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Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1611 (Lhasonus. Eine zeitgemäße Betrachtung von I. Lebermann—Darmstadt. (Schluß.) Die Zeiten haben sich geändert, der synagogale Gesang hat sich vervollkommnet und kunstvoller entwickelt, aber die Klage über das Dehnen und Ziehen der Vorbeter ist die alte geblieben. Es liegt mir nichts ferner, als dem übermäßigen Schleppen der Worte und Silben seitens der Vorbeter, welche sich oft, wie man sagt, „gerne hören" und ihre Stimme entfalten wollen, das Wort zu reden. Dies ist als häßliche und unnütze Unsitte entschieden zu verurtheilen. Ebenso ist jedem Vorbeter, sowohl aus ästhetischen, als auch aus Gründen der Hebung der Andacht und Ordnung dringend zu empfehlen, die musikalischen Verzierungen beim Vortrag, die Koloraturen und Wiederholungen, worin ja das alte rnnn so überreich ist, aufs möglichste zu beschränken, also, wie man sagt, „mehr auss Wort zu singen", da in der modernen Zeit aus eben geschilderten Gründen diese Ausführungen nur das Gegentheil der guten Absicht des Vorbeters erreichen und dem Interesse des heutigen Publikums zu fern liegen. Es gilt eben auch hier der Satz: „In der Beschränkung zeigt sich der Meister." Dagegen wäre es vollkommen verfehlt, ja geschmacklos, dieselbe gänzlich aus der Synagoge und dem Vortrage bannen zu wollen, und mit Recht sagt der verdiente Meister LewandowSki: „Die Abneigung gegen alles Melismatische in den musikalischen Rezitativen spricht — bescheiden ausgedrückt — die vollständigste Unkenntniß des Charakters dieser Gattung aus, und so wenig ein Baum seiner Aefte, Zweige und Blätter beraubt werden und dann noch den Begriff Baum darstellen kann, ebensowenig können die jüdischen Rezitative des meliSmatischen Schmuckes entkleidet werden. Die Messen von Bach, Mozart, Haydn u. s. w. sind mit tausendfachen Verzierungen, Trillern und Läufen geschmückt, und es fällt Niemanden bei, sie deshalb aus der Kirche verbannen zu wollen, sie bilden vielmehr den charakteristischen Theil des katholischen Kultus, an welchem die Gemeinde sich erbaut und tröstet!" Auch auf die Erhaltung der verschiedenen lokalen Gebräuche beim Gottesdienst, sowie bei der Pflege des r,)nn richte der Vorbeter sein Augenmerk und füge sich keinem Wunsche nach unzarter Veränderung oder gar Abschaffung derselben, einer sog. Reform des Gottesdienstes. Es liegt oft ein schöner, theils tief moralischer und bildsamer, theils historischer Kern in diesell ehrwürdigen Gebräuchen. So wären wir am Schluffe unserer Betrachtung der verschiedenen Punkte des umfaffenden Gebietes im Kantorfache angelangt. Indem ich noch eine Kritik von nichtjüdischer Seite über den Werth unserer synagogalen Gesänge bsisüge, soll damit gezeigt werden, wie sehr die Erhaltung und unverfälschte Verbreitung derselben allen Faktoren des Judenthums als hohe Pflicht obliegt, wenn sogar ein hervorragender nicht jüdischer Komponist folgendermaßen schreibt: Viele der jüdischen Gesänge sind von so rührendem Ausdruck, andere von so kindlich reinem Charakter, wieder andere von so großartiger Kraft, daß sie ergreifend wirken, wenn man auch, wie es meistens der Fall sein wird, von den Textesworten nichts zu enträthseln vermag. Sie scheinen oft Melodien, wie sie sich improvisirt dem Herzen entreißen, und man begreift kaum, wie sich solche Tonergießungen durch lange Jahrhunderte fortpflanzen konnten, ohne je ausgeschrieben worven zu sein. Und erst die Originalität einer großen Anzahl derselben! Unsere musikalische Denkweise ist heutzutage so vollständig beherrscht von unserer modernen Harmonie, daß wir uns, ohne derselben entzogene Grundlagen, kaum mehr eine Melodie vorstellen können. Und hier finden wir Gesänge, welche wir nicht in unser System einzwängen können, und die trotzdem einer tonartlichen Basis nicht ernrangeln. So bieten dieselben für den Tonkünstler eine Quelle auserlesener Genüsse, stets neuer erfrischender Anregung. Trotzdem wir Schätze vor uns aufgespeichert haben, mit welchen uns unsere armen reichen Genie» beschenkt, es thut wohl, auch einmal aus diesen „grünen Gewölben" herauszukommen und Tönen zu horchen, die zu uns sprechen wie Stimmen der Natur. Eine solche Volkesftimme ist auch eine Gottesstimme!" So urtheilt der bedeutende Musikschriftsteller, Prof. Dr. Ferdinand Hiller in seinem Werke „Künstlerleben" über die synagogalen Melodien. Kein Wunder also, wenn in denselben ein Stück Einheit und Mittel zur Verbrüderung des gesammten jüdischen Volkes liegt. Nicht nur durch die Gebete, sondern auch durch den traditionellen Gesang fühlen wir uns überall, auch in der Fremde, als einige Brüder, wir hören und empfinden, daß man sich eins mit uns weiß und wir freundlich ausgenommen werden. Und in der That werden ja so merwürdige Beispiele von dem Erfolge der traditionellen Melodien erzählt. Darum ist auch die Mission, welche dem Vorbeter von der Gemeinde übertragen ist, nach unserer Auffassung eine hoch bedeutsame. Jahrhunderte lang hat er gerungen, hat er getastet, auf Zeiten des Niedergangs und unwürdigen Verfall des gottesdienstlichen Gesanges folgten PeriodenHdes Aufblühens —

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