin eine Kindesleiche. Am Mittwoch während der Oflerfeiertage wurde um 1. Uhr Nachts von einem christlichen Arbeiter eine Bäuerin angehalten, die eben eine Kindesleiche hinter der Mauer der alten Synagoge verscharren wollte. Die Methode ist nicht neu; sie datirt mehrere Jahrhunderte zurück, ist aus Chroniken bekannt und gab Heine den Stoff zu seinem Bruchstücke „Der Rabbi von Bachrach." Aus Budweis wird uns über die Agitation mit Blutbefchulvigungen berichtet: Was die czechifchantisemitifche Presse an Lügen und Verdrehungskunst leisten kann, nur um die Bevölkerung zu beunruhigen, zeigt Folgendes: Vor mehr als einem Jahre wurde im Haiderwalde bei Budweis, in der Nähe des Dorfes Gauendorf, ein IvjährigeS schönes 8 auernmädchen, Namens Petronilla Philipp aus Kaltscht, ermordet aufgefunden. Der Verdacht fiel auf einen angeblich verschmähten Liebhaber der Philipp, doch vermochte die Untersuchung richts Bestimmter darüber feststellen. Es war hier offenbar ein Lustmord verübt worden. Die Ermordete war erdrosselt worden

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