Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 74-75 (18.9.1899)
- Date
- 1899-09-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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J 570 schritt registriren. Die Zahl der Mitglieder hat inzwischen 4000 erreicht; die Einnahmen haben 1808 M. 10 600 betragen und dürfen 1899 die Höhe von M. 15 000 erreichen. Wir gestehen, das uns dieser Erfolg sehr imponirt. Zwar ist eine Jahreseinnahme von 10 0OO Mark und selbst von 15 000 Mark angesichts der zur Colonisation Palästinas erforderlichen Summen als eine sehr mäßige zu bezeichnen; aber die respectable Mitgiederzahl, ganz besonders aber der continuirliche, wir Mächten fast sagen hartnäckige Fortschritt! den der Esra seit 1891 ununterbrochen aufwetst, ist sehr bezeichnend. Er bildet für uns den mehr als erfreulichen Beweis dafür, daß das deutsche Judenthum sich von jener unwürdigen Vogel Strauß- Politik, welche die drohende Gefahr nicht sehen will und sich vom Feinde stets im tiefsten Schlafe überraschen läßt, mehr und mehr lossagt. An Stelle der kurzsichtigen Politik, die, von der Hand in den Mund lebend, sich damit zufrieden giebt, jedesmal die Folgen einer Katastrophe nothdürftig und soweit als es überhaupt noch möglich ist, zu beseitigen, scheint eine weitsichtige jüdische Colonialpolitik zu treten, die in voraussehender Bruderliebe in friedlichen Zeiten schon die notwendigen Vorbereitungen zn treffen sucht, damit der stets erwartete Schlag, wenn er einmal niedersaust, uns beffer gerichtet trifft, als wir es 1881 und 1891 waren. Daß die jüdische öffentliche Meinung in Deutschland sich mit der vom ESra propagirten Idee tatsächlich zu befreunden anfängt, wird auch durch die Mitgliederliste des Vereins hinlänglich bewiesen. Es war für uns eine angenehme Ueberraschung zu constatieren, welch stattliche Anzahl Professoren, Aerzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Rabbiner und sonstige Repräsentanten der jüdischen Intelligenz theils als einfache Mitglieder, theils als Vertreter des Vereins resp. als Vorstandsmitglieder der einzelnen Lokalkomitees dem ESra angehören. Unter letzteren zählten wir zwei Professoren, drei Aerzte, 13 Rechtsanwälte 18 Lehrer und 26 Rabbiner, mit zum Theil klangvollen Namen und weitberühmtem Rufe. Angesichts dieser erfreulichen Thatsache ficht es uns nur sehr wenig an, daß der „Esra" in den letzten sechs Jahren für die Colonisation Palästinas nur etwa 60,000 Francs ausgeben konnte. Wir stehen eben am Beginn der Bewegung und haben die tröstende Gewißheit, daß das deutsche Judenthum, welches für die Colonisation Palästinas sich kaum feit gestern interefsirt, die Bestrebungen des „Esra" früher oder später mit ganz andern Summen unterstützen wird. Unsere Glaubensgenossen sind keine Freunde zionistischer Ueberftürzung. Sie gehen zwar langsam, dafür aber gründlich zu Werke. Urber die Beziehungen des Vereins „Esra" zu den im Auslande bestehenden Vereinen gleicher Tendenz gibt der Bericht nur Andeutungen, aus denen aber hervorzugehen scheint, daß der Verein bei allen zur Colonisation Palästinas bestehenden Körperschaften ein Ansehen genießt, das zu seinen thalsächlichen materiellen Leistungen in gar keinem Verhältnisse steht. „Wesentlich auf Betreiben des Esra" heißt es im Bericht, hat sich schon 1891 in Paris ein aus De> legirten aller Vereine zur Colonisation Palästinas gebildetes „Coniite Central des Hobabe-Sion14 (Central Comil^ der Zionsfreunde) gebildet, um ein einheitliches Vorgehen ermöglichen. Das „Comitö- Central" unterhält die freundschaftlichsten Beziehungen zu der Verwaltung der von Baron Rothschild unterhaltenen Colonien einerseits und der J.wish Colonisation Association (Gesellschaft des Baron Hirsch) andererseits, so daß ein Hand in Handgehen aller für die Colonisation Palästinas maßgebenden Faktoren gesichert erscheint. Wir müssen diese Errungenschaft als einen Erfolg von unübersehbarer Tragweite bezeichnen. Ein weiteres Novum, das seine Entstehung dem Einfluß des Vereins „Esra" zu verdanken hat, ist die Errichtung von Colonien für galizffche Juden. Der Grund zur ersten Colonie Machnajim, ist vom galizischen Verein Ahawaß Zion mit dem Sitze in Tarnow gelegt wurde. Um unsere galizischen Brüder auf dem von ihnen betretenen Wege der Selbsthilfe zu ermuthigen, wurde der weitere Ausbau dieser Colonie auf Befürwortung des Vereins „Esra" vom „Comite - Central" übernommen. Die Gründung weiterer Colonien für galizische Juden werden bald folgen. Das hohe Interesse des „Esra" für Galizien zeigt für das hohe Verständniß des Vereins „Esra" für die wahren Bedürfnisse des Judenthumr. Seit Jahren verschlimmert sich die Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien zusehends und treibt unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen. Sollen wir wie anno 1881 und 1890 mit verschränkten Armen dass eh en und warten bis cs zu spät ist, bis sich die bedrängten jüdischen Massen zum dritten Male im letzten Viertel des zur Neige gehenden 19. Jahrhunderts über die Grenze wälzen? Wir hoffen zuversichtlich, daß das Judenthum dieses nicht erst abwarten, sondern bei Zeiten für eine geeignete Zufluchtsstätte sorgen werde. Wir schließen mit den Worten des Berichts: Mögen die berufenen Vertreter des deutschen Judentums nicht verkennen, daß jedes neue jüdische Dorf im heiligen Lande in Zeiten der Noth eine Zufluchtsstätte mehr bilden, in der zahlreiche obdachlose Glaubensgenossen ein wohlgeschütztes Asyl finden können.