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Der Israelit · 1899-09-28 · Heft 76-77 (28.9.1899) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 76-77 (28.9.1899)
Date
1899-09-28
Page
– (sequence 27)
Language
German
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WWMSMWWW 1623 Gewissen mit einem unter Qualen erpreßten Geständnisse. Heutzutage ist die freie Beweiswürdigung so frei, daß sie über solche Scrupel sich einfach hinwegsetzt. Der Haß, der das Blutmärchen erzeugte, blendet und vergiftet Alles, er waffnet den Bürger gegen den Bürger, er gräbt sich in die sociale Schichtung der Gesellschaft ein, er trübt bereits den Spiegel der Wissenschaft. Wenn er auch noch in die Justiz hineinreicht und wenn seine Hand die feinen Fäden verwirrt, welche sie zu prüfen hat, was ist dann noch fest und stcher in vermenschlichen Gesellschaft? Thun wir alle Eitelkeit von uns und gestehen wir reumüthig, daß wir, seit die römischen Kaiser unter derselben Beschuldigung, die heute in Kuttenberg ein Todesurtheil zur Folge hatte, die ersten Christen den wilden Bestien vorwarfen, noch recht wenig fortgeschritten sind! Rede -es Dr. Aure-nicek. Wir haben unserem Berichte über die Verhandlungen beim Kreisgericht in Kuttenberg noch das Plaidoyer des Vertheidigers Dr. Aurednicek nachzutragen : „Seit Kain den Abel erschlagen hat, gilt der Mord als das schwerste Verbrechen und wird als solcher mit den schwersten Strafen belegt. Der Mord bleibt immer das scheußlichste Verbrechen, mag das Motiv, welches immer fein, fei es Eifersucht, Gewinnsucht, Haß oder Rache. Am scheußlichsten wird der Mord, wenn er aus religiösem Fanatismus verübt wird. Die Aufgabe des Vertheidigers ist bei der Anklage wegen Mordes immer sehr schwierig, weil der Richter, sei es ein Gelehrtenrichter oder ein Mann aus dem Volke, das unschuldig vergossme Blut vor Augen hat und deßhalb schon gegen den Beschuldigten voreingenommen ist. Um so schwieriger wird die Aufgabe des Vertheidigers, wenn die Beschuldigung erhoben wird, der Mord sei aus religiösem Fanatismus erfolgt, und gerade diese Beschuldigung wird gegen den Angeklagten Leopold Hilsncr erhoben. Es geschieht dies nicht seitens des Staatsanwaltes, der sich zu dieser Anschauung nicht erniedrigt hat, es geschah dies aber seitens des Vertreters der Privatbetheiliglen und seitens der antisemitischen Presie. Sofort nach dem 1. April, als die Nachricht von der Entdeckung des Mordes bekannt wurde, wurde diese Beschuldigung erhoben, und zwar bevor noch der Name des Leopold Hilsner genannt worden war. Seit dem Tage jedoch, an dem Hilsner des Morde» an der Agnes Hruza beschuldigt wurde, ist kein Tag vergangen, an dem nicht in der antisemitischen Presse aus's Unerhörteste Stimmung gemacht wurde, an dem nicht in dieser Presse verdrehte und erlogene Berichte über den Gang der Untersuchung veröffentlicht wurden. Hilsner wurde als der schrecklichste Verbrecher, als der verkommenste Mensch hingestellt; unbeschreibliche Gerüchte wurden colportirt, unberufene und unfähige Leute haben in den Gang der Untersuchung eingegriffen; die Richter wurden der Parteilichkeit beschuldigt; ja man hat sogar die Schändlichkeit begangen, Ihnen, meine Herren Geschworenen, Tendenzbroschüren mit Bezug auf diesen Prozeß zuzusenden, um Sie vom Wege der Unparteilichkeit und der Gerechtigkeit abzubringen. Das muß Abscheu und Unwillen erwecken. (Murren im Auditorium.) Es ist doch unendlich traurig, fuhr Dr. Aurednicek fort, daß am Ende unseres Jahrhundert» der Rassenhaß einen solchen Grad erreichen konnte, daß, um in diesem Kampfe eine Verurteilung zu erzielen, die verwerflichsten Mittel gegen einen Menschen ins Treffen geführt worden sind, daß man diesen Menschen für schuldig erklärt hat, bevor noch der kompetente Richter sein Urtheil gefällt. Rach meiner Ansicht wird Niemand, der dieser Verhandlung beigewohnt hat, den Hilsner für schuldig hallen. Ich halte Sie, meine Herren Geschwornen, für viel zu intelligent, um anzunehmen, daß Sie an da» Märchen vom Ritualmord glauben, allein gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo. Das fortwährende Wiederholen des Märchens könnte selbst bei intelligenten Menschen im Stande sein, die grundlegende Ansicht zu erschüttern, und nicht nur um die Haltlosigkeit, sondern auch die Schändlichkeit de» Märchens zu beweisen, muß ich mich der Mühe unterziehen, die Frage de» Ritualmordes, die bei intelligenten Menschen überhaupt keine Frage ist, zu beleuchten. (Diese Worte rufen starke- Murren im Auditorium hervor. Der Präsident mahnt die Zuhörer zur Ruhe und droht mit der Räumung des Saales.) DaS Märchen vom Ritualmord entstammt dem dreizehnten Jahrhundert, und die Frage, wie e» entstand, ist schwer zu beantworten, so schwer wie die Frage, woher das Märchen von der Brunnenvergiftung durch die Juden stammt. Die Erklärung findet man in der Ansicht einer Zeit, in welcher Judenverfolgungen an der Tagesordnung waren. Dummheit und Böswilligkeit können jedes, selbst da» unsinnigste Märchen entstehen lassen. Gewiß aber hat mancher Gebrauch der Juden, zum Beispiel der Gebrauch de» Osterweines, den Anlaßpunkt für die Entstehung de- Märchens gegeben. Und das wurde von^den Antisemiten aller Zeiten ausgenützt. Die ganze Literatur hat die Ansicht vom Ritualmord verurlheilt. Zuerst hat Papst Jnnocenz IV. das Wort in dieser Sache ergriffen, welcher darüber vier da» Blutmärchen verurtheilende Bullen erlassen hat, nach ihm kam Grek.

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