Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1899)
- Date
- 1899-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wir wollen hier auf die merkwürdige Rolle aufmerksam machen, welche die Wagen spielen, die Joseph zur Abholung geschickt hat. Wir glauben den Vater ganz Ohr, aber das Herz glaubt nicht, was das Ohr hört; es bleibt kalt. Erst als Jakob die Wagen sieht, belebt sich sein Geist und erst dieser Anblick weckt den Wunsch de» greisen Vaters noch einmal vor seinem Tode den Sohn zu sehen. Wie konnte der Anblick der Wagen die Zweifel heben, welche der lebendige Bericht der Söhne nicht zu beseitigen vermochte? Die Schwierigkeit, die Bedeutung der Wagen zu erklären, dürften unsere Weisen im Midrasch veranlaßt haben, den Wagen eine andere, als die gewöhnliche, wörtliche Bedeutung beizulegen, welche allerdings diese Schwierigkeit befriedigend erklärt. Aber von dieser Auffaffung des Midrasch abgesehen, bedarf die Erwähnung der Wagen zum Verständniß des einfachen Wortsinns noch immer tfte Erklärung. Wohl liegt die Annahme nahe, Jakob habe nicht an der Wahrhaftigkeit seiner die frohe Kunde bringenden Söhne, sondern an der tatsächlichen Wirklichkeit gezweifelt. Seinen Sohn je wiederzufinden, mag lange Jahre der Gegenstand der sehnsüchtigsten, väterlichen Träume gewesen sein. Vielleicht hielt er die Wirklichkeit nur für einen solchen Traum und die bereit stehenden Wagen des vermißten Sohnes überzeugten ihn erst, daß der Traum seines Lebens nun diesmal seine Verwirklichung gefunden hatte. Aber abgesehen davon daß der Anblick der Wagen kaum mehr geeignet gewesen sein dürfte, die etwaige Traum-Illusion zu zerstören al» der Anblick seiner zu ihm redenden Söhne, so werden die Wagen auch schon in den unmittelbar vorangehenden Versen 19 und 21 als so wesentlich betont, daß man berechtigt ist, in denselben ein Moment von besonderer Wichtigkeit zu erblicken. Versetzen wir uns einen Augenblick in die Seelenstimmung eines Jakob, der viele Jahre lang seinen todtgeglaubten Lieblingssohn beweint und nun plötzlich die Freudenbotschaft erhält, daß er noch lebt, so begreifen wir, daß diese bloße Nachricht nicht genügt, sein kaltes Herz zu erwärmen. Wenn Joseph wirklich lebte, er lebte aber nicht mehr als der Joseph, wie er als Jüngling den Vater einst verlaffen hat, sein Leben bewegte sich nicht in den Bahnen des Lebens, wie es im Elternhause gelebt wurde, dann lebt Joseph für seinen Vater nicht mehr, wenn er auch als Fürst von Egypten zu ungeahnter Höhe gelangt ist. Kein Hermelin und kein Purpur könnte Jakob dafür entschädigen, daß sein Kind mit den väterlichen Ueberlieferungen gebrochen und Egypter geworden wäre. Egypten war der angesehenste Culturstaat des Alterthums, aber auch das Land, in welchem die größte Sittenlosigkeit und Ausschweifung zu Hause war. Wenn sein Joseph seine hohe Stellung im Egypterlande durch Aufgehen in die lasterhaften Gepflogenheiten dieses Landes erkauft hätte? Kaum schien es anders möglich. Hätte Joseph da» Band nicht selber zerschnitten, das ihn mit seinem Vater- Hause einst verbunden hatte, warum hatte er in seiner hohen Stellung nicht Mittel und Wege gesucht und gefunden von seinem Leben uns Aufenthaltsort Kunde nach Hause zu schicken oder selber zu bringen? Wenn es Joseh wehr nach dem Nil als zum Jordan zieht, wenn er den fremden, fürstlichen Glanz, dem heimischen, häuslichen Glück vorzieht, dann ist Joseph sein Sohn nicht mehr, auch wenn er noch lebt. Als daher die Söhne Jacobs dem Vater alle Worte Josephs, die er ihnen aufgetragen, berichteten, nahm in diesem Bericht gewiß die Einladung Josephs, den Vater und die ganze Familie nach Egypten zu bringen, eine hervorraggende Stelle ein. Auch die einleitenden Worte: <n tj? „Joseph lebt n o ch", wird von hervorragenden Erklärern der Thora und besonders im heiligen Soharbuch dahin verstanden, daß sie den Vater über seine tiefste Bekümmerniß zuerst beruhigen wollten. Joseph lebt noch, wollte nach dieser Auffaffung dem Vater sagen, daß Joseph seinem Leben vom Hause her, noch in der Fremde treu geblieben war. Auch der Befürchtung, daß die Sitten und Unsitten Egyptens einen dominirenden Einfluß auf Joseph geübt hätten, tritt der Bericht durch die Bemerkung entgegen, daß nicht Egypten über Joseph, sondern daß Joseph über Egypten eine Herrschaft ausübt. So sicher die Brüder das ihrem Vater auch wahrheitsgetreu sagen konnten, so gewiß hatte Jakob ein Recht daran zu zweifeln, Denn