Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1899)
- Date
- 1899-09-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1615 Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Zum Polnaer Mordprozeß.) Die „N. Fr. Pr." erhält von dem dortigen Ober- Rabbiner Dr. M. Güdemann eine Zuschrift hinsichtlich der unsinnigen Fabel von dem Ritualmord, in der es u. A. heißt: Während der Verhandlung ist das Wort „Ritualmord" zwar nicht ausgesprochen worden, aber diese alte Beschuldigung der Juden wird wieder lebendig. Ich erhalte soeben von der Redaction der in Petersburg erscheinenden jüdischen Zeitung „Woschod" eine telegraphische Anfrage, was Wahres an einem in der „Nowoie Wremja" enthaltenen Telegramm sei, das von haarsträubenden Dingen berichte. In Polna sei der „Ritualmord" bewiesen, große Judenverfolgungen stünden bevor, die czechischen Juden flüchten massenhaft nach Wien, verschleudern ihre Güter u. s. w. So scheint ja unversehens der Polnaer Prozeß und sein „unausgesprochenes" Ergebniß der neueste österreichische Exportartikel zu werden. Ich persönlich erhitze mich darob nicht sehr. Dazu habe ich bis jetzt zu wenig Mittelalter mitgemacht. Meine Jugend fällt in eine freiheitliche und aufgeklärte Zeit. Alle meine Gymnasial-Lehrer sind katholische Geistliche gewesen, und niemals habe ich aus ihrem Munde auch nur die leiseste Andeutung davon vernommen, daß sie dem Judenthum oder den Juden „Ritualmord" zur Last legen würden. Wie sollten sie auch? Sie kannten ihre Kirchenväter und wußten, wie Athenagoras vor Kaiser Marc Aurel und dessen Sohn Commodus die Christen gegen die Verleumdung des Kinderschlachtens in Schutz nehmen mußte, daß Origines gegen dieselbe von dem heidnischen Philosophen Celsus vorgebrachte Beschuldigung auftrat. Desgleichen wußten sie von den Aeußerungen des Märtyrers Byblias bei Eusebius, von Minucius Felix und Tertullian u. s. w., die alle ihre christlichen Glaubensgenoffen gegen die Anklage des „Ritualmordes" vertheidigen. Dies Alles, meine ich, ist jetzt Jedem bekannt, der den Ursprung und die Unstichhaltigkeit dieser seltsamen Beschuldigung kennen will, und wenn jetzt wieder von antisemitischer Seite der Polnaer Proceß dazu fructificirt wird, um den Juden Eins am Zeuge zu flicken, so würde ich deßwegen kein Wort verlieren. Man weiß, weffen man sich von den Antisemiten zu versehen hat und wie hoch ihre Wahrhaftigkeit anzuschlagen ist. Noch weniger kann es mir beifallen, meine Religion, der die Menschheit den Monotheismus und die zehn Gebote, also auch das Gebot „Du sollst nicht tobten" verdankt, gegen die Anklage des „Ritualmordes" auch nur mit Einem Worte 'in Schutz zu nehmen. Ich würde mich schämen, Jude zu sein, und würde es keinen Augenblick länger bleiben, wenn in irgend einer biblischen oder rabbinischen Schrift > diese Scheußlichkeit gelehrt oder gebilligt würde, ja wenn ich auch nur wüßte, daß das Judenthum jemals eine Secte, sei auch die Zahl ihrer Anhänger noch so klein, aus sich geboren hätte, die den Mord irgend eines Menschen, noch dazu zu religiösen Zwecken, gutheißen und von Menschenblut einen rituellen Gebrauch machen würden. Ich glaube, ich kenne mein Judenthum vielleicht bester, als die Antisemiten ihr Christenthum, und ich fürchte nicht, daß man, mich beim Worte haltend, mich so bald durch Beweise zwingen wird, meinen Glauben aufzugeben. Was mich aber zu diesen Zeilen und zu der Bitte, dieselben in Ihr geschätztes Blatt aufzunehmen, drängt, ist mein österreichischer Patriotismus. Vor acht oder zehn Jahren war in dem Wallfahrtsorte Kalwarya ein Bild mit der Schilderung eines „Ritualmordes" ausgestellt. Dieser für die Juden Galiziens bedrohliche Umstand veranlaßte den verstorbenen Präsidenten des israelitischen CultusvorftandeS, Gustav Simon, den Gemeinderath und jetzigen Vorstands-Vice Präsidenten Dr. Alfred Stern und mich, den damaligen Justizminister Se. Excellenz Herrn Grafen Schönborn um eine Audienz zu ersuchen, in welcher wir ihn darum baten, die Ausstellung jenes Bildes einstellen zu lasten. Ich erlaubte mir damals, an den genannten Herrn Justizminister folgende Ansprache zu richten: „Excellenz! Ich komme in erster Linie nicht als Ober:Rabbiner, nicht einmal als Jude, sondern als österreichischer Staatsbürger. Wenn die Staatsverwaltung wüßte, daß in einer ihr unterstehenden Schttle das ptolomäische Sonnensystem statt des korpernikanischen gelehrt würde, so würde sie gewiß dagegen einschreiten. Denn es ist ein wichtiges Staatsintereste, die Verbreitung irriger Meinungen und falscher Vorstellungen, auch wenn sie die Sittlichkeit nicht berühren, zu verhindern. Die Wahrheit muß um ihrer selbst willen gepflegt werden. Um wie viel gefährlicher ist es aber, die böswillige, gegen die Juden gerichtete Beschuldigung des „Ritualmordes", unter welcher schon die ersten Christen so viel gelitten haben, in der Bevölkerung sich fortfristen zu lasten. Die Lüge schadet nicht blos denen, gegen die sie verbreitet wird, sondern auch denen, die sie für wahr halten, und so, glaube ich, ist es nicht blos im Jntereste der Juden, sondern auch für die Reputation Oesterreichs, für das Bildungsniveau seiner Gesammtbevölkerung von höchster Wichtigkeit, daß der Fructificirung des jüdischen „Ritualmordes", der freilich kein „Märchen", sondern die schändlichste Lüge ist, entgegengetreten werde." Dies erlaubte ich mir damals dem Herrn Juftizminister zu bemerken. Eine Application mache ich von dieser Bemerkung nicht, sie ist anderswo gemacht worden, und ich glaube, daß das Ansehen Oesterreichs in der Welt dadurch nicht gewinnen