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Der Israelit · 1899-09-28 · Heft 76-77 (28.9.1899) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 76-77 (28.9.1899)
Date
1899-09-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1616 wird, wenn es zunächst auch nur die Juden sind, die dabei verlieren. Budapest, 17. Sept. Hier tagte in dieser Woche der VIII. Kongreß der internationalen kriminalistischen Vereinigung. Zu den Punkten, über die verhandelt wurde, gehörte die Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels. Das Referat über dieses Thema hatte Ferdinand D r e y f u s aus Paris, an der Debatte betheiligten sich lebhaft besonders auch die Herren A lb a m l—Paris und Prof. Zucke r— Prag. Schließlich wurde ein Beschluß angenommen, der ebenso wie der auf dem Londoner Kongreß zur Verhütung des Mädchenhandels angenommene Antrag eine internationale gesetzliche Regelung der Materie fordert. Es ist sehr bezeichnend und erfreulich, daß bei diesem Pesther, wie bei dem Londoner Kongreß gerade Juden so eifrig in der Bekämpfung des Mädchenhandels sich bemüht haben. Prag, 18. Sept. (Ein Culturbild aus Böhmen.) Ein trauriges Bild ist es, das sich hier am Ende des 19. Jahrhunderts unseren Augen darbotIch will nicht von dem Prozesse selbst sprechen, der dieser Tage die Geschworenen in der böhmischen Stadt Kuttenberg beschäftigte und mit der Verurtheilung des Angeklagten Leopold Hilsner endigte. In wiefern sie diesen blos auf Grund der vorgebrachten Verdachtsmomente und infolge des Umstandes, daß sich seine Unschuld nicht klar beweisen ließ, zum Tode verurtheilten, das haben sie vor ihrem Gewiffcn zu verantworten. Ich will auch nicht davon sprechen, wie sie, mitsammt der böhmischen Bevölkerung unausgesetzt ein halbes Jahr lang von der antisemitischen Preffe, die den Fall der räthselhaften Ermordung der Agnes Hruza weidlich für ihre Zwecke ausnützte, haranguirt wurden, wie die Wiener Antisemiten eigens Leute in die Gegend von Polna schickten, die die Zeugen „verhörten" und alle möglichen, haarsträubenden Märchen unter die leichtgläubige Menge verbreiteten, die sie dann selbst im Gerichtssaale für bloße „Frozzelei" und Ulk ausgaben. Die niederträchtige Verdächtigung des sogenannten „Ritualmordes" gehört nun einmal zum nothwendigen Requisit der Antisemiten und es war zu erwarten, daß sie sich auch diesmal die Gelegenheit nicht würden entgehen lasten, aus dem traurigen Vorkommnisse Capital zu schlagen. Aber ein Zug dieses tief beschämenden Culturbildes unserer Zeit verdient besonders gekennzeichnet zu werden: es ist die Rede, die der jungczeschiche Landtagsabgeordnete Dr. Baxa als Vertreter der Privatbetheiligten hielt. Hätte er als Antisemit so scharf als möglich gegen den angeblichen Mörder gesprochen, so wäre das nur ganz natürlich gewesen. Aber seine Hetzrede war fast gar nicht gegen diesen, vielmehr gegen das Judenthum und den jüdischen Glauben überhaupt gerichtet. Ja, er versuchte es, den Angeklagten, ein nichtsnutziges und faules Individuum, das erklärt hatte, sich wegen eines Mädchens taufen lasten zu wollen, und das selbst am hl. Jom-Kippur die Verhandlung fortgesührt wiffen wollte und weder fastete noch betete, als Opfer des religiösen Fanatismus hinzustellen! Da gar kein Motiv aufzufinden war, ist es Herrn Baxa unzweifelhaft, daß ein „Ritualmord" vorliegt. Obwohl über den ganzen Vorfall noch das größte Dunkel liegt, scheut er sich nicht zu sagen, daß ..Gottes Vorsehung die Wahrheit ans Tageslicht gebracht habe." Er weiß genau, „warum jene Jungfrau hingemordet wurde", weiß, „daß es in der Gesellschaft Leute giebt, die nur zu dem Zwecke morden, um den Nächsten seines Blutes zu berauben". In diesem Tone ging die ganze lange Rede fort und dann hatte er — sehr charakteristisch für seine Denkungsart — nach der Erwiderung des Verteidigers, die Schamlosigkeit zu behaupten, es sei eigenthümlich, daß nur von jüdischer Seite das Wort „Ritualmord" gefallen sei. Kann man sich ein niederträchtigeres Sophisma denken? Man muß sich nur fragen, wodurch ein moderner Mensch mit zeitgemäßer Bildung, der doch unmöglich so stupid sein kann, selbst an all den Unsinn zu glauben, bewogen werden kann, sich mit Hintansetzung jeder Moral für so etwas einzusetzen. Und das ist es, worauf ich eigentlich hinauskommen wollte. Der Fall ist darum so bezeichnend und so tief beschämend, weil nicht Dummheit oder Bosheit an sich das Motiv jener, die „Bestie im Menschen" aufreizende Rede war, sondern einzig und allein politische Streberei. Die weiland freisinnige jungczechische Partei, die — seit sie die Polizei in das Parlament kommandirte und sich mit allen reactionären Elementen gegen die Deutschen zusammenschloß, moralisch Schiffbruch gelitten hatte, steht heute vor dem politischen Bankerott. Das absolutistische Regime und ihr Finanzminister mit seinen neuen Consumsteuern, haben ihr den letzten Rest von Popularität geraubt. Ihre Stellen trachten die „Allerjüngften", die Uttra-Radiealen, einzunehmen, allen voran Dr. Baxa. Die Herren haben es eine Zeit lang mit dem Freisinn versucht; sie haben Brandreden gegen den Clericalismus gehalten, Johannes Hus zum Schutzpatron erhoben u. s. w. Allein, sie haben offenbar damit „schlechte Geschäfte gemacht." Der Gegner war allzumächtig, die Staatsgewalt auf seiner Seite und so hat man denn ungenirt den „Freisinn" pensionirt und — da man doch^ um jeden Preis populär werden, d. h. recht viel schreien und Aufsehen erregen mußte — die Firmatafel des Antisemitismus ausgehängt. So hat seiner Zeit Schönerer, dann Lueger und jetzt der tschechische Herr Baxa seine „Volktsthümlichkeit"

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