Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449022--49106-2499556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWW 1b79 bube, Ihre Zeugnisse sind alle gefälscht, so gute Zeugnisse giebtS ja überhaupt nicht, wenn Sie nicht sofort machen, daß Sie von hier fortkommen, dann lassen wir Sie einsperren" Ich war durch diese Behandlung so consternirt, daß ich mich den ganzen Tag in die Herberge setzte und bitter weinte." ..Schade für die kostbare Zeit", sagte Gumpel Klepfisch, „mit solchen Zeugnissen in der Hand ist jede Minute baares Geld. Hört einmal, guter Freund, ich will Euch einen Vorschlag machen, verkauft mir Eure Papiere, ich gebe Euch so viel Geld, daß Ihr dafür dreimal nach Hamburg fahren könnt". „llnd was wollt Ihr mit meinen Zeugnissen machen?" frug Reb Jtzik in seiner Naivität. „Ha ha, welche Frage, ich will sie statt der meinigen gefatschten von jetzt ab benutzen, mir gegenüber wiirde cs kein Martin Schreyer wagen, mich hinauszuwcrfen, eher könnte ich ihm Unannehmlichkeiten machen, wenn er behaupten wolle, daß diese Papiere gefälscht seien." „Da behüte mich Gott davor", sagte nun Neb Jtzik, „daß ich zu solch einem Unrecht meine Hand bieten würde. Lieber will ich nicht nach Hamburg fahren, als daß es durck Betrug bewerkstelligt würde." Neb Jtzik hatte sein ganzes Gottvertrauen wieder erlangt. „Nein", sagte er, „Haschemjisborach wird mir schon helfen, ich will meine Papiere selbst behalten." „Geht, seid kein Narr, suchte Gumpel seinen Herbergsgenossen zu überreden, „was wollt Ihr hier anfangen? Die paar hiesigen Inden haben selbst nichts, Geld zum Weiterreisen habt Ihr keins, wollt Ihr hier elend zu Grunde gehen? Ich gebe Euch für Eure Papiere 300 Mark, reist nach Hainburg zu Eurem reichen Bruder, laßt Euch ein schönes Stück Geld geben und fangt in Eurer Heimath wieder ein Geschäft an. Warum wollt Ihr die Rettung, die ich Euch biete, von der Hand weisen und dem sicheren Untergang entgegen gehen?" Neb Jtzik hatte eine große Prüfung zu bestehen, aber er bestand sie. „Nein", sagte er kurz, „ich thuc es nicht, lebt wohl". Gumpel durchzuckte ein Gedanke und er hatte Mühe, seine Freude über den glücklichen Einfall vor Reb Jtzik zu verbergen. „Ihr dauert mich", guter Freund, sagte er, „sowohl Eurer Ehrlichkeit, wie Eurer Schlemilität halber, wisset, ich bin kein Schnorrer von gewöhnlicher Sorte, ich habe das Schnorren eigentlich gar nicht nöthig, ich schnorre nur aus Freude am „Beruf", ich besitze ein ziemlich großes Vermögen. Behaltet Eure Zeugnisse, ich will Euch, ohne dieselben aus der Patsche helfen. Hier", sagte er, indem er von unter seinem Hemd her eine schmutzige Brieftasche hervorzog, „hier sind 200 Mark, wenn es Euch gut geht, komme ich nach Plotschazek und hole sie mir zurück, im andern Falle seien sie Euch geschenkt." Reb Jtzik wollte vor Rührung auf die Kniee sinken, aber Gumpel wehrte ab. „Laßt das", sagte er, „unsereins hat oft mehr Herz, wie die reichen Protzen, die unter dem Schein von Wohlthätigkeit weiter nichts wollen, als den armen Leuten weh thun. Legt jetzt Thephilin und dawent, die Sonne steht ja schon hoch am Himmel, dann legt Euch noch einige Stunden schlafen, Ihr seht ja aus wie eine Leiche." Reb Jtzik folgte dem Rathe des neugewonnenen Freundes. Er betete und legte sich dann nochmals auf sein Lager, wo er nunmehr, der dringendsten Sorgen enthoben, bald in einen erquickenden Schlaf verfiel. Als er wieder erwachte, war Gumpel Klepfisch verschwunden und mit ihm sämmtliche Zeugnisse, von Reb Jtzik. Hastig griff Reb Jtzik in die Brusttasche, um zu sehen, ob am Ende auch das Geld wieder fort war, nein, Gott sei Dank, da war es. Gumpel Klepfisch war ein ehrlicher Gannef. * * * Für Klepfisch begann nun ein fröhlischeS Leben. Die langersehnten „echten" Zeugnisse waren in seinem Besitze. Jetzt konnte ihn kein Kaffenvorstand mehr einer Fälschung überführen und wer wollte ihm in Deutschland Nachweisen, daß er nicht Jtzik Schulenklopper aus Plotzaschek sei? Er war seines Erfolges ganz sicher. Zunächst suchte der neue Reb Jtzik für eine entsprechende Umgestaltung seiner Toilette zu sorgen. Er reiste in die nächste größte Stadt, ging zu einem der ersten Friseure und verwandelte sein glattes, bartloses Gesicht in eine vornehme russischjüdische Kausmannsphysionomie. Ein langer, wohlgepflegter, grauer Bart, lange, schwarze PejeS, umrahmten fortan das ehrwürdige G sicht, der königliche Hofschn.ider wurde beauftragt, ihm einen schweren seidenen Kaftan nach seinen eigenen Angaben anzufertigen. Ein seidener Gürtel, aus dem eine dicke, goldene Uhr kette hei vorlugte, vervollständigte das Costüm. Jetzt wurden einige Reisen zu bekannten deutschen Rabbinern gcmacht, damit diese in deutscher Sprache und deutscher Schrift bestätigten, was die russischen Rabbonim auf Hebräisch bezeugten. Nachdem die» zur vollkommenen Zufriedenheit GumpelS erledigt war, begann er seine Tour. Nun brauchte er nicht mehr die Kassen abzuklopsen. noch viel weniger von Haus zu Haus zu gehen, die Rabbiner und Lehrer der betreffenden Städte besorgten das alles für ihn. Während er ruhig in einem verbesseren Hotel» faß, ging der Herr Rabbiner herum und veranstaltete

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.