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Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1678 sich Rabbi Jtzik wenden. Die Mittel zu der weiten Reise nach Hamburg würden wohl unterwegs wohlthätige Glaubensgenossen gewähren. Um sich unterwegs zu legitimiren, suchte sich Rabbi Jtzik zunächst die nöthigen Papiere und Zeugnisse zu besorgen. Das fiel ihm nun nicht schwer. Rabbi Jtzik war ein angesehener Mann, ein Kaufmann erster Gilde, ein erblicher Ehrenbürger, Vorstand der Gemeinde und vor allen Dingen ein großer Lamden und wenn ihm auch die Bewohner seines ärmlichen Ortes nicht mit materieller Unterstützung dienen konnten, so beeilten sie sich, wenigstens ihm die glänzendsten Zeugnisse auszustcllen. Er erhielt ein Zeugniß des Bürgermeisters, des Ortsrichters, des Festungsgouverneurs und einige andere, in denen allen nur das dankbar beste über Rabbi Jtzik gesagt war. Auch von verschiedenen hervorragenden Rabbinern Rußlands bekam er bescheinigt, daß seine Talmudgelehrsamkeit weit und breit ihresgleichen suche. Also ausgerüstet trat Rabbi Jtzik seine Reise an. Aber das Unglück schien ihn auch auf der Reise nicht verlassen zu wollen. Man glaubte ihm nirgends, die Zeugnisse schienen zu schön und zu gut, als daß sie hätten für echt gehalten werden können. Dazu kam die überaus gedrückte Stimmung, in der sich unser Reisender befand. Besuchte er Jemanden, so war er kaum im Stande, ein Wort hervorzubringen achselzuckend gab man ihm oftmals einen Betrag, den er während seiner guten Zeit sich geschämt hätte, einem Armen anzubieten. In dieser Lage treffen wir ihn in einem kleinen Städtchen, in der Herberge aus seinem Lager liegend. Schlafen konnte er nicht. Er stieß nur die ganze Nacht einen Seufzer um den andern aus. Neben ihm in einem andern Bett, lag ein anderer Fremdling, der schlief sehr fest und gut. ES dürfte den geehrten Leser interessiren, einiges über dessen Vergangenheit zu hören. Ein fortgelaufener Jeschiwahbachur, verlegte er sich sehr bald aufs Schnorren und brachte es in diesem seinem „Berufe" zu einer großen Fertigkeit. Einige in seiner Studienzeit auswendig gelernte „Wörtchen" umgaben ihn mit dem Nimbus eines Gelehrten und wenn er am Sabbat in einer frommen Familie seine paar Stückchen ansgekramt hatte, konnte er sicher sein, daß er am Sonntag eine reichliche „Mattonoh" einheimste. In neuerer Zeit ist ihm aber das Geschäft gewaltig erschwert worden; die überall gegründeten Vereine zur Beschränkung des jüdischen Wanderbettels machten ihm das Leben gar sauer. Hier wurde meistens eine gewissenhafte Prüfung der Papiere und Zeugnisse vorgenommen und bald entdeckte «an die Fragwürdigkeit der von ihm vorgezeigten Ausweise. So hatte er sich in einer Fabrik für gefälschte Zeugnisse in Leipzig für schweres Geld ein Zeugnis gekauft, welches besagte, daß er in München drei Jahre in einem EngroshauseStadtreisender gewesen, es warein schön gearbeitetes Stück und brachte ihn, manche Mark ein, da hatte einer der Herren Vorstände von den Caffen den abscheulichen Einfall, ihn nach den Ram.n von einigen Straßen in München zu fragen. Da er noch niemals in München gewesen, konnte er auch Straßen dieser Stadt nicht nennen und die Folge davon war, daß man ihm sein schönes und theurcs Zeugnis confiscirte. Ein andermal erwarb er in Frankfurt am Main in einer ähnlichen Fabrik ein Attest von der Direction einer oberitalienischen Eisenbahn, worin ihm bestäligt war, daß er als Ingenieur die elcctrische Bahn nach dem Monte Capuzino gebaut und bei dieser Beschäftigung eine schwere innere Verletzung davongetragen habe. Auch das ging eine Zeit lang gut, bis ihn ein Kassirer bat, ihm doch mal das Attest vorzulesen; da er kein Italienisch verstand, mußte er auch dieses Schriftstück auf einer der Kassen zurücklassen. Seine ganze Sehnsucht ging deshalb seit einiger Zeit darnach, einmal einige echten Zeugnisse, die auch sonst ungefähr auf seine Persönlichkeit paßten, zu erlangen. Das war aber nicht so leicht und seine diesbezüglichen Bemühungen hatten seither keinen Erfolg. Erfrischt und gestärkt von seinem Schlafe erhob sich Gumpel Klepsisch, so hieß unser Bekannter, schon frühmorgens um fttnfe und sah mit Erstaunen, wie sich neben ihm ein Mann aus seinem Lager herumwälzte und nicht zu schlafen vermochte. „He guter Freund", redete er ihn an, „habt Ihr auch schon ausgeschlafen V „Ich bin noch gar nicht eiugeschlasen", sagte Reb Jtzik Schulenklopper traurig. „Warum, was fehlt Euch denn?" Reb Jtzik erzählte sein Leid, daß er vor der Verzweiflung stünde, da er nicht einmal die Mittel auftreiben könne, um zu seinen! Bruder nach Hamburg zu fahren. „Zeigt einmal Eure Papiere". Reb Jtzik that wie ihm geheißen. „Und mit diesen Papieren könnt Ihr nichts machen, da müßt Ihr aber ein arger Schlemiel sein, so wunderbare Zeugnisse habe ich während meiner langen Schnorrerlaufbahn noch niemals gesehen." „Das ist's ja eben", sagte Reb Jtzik traurig, „die Zeugnisse sind zu schön und kein Mensch will mir glauben, daß sie echt sind. Erst gestern war ich in M. an der Casse. Nachdem der Vorstand, Herr Martin Schreyer, meine Zeugnisse gesehen, rief er mir in höchster Wuth die gräßlichsten Worte ins Gesicht. „Sie sind ein Lump, ein Schuft, ein Spitz-

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