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Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 43

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 43)
Language
German
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159ö Rübe den Mord verübt hätte die Leiche sicher nicht an den Rand de- Waldes» sondern tiefer Hineingelragen hätte. Ter Staatsanwalt fährt fort: Es ist bekannt, daß gut abgerichtete Hunde Blut wittern und anschlagen, wenn sie es gefunden haben, Zeuge Dworzak suchte mit zwei wvhldreffirten Hunden den Wald ab. Nirgends gaben sie jedoch Zeichen von sich, nur auf dem Lhawrte kündigten sie Blut an. Die Möglichkeit also, daß der Mord an einer andern Stelle verübt wurde, ist vollständig ausgerchlossen. Der Mord ist meuchlings begütigen worden. So ziehen sich immer mehr Verdachtsmomente gegen Hülsner zusammen. Ter Verdacht gegen Beran und Fried führte aber zu keinem positiven Resultat. Von Beran ist definitiv sestgestellt, daß er sich zur Zeit des Mordes nickt in Polna befand. Wenigstens wurden die Zeugen des Redakteurs Schwer durch Vorführung des Beran, der ihnen gegenüvergesteltt wurde, widerlegt. Die Stimme des Volkes trügt manchmal, aver in diesem Falle ist sie nicht sehlgegangen, die Stimme des Volles, welche schon am Tage, als der Mord aufgedrckt wurde, den Leopold Hilsner als den Thäter bezeichnete. Wie dieses Gerücht entstand, ist nicht bekannt, Thalsache aber ist, daß Hilsner e>n arbeitsscheues Jnvividium ist und sich tagelang im Walde Brezina hriumirieb. Ter Staatsanwalt behandelt nun jeden Pnnkt der Anklage in ausführlichster Weise und bezeichnet den Zeugen Pcchak als den Kronzeugen. Er nennt es höchst lobenswert!), daß sich Prchak schließlich nicht abschrccken ließ. Zeugcuschatt gegen Hülsner at'-ulegen, trotzdem er bei Juden arbeitete und in Folge der Aussage seine jüdische Kundschaft verlieren konnte. Die Waffen, welche gebraucht wurden, uni diesen Zeugen 311 entkräften, feien nicht erlaubt gewesen. Er sei al- Dieb, als Fälscher hingestellt worden; e* wurde auch behauptet, daß er nicht bei Juden arbeite, daß er nicht den Verlust dieser Arbeit zu fürchten hatte, weshalb er mit Rücksicht auf diese Furcht erst im letzten Moment seine Anssagc abgab: aber die von der Veriheidigung geführten, Zeugen haben alles das nicht beweisen können. In der Folge kommt der Staatsanwalt aus den Zwiespalt in der Aussage der beeideten Zeugen Zink und Strnad zu sprechen und erkört, daß er für seine Person dieser Differenz gar kein Gewicht beilegt. „Was aber kann Hülsner", ruft der Staatsanwalt au-, „gegen alle diese Verdachtsmomente Vorbringen s Nichts, gar nichts' Ursprünglich suchte er ein Alibi uachzuweisen, aber dieser Versuch ist ihm schmählich mißlungen. Alle Zeugen, die er geführt hat,haben ihn im Stiche gelassen." Der Staatsanwalt hebt weiter hervor, daß die graue Hose nach dem Gutachten der Sachverständigen zweifelsohne Spuren trug, die von Menschcnblut herrührten. Hülsner hielt diese graue Hose unter alten Kleidern und Möbelstücken in der alten Svnagoge in Meseritsch verborgen- Ter Staatsanwalt betont dabei, daß die alte Synagoge jetzt nicht mehr als Gotteshaus benützt werde, sondern eine Art Rumpelkammer fei. Vom Messer sagt der Staat-anwalt, daß es nach dem gehörten Gutachten und den Aussagen der Zeugen ein sehr langes unt> scharfes Messer war Der Staatsanwalt schließt mit den Worten: „Auf Grund aller dieser Argumente verharrt die Staatsanwaltschaft auf dem Standpunkte, daß Hülsner tbatsächlich der Mörder der Agnes Hruza ist, und bittet Sie, meine Herren Geschworenen, entweder die erste oder die zweite an Sie gestellte Schuldfrage, keineswegs aber die dritte, von der Vertheidigung an Sie gestellte Frage zu bejahen." Hierauf ergriff Dr- Baxa daS Wort. Nachschrift: Heute Vormittags sprachen der Staatsanwalt Dr. Echneider-Swoboda und der Brrtreter der alten Hruza, Dr. Baxa. Ersterer hat ganz versteckt, aber doch deutlich genug das vorliegende Verbrechen als einen Ritualmord angedeutei. Dr. Baxa hielt eine Rede, die nur darauf angelegt zu sein scheint, überall Exceffe gegen die Juven hervorzurufen. Bezeichnend, aber vollkommen unverständlich erscheint eS, daß der Vorsitzende selbst bei den aufreizendsten Stellen, welche gegen die Juden gerichtet waren, den Redner nicht umerbrach, sondern mit scheinbar größtem Jntereffe den unqualificirbaren Ausführungen desselben folgte. Dr. Baxa sagte: Man sucht bei diesem Morde vergebennach dem Motive, da» man sonst bei Morden zu finden gewohnt ist, wie Rache, Eifersucht, unglückliche Liede, Sinnlichkeit u. s. w. Gott sei es gedankt, daß der Proceß das Motiv erbracht, und Gottes Vorsehung hat es gewollt, daß daS arme Lpfer gleich aufgefundrn und nicht wie in anderen derartigen Fällen erst nach einiger Zeit, wo alle Spuren verwischt waren. In der Bibel heißt eS, das Blur ruf» nach Rache, hier ruft aber nicht das Blut nach Rache, weil kein Blut gefunden wurde, sondern der ganze Leichnam ruft nach Rache. Widerwärtige Leute, Leute einer anderen Race, Leute die sich wie Thiere geberdeten, haben eine tugendhafte christliche Jungfrau zu denr Zwecke gemordet, um sich deS Blutes derselben bemächtigen zu können. Dafür habe der Proceß den Beweis erbracht. Wozu diese Race oder Secte dieses Blut brauche, das babe dec Proceß nicht zu Tage gefördert, Die Pflicht der menschlichen Gesellschaft namentlich der obersten Spitzen derselben, sei es, das Gchcimniß ganz zu lüften, daw.it die menschliche Gesellschaft, in welcher diese Race lebt, ihr« Gegcnmaßregeln ergreife. Dr. Baxa deskpwörr die Grscdwornkn, die erste Hauptfrage oder die rrstc Evemual-Frage zu bejahen, weil sie hiedurch einen wichtigen Schritt aus dem Wege zar Wahrheit, auf der Suche nach der ganzen Aufhellung des entsetzlichen Geheimnisses, das wie ein Alp die menschliche Gesellschaft drücke, vollbringen werden. Nach sechs Uhr erfolgte die Verkündigung desUrtheilS: Der wegen MSdchenmorveS in Polna angeklagte Leop Hülsner wurde von de» Geschworenen einstimmig der Theilnayme am Mord schuldig gesprochen und -um Tod durch den Strang verurlyeilt. Das Resultat dieses Prozesses, das ohne Zweifel einen Sä.rei der Entrüstung in ter ganzen civilisirien Welt Hervorrusen wird, ist nach dem einstimmigen Urtheil aller derer, welche die Verhältnisse näher kennen, die Frucht jahrelanger Wühlarbeit der 'Antisemiten. Wir behalten uns eine eingehendere Besprechung dieses Schauerdramas für eine spätere Nummer vor. Red. Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen Deutschland. Berlin, 15. Sept. Am Sonntag, dem 10. d. M., tagte im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes die zweite Sitzung der Commission zur Bekämpfung der Wanderbeitelei, zur Organisation der Armenpflege, zur Begründung von Arbeitsnachweisen, sowie Arbeitsstätten. Es nahmen Theil die Herren: E. Rosenstiel—Berlin, als Vorsitzender, Prof. Dr. Philippson und Maurermeister Adler, als

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