Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1899)
- Date
- 1899-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1905 diese Wahrnehmung der Brüder war nur eine subjective, wie nahe lag es, daß das Auftreten Josephs die Brüder täuschen konnte? Zweimal hatten sie sich in ihrem Bruder geirrt, hatten nicht einmal den äußeren Joseph erkannt, konnte er dem Unheil und der guten Meinung vertrauen, die sie über den inneren Menschen halten? Auch die Einladung Josephs, den Vater zur Reise nach Egypten zu veranlassen, konnte Jakobs berechtigte Zweifel nicht heben. Es war das wenigste was Joseph thun konnte, den Vater pro forma einzuladen. War aber Joseph in Aegypten das geworden, was der bekümmerte Vater leider fürchten zu müssen glaubte, was sollte denn der mit Würden und Ehren überladene, dem göttlichen Regime des Vaterhauses entfremdete Sohn mit dem „altmodischen" Vater inmitten der königlichen Pracht und Auszeichnung anfangen? Er hätte eher in ein egyptisches Landesmuseum für Antiquitäten, als in die Nähe seines von irdischer Majestät und Hoheit umflossenen Kindes gepaßt. Wie viele „fortgeschrittene", moderne Söhne schämen sich der alten Eltern,, deren Einfalt, Einfachheit und Frömmigkeit von den leichtsinnigen Kindern als überwundener Standpunkt belächelt wird! Deßhalb konnte auch die formelle Einladung nach Egypten nicht genügen, um die bangen, väterlichen Zweifel zu beschwichtigen. Als jedoch Vater Jakob die Wagen sah, die zu seiner Abholung Joseph geschickt Hatte, da lebte der Geist Jakobs erst auf. Sie durften ihm Bürgschaft dafür sein, daß Joseph sich wirklich nach der Nähe des Vaters sehnte, daß die Einladung keine blos formelle, conventionelle war. Erst aus dieser Sehnsucht durfte Jakob den erfreulichen Schluß ziehen, daß sein verloren geglaubter Sohn nicht verloren, daß sein Kind auch in der Fremde sein Kind geblieben war. Welche Perspektive eröffnet dieser eine Zug nicht für unsere Zeit und ihre Beziehungen zwischen Vätern und Kindern! Wie viele Eltern geben ihre Kinder frühzeitig hinaus in die Fremde, um dort Carriere, Würden und Ehren zu finden. Wie viele verlieren auf der Suche darnach den Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht, den sie vom Elternhause mitgebracht haben! Sie reüssiren und kommen vorwärts, aber sie erkaufen ihr Vorwärtskommen durch Vernachlässigung der göttlichen Gesetze, die ihnen das Elternhaus als für ewig verbindlich mit hinaus in's Leben gegeben hat. Sie verschmähen das Band, das täglich Hand und Haupt, Gedanken und That Gott unterstellt, sie streichen die Tage der Ruhe und Weihe aus ihrem Leben, sie übertreten die Gebote, die Gottes Gesetz an Speise und Trank geknüpft und setzen sich über die.Satzungen von Sitte und 'Sittlichkeit hinweg, deren Mißachtung ihren Körper und Geist ruiniren, Göttlichkeit und Ewigkeit ihnen entziehen. Und eS giebt kurzsichtige Eltern, die in dem schillernden Glanz einer gut situirten äußeren Stellung eine Abfindung für die eingebüßte Reinheit und Schuldlosigkeit ihres Kindes erblicken und ihr Kind noch als solches anerkennen, trotzdem es sich von allem losgesagt hat, was den Eltern die ganze Zeit ihres Lebens als unverletzliches Heiligthum gilt. Sie haben nicht einmal einen lauten Seufzer über dagottvergessene Gebahren ihres KindeS übrig und statt, daß sie ihre Kinder bestimmen, wieder zur gottgebotenen. jüdischen Pflicht zurückzukehren, werden die Alten von den Jungen beeinflußt, den Leichtsinn der Jugend zu theilen oder doch als etwas Unvermeidliches anzuerkennen. Demgegenüber sehen wir in Jakob einen Vater, der für den fürstlichen Glanz seines Sohnes kein Auge hat, so lange er keine Bürgschaft für den unverändert gebliebenen Sinn seines Kindes besitzt. Er sieht diese erst in den Wagen, die den Vater in die Nähe des Sohnes bringen sollen und erst dann lebt der Geist in dem Bewußtsein wieder auf, daß selbst das allen Versuchungen und Gefahren der Fremde ausgesetzte, verloren geglaubte Kind, sogar auf dem heidnischen Königsthron den Ueberlieferungen des Jakobzeltes treu geblieben ist. ZettungSrrachrichte« urrv Eorrefporrverrze«. Deutschland. Frankfurt a. M., 24. Nov. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 15. Noo. Herr Rabbiner Dr. Nobel aus Köln einen Vortrag über Salomo ibn Gabirol, den Dichter und Philosophen. Ueber das Leben dieses Mannes sind nur fe^e dürftige Nachrichten vorhanden; wir müssen sie mühselig aus seinen Schriften zusammensuchen. 1020 geboren, soll er bereits in seinem 30. Jahre gestorben sein. Er fühlte sich stets vereinsamt in seinem Selbstbewußtsein, welches andere als Stolz auslegten. Als Sechszehnjähriger dichtete er bereits einige Strophen, die seine Klagen zum Ausdruck brachten, daß auf Erden das Gute nicht siege, das Schöne nicht immer triumphire. Der erste Lichtblick in seinem Leben war seine Freundschaft mit dem Astronomen Jekusiel Hasan, der aber in Folge der Jntrigue seiner Neider öffentlich hingerichter wurde. In Malaga lernte Gabirol den Samuel Hanagid kennen, mit dem ihn eine innige Freundschaft verband. Gabisols religiöse Poesien, namentlich feine Gebetstücke für Neujahr und VersöhnvngStag, zeichnen sich durch eine besondere Schlichtheit und Einfachheit aus. Er war der Erste, der die hebräische