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Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 42

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 42)
Language
German
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Erste >lrage «Hauptfrage, laufet auf Mors. Zweite Frage (Eventual - Frage) auf Vistschuld am Morde. Tritte Frage (Eventual - Frage. auf Antrag der Vertheidigung) auf entfernte Bkitschuld am Morde. StaarSanwalr Ober-Landesgerichtsrath Tr. Schneider Swoboda ergreift nun das Wort zum Plaidover, «laidoyer de» Ltaatsanwaltes Hoher Gerichtshof! Meine Herren Gefchwornen! Ich habe schon viele Fälle n itgemacht, welche die Aufmerksamkeit weiter Kreise der Bevölkening erregten, aber nicht entfernt so die Bevölkerung aufregten und allgemeines Interesse fanden, wie dieser Fall. Als ein Beispiel dafür, daß ganz unbciheiligle Kreise sich für den Fall interessirten, kann die Thatsacke gelten, daß eine solche Unmasse von Zuschriften an das Erricht gelangte, wie das noch nie der Fall war. Noch heute Nachts erhielt ich ein Telegramm, welches Aufklärung bringen sollte und von mir tun deßhalb nicht verwendet wurde, weil das was in diesem Telegramm enthalten war, heule in der Verhandlung vorkonrmt. E in Prager Blatt nennt den Polnaer Mord eine Art TreyttiS - Afsaire, und in der Ihat, wie in der Treysas- Affaire kam es dahin, daß die Blätter sick der Sache annahmen nnd immer mehr mit derselben beschäftigten Das Moment, welches diesen Mord interessant macht, kennt Jeder und ich brauche es nicht zu wiederholen Ellrich nach der Entdeckung des Mordean der Hruza brachten die Blätter Artikel, die sich damit beschäftigten, warmn dieser Mord gerade ein so hervorragendes Interesse Hervorrufe. Aber, meine Herren Geschworenen, das darf Sie nicht berühren, das darf auf Ihren AuSsprncki keinen Einfluß nehmen, sondern nur einzig und allein das, was im Verlaute der Verhandlung sich ergeben hat und vorgcbracht wurde Das Moriv, welches den Thäter bei feiner That- Handlung leitete, in hier ganz nebensächlrch. HaiivffacheJst, ob Hilsner wirklich die ihm zur Last gelegte That verübt hat. Ich bin überzeugt, wenn alle Bewerfe, welche für und gegen den Angeklagten hier aufgeführt ivnrden, bei Ihnen, meine Herren Geschworenen, die Wirkung hervorgerufcn haben, die bei mir nach langem Bedenken und reiflicher Erwägung verrtrsacht wurde, daß Sie meine Herren Geschworenen. wff ich, vollkommen überzeugt sind, von der Schuld des Angeklagten. Tie erste an Sie gerichtete Frage, lautet dahin, ob Hilsner am 29. März d. I. um »> Uhr Abends im Walde Brzezina an der Agnes Hrrtza einen Mord verübt hat. Meine Herren Gefchwornen! Mehr als in irgend einem andern Falle handelt es sich hier darum, daß wir zum Bewußtsein dessen gelangen, wann und wie dieser Mord verübt wurde und gerade darüber, glaube ich, haben die Untersuchung nnd der Verlauf der Verhandlung vollkommenes Licht gebracht. Ehe ich daher zu dem Punkte über die Schuld übergehe, werde ich aufklären, warum die 'Anklage stch darauf stützt, daß rer Mord an einer bestimmten Stelle und auf eine bestimmt« Art vollführt wurde, denn die Vertheidigung will gerade in diesen PtlNkten dir Anklage als falsch bezeichnen und darauf die Unschuld des 'Angeklagten aufbanen. Sie haben gehört, meine Herren Geschworenen, daß das ermordete Mädchen überaus fromm und gottesfürchtig war, daß sie einen Rosenkranz bei sich trug. Sie ging täglich zur Prchal eine Dreiviertelstunde Weges ins Nahen. Dreier Weg führt an dem Haufe vorüber, in welchem Hilsner mit seiner Mutter Marie wohnten. Dieses Haus gehört in die Polnaer Judenstadt. Unten in dem Haufe befindet sich die jüdisch-deutsche Schule. In diesem Haufe ist auch ein Keller waS Sie aus der Anklageschrift «ntnehmen konnten. Die Hilsner hatte die Wohnung untsonst, hatte dagegen die Verpflichtung wenn reisende Juden, namentlich orthodoxe Juden durch Poltra kanten, sie beherbergen zu müssen, besonders solche Juden, welche an Feier tagen, nametrtlich an den Ofterfeiertagen, kamrn, weil der jüdische NituS den Juden das Reisen an Feiertagen verbietet. Gerade während der jüdischen Tstlrfeiertage wurden bei Marie Hilsner viele Iudetr. fremde Juden, orthodoxe Juden beherbergt. Wie Sie gehört haben, meine Herren Gefchwornen, ging die Agnes Hruza auch im März dieses Jahres zur Prchal ins Nähen. Gewöhnlich ging sie um ‘/*7 Uhr Früh weg, so daß sie um 1/4B Uhr an ihr Ziel kam. Sic ging imuter an dem Hause Hilsnervorüber, und auf diesem Wege befindet sich der Wald Brezina. Auf reden Fall mußte derjenige, der den Mord verübt har, dtese Gewohnheiten der Hruza kennen; nur so ist es zu ertläten, daß oer Mord mit einer solchen Frechheit am hellichten Tage und an einer so offenen Stelle verübt werden konnte, tvobei der Mörder sicher von der Erwägung auSging, daß Agnes Hruza nie zu einer änderet» Zeit ging und auch nie an einer anderen Stelle überfallen lverden toj me, als gerade dort, wo der Mord geschehen ist. Wann der Mord geschah, läßt sich nicht genau seststelleu: man weiß nur, daß Agnes ^>ruza, wenn ihr nichts geschehen wäre, um ‘l4l Uhr zu Hause gewesen wäre. Das war aber nicht der Fall. Ihrer Mutter war das nicht ausgefallen, tvcil sie wußte, daß in der Osterwoche viel za nähen war; auch atu zweiten Tage fiel ihr oas nicht aus, erst am dritten Tage ging sie zu ihrer Tochter, um sich das Körb chen zu holen. Jetzt etfuhr sie erst, daß ihre Tochter schon zwei Tage nicht ins 'Nähen kam. Auf Grund dieser ^Nachricht wurden erst Nachiorschuugen gepflogen, um den Verbleib der Agnes Hruza zu eriorichen, uttd ant Samstag bei vorgenommener Streifung wurde der Leichnam nahe oem Wege, den das Mädchen täglich zu gehen pflegte, gesunden. Ich übergehe den Lokalaugenschein und gehe zu den Wunden der Hrvza über. Es wurden an der Leiche Hauptsächlich neben andern geringfügigen Wunden drei Hatiprwunden gefunden. Die hauptsächlichste Wunde aber tvar der furchtbare Schnitt am Halse, der den Kehlkopf durchtrennte und nach ärztlichem Ausspruche den Tod dttrch Ver blutett zur Folge hatte Ferner wurde am Halse eine Strangtilirungswunde gefunden, ivelche aber tum in der Absicht zugefügt wurde, das Opfer zu betäuben. wie dies die Gerichtsärz e ausdrücklich aussagtcn. Auch die acht Wunden am Kopse wurden nach dem Ausspruche der Sachverständigen nur in der Absicht -ugefügl, das Opfer zu betäuoen. Wenigstens mir ist das ungemein auffallend, daß der Thäter. wenn er die Hruza gleich hätte umbringen wollen, ihr nicht eine von den Wunden so veigebracht hätte, baß er sie hätte tödten können. Aber der Thäter wollte die Hruza durch die Hiebe auf den ^ropf eben nur betäuben, und erst der charakteristische schnitt am Halse ivar die tödtlichc Wunde. (Bewegung). Ter Staatsanwalt bespricht nun die anderen geringfügigen Wunden und sagt: Eine Person konnte das nicht gelhan haben, es müssen mehrere Personen den Mord verübt haben. Die Thäter nrußten befürchten, daß sie bald entdeckt werden könnten; oaratts erklärt sich die gewaltige Schnelligkeit, mit welcher sie Hemd unv .üleider vom Leide der Hruza Herabriffen. Wenigstens Zwei mußten diese Arbeit vor dem Morde besorgen, während der Dritte den Schnitt führte. Daö sind objektiv die Momente des ärztlichen Befundes, welche daraus hintveisen. baß Mehrere den Mord verübten. Aber wir haben auch subjektive Pionrente dafür. Wir haben Zeugen, namentlich den Pechak. den Zink und Andere, welche au-sagten, daß mehrere Juden in der Gesellschaft Hülsner s am Tage des Mordegesehen wurden und auf der Mordstätte sich befanden. ES ist bewiesen, daß die Leiche auf dem Thatorte ooer nur in ganz geringer Entfernung von demselben gefunden wurde. Schon der gesunde Menschenverstand spricht dafür, daß der Thäter, wenn er in

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