Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1899)
- Date
- 1899-09-28
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449023--49168-2499647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1624 gor X mit einer Bulle, welche besonders wichtig ist, weil sie verbietet, daß Christen in derartigen Angelegenheiten gegen Juden Zeugenschaft oblegen, denn solche Christen können nicht für glaubwürdig gehalten werden, weil es feststeht, daß der eigene Vater feine Kinder oder irgend Jemand, ein Gegner der Juden, die Kinder verborgen hielt, um von den Juden etwas zu erpreßen oder sie zum Loökauf zu bewegen. Es ist erlogen, daß die Juden Blut von Kindern opfern oder trinken, da ja schon ihr religiöser Ritus ihnen Derartiges ausdrücklich verbietet. Der Vertheidiger citirt weiter Papst Martin V., die Gutachten der Cardinäle Ganganelli, Kopp, Reinkens und anderer geistlicher Capacitaten, welche das Blutmärchen verurtheilt haben. Es gibt keine so schändlche Verdächtigungen — fuhr Dr. Aurednicek fort — als diese, und es hat bis zum neunzehnten Jahrhundert kein Gelehrter diese Ueberzeugung ausgesprochen. Erst dem neunzehnten Jahrhunderte blieb es Vorbehalten, den Mann hervorzubringen, der vermöge seiner socialen Stellung Anspruch erheben konnte, als Gelehrter zu gelten und der die Beschuldigung des Ritualmordes erhob, sowie der diese Verdächtigung wiffenschaftlich zu begründen suchte. Es ist dies Rohling. Diesem Manne sollten die Juden dankbar sein, denn durch sein Hervortreten wurde es ermöglicht, wissenschaftliche vernichtende Beweise gegen diese ungeheuerliche und unsinnige Beschuldigung herzustellen. Nachdem aber die Verbreiter dieser Verdächtigung auf diese erdrückenden Gegenbeweise keine Antwort finden konnten, wollten sie den historischen Beweis für sich anrufen und beriefen sich darauf, daß so viele Morde vorgekommen seien, deren die Juden bezichtigt wurden. Das ist aber ein Beweis dagegen, weil nämlich gewiß die Juden keine Wundermenschen sind, die so viele Morde hätten vollbringen können, ohne daß man sie auch nur in einem Falle der Thäterschaft hätte überführen können. Wenn aber die Menschen nicht wiffen, wo ein und aus, dann sagen sie eben: „Es ist doch etwas daran!" und an dieses „Es ist etwas daran!" wird geglaubt. Nur dem schändlichen Treiben in der antisemitischen Presse ist es zuzuschreiben, daß Hilsner heute auf der Anklagebank sitzt, nur diesem Treiben ist es zuzuschreiben, daß die Anklage überhaupt erhoben wurde, nicht weil Beweise gegen ihn Vorlagen, sondern nur, weil er Jude ist, sitzt er hier. Ich Höffe aber, daß sich in Böhmen keine Geschworenenbank finden wird, die einen Menschen lediglich deshalb verurtheilt, weil er ein Jude ist. Ich bin überzeugt, daß dieses unerhörte Treiben dieser Presse zerschellen wird an dem Rechtssinn, der Gewissenhaftigkeit und dem gesunden Uriheil der Herren Geschworenen. Der Vertheidiger verweist darauf, daß bei jedem Jndicien-Beweise vor Allem geprüft werden muß, ob der Mann, der beschuldigt ist, auch einer solchen That fähig ist, was er für ein Vorleben hat und welches die Motive der That sind, und dann'erst müssen die Jndicien geprüft werden, die zu dem nothwendigen Schlüsse führen, daß der Angeklagte schuldig ist. Gegen Hilsner liege nichts Anderes vor, als daß er ein Faulenzer ist. Er sei aber besser als man glaubt; denn wenn man gegen einen Menschen, gegen den so gehetzt wurde, nichts Anderes Vorbringen konnte, als daß er einmal im Walde ein Mädchen geküßt hat, so kann das kein gar schlechter Mensch sein. Ausschlaggebend aber sei das Motiv. Das Hauptargument, fährt der Vertheidiger fort, das gegen Hilsner vorgebracht wird, ist sein Leugnen. Das aber läßt sich leicht erklären. Er ist ein unintelligenter Mensch, steht gänzlich Z hilflos da, ohne Freund, ohne Berather, und in leiner Angst, seiner Rathlosigkeit und Hilflosigkeit geht es ihm so, wie dem gehetzten Wild, das gerade dort ausbricht, wo die meisten Feinde stehen, und er leugnet Alles. Es ist nicht meine Aufgabe, zu sagen, wer der Mörder ist, aber sichergestellt ist, daß am Tage vor dem Morde sich ein verdächtiger Mensch im Walde Brezina herumtrieb, und auf mich macht einen eigenthümlichen Eindruck die Aussage einer Zeugin; beim Lesen derselben ist es mir, als ob die Stimme der ermordeten Agnes Hruza noch aus dem Grabe ertönen würde, um uns auf den rechten Weg zu weisen, auf dem wir gehen müssen, um den Mörder zu finden. Am Tage vor dem Morde hat nämlich Agnes Hruza noch eine Freundin gewarnt: „Gehe nicht in den Wald, denn dort treibt sich ein verdächtiger Mann herum." Wäre es Hilsner gewesen, so hätte sie sicher gesagt: „Der Hilsner treibt sich dort herum." Ich bitte also meine Herren Geschworenen, zu beachten, daß Sie nicht auf Grund eines dunklen Verdachtes hin urtheilen dürfen, sondern daß Sie das Urtheil vor Ihrem Gewissen verantworten müssen, daß Sie es sich vorsichtig selbst begründen müssen, und ich bitte Sie, nur so zu handeln, wie der von Ihnen abgelegte Eid es Ihnen ans Herz legt. Ich bitte Sie, ohne Furcht als freie Männer Ihr Urteil zu fällen, nicht die Wogen der öffentlichen Meinung an sich herantreten zu lassen. Es wiro ein Ehrentag für Sie fein, wenn Sie Hilsner freisprechen, denn er ist unschuldig! Beim Verlassen des Kreisgerichtsgebäudes wurde Dr. Baxa, der sich in Gesellschaft der Geschworenen befand, mit „Slava-" und „Na ^äai"-Rufen begrüßt und von der Menge bis zum Hotel „Post", wo er logirte, begleitet. Hier, brach die Menge von Neuem in ^Slava-" und „Na 2äai'"-Rufe aus. Nun schritt