Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 74-75 (18.9.1899)
- Date
- 1899-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1557 nicht vielleicht bei dieser Entscheidung ein wenig die Befürchtung mitgespielt haben, sich von antisemitischer Seite bei größerem Entgegenkommen dem Vorwurf auszusetzen, daß man den Juden zu lieb den Markt verlegt habe? In dieser Richtung sollten die Behörden doch lieber das Wort des hochsel. Kaiser Wilhelms I. beherzigen, daß Jedem im Volke die Religion erhalten bleiben solle. Hamburg, 12. Sept. Gestern und vorgestern tagte hier der antisemitische Parteitag. Freilich waren nur die officicllen Antisemiten, die deutschsociale Neformpartei vertreten, aber immerhin hatten sich doch 108 Delegirte vereinigt, wozu freilich noch ca. 300 Neugierige kamen. Aus den langathmigen Debatten ist nur wenig von allgemeinen Interesse zu erwähnen, denn meistens liefen die Debatten in ein ödes Gezanke zwischen den verschiedenen Flügeln der Partei aus. Zwischen Liebermann und Zimmermann, zwischen Raab und Vielhaben besteht ein permanenter Zwist, der nur mühsam verhüllt wird. Aus der einleitenden Rede Zimmermanns, ln der er den Bericht über das abgelaufene Jahr erstattete, ist herrorzuheben, daß er die Resultate der Reichstagswahlea als wenig erfreulich bezeichnete, ohne diesbezüglich Widerspruch zu finden. Interessant ist auch die Schilderung der Situation, in der sich die antisemitische Fraction im Reichstage befindet. Liebermann sagt: Sie werden eingesehen haben, daß unsere Stellung im Reichtage keine sonderlich angenehme ist. Wir stehen isolirt da und finden nirgends Entgegenkommen. Man übergeht uns geflissentlich. Aus dieser Rede, wie aus den ganzen Verhandlungen sprach eine arge Katerstimmung. Die pi&ce de resistance des Parteitages war aber ein Vortrag von Dr. Giese, bekanntlich dem jetzigen Gelehrten der Partei, der den gegenwärtigen Stand der Jndenfrage zum Thema hatte. Selbstverständlich schilderte der Redner die Juden so schwarz wie nur möglich, wobei ihn dann sein Correferent Vindewald fleißig unterstützte. Auch die zionistische Bewegung wurde heftig angegriffen, man merkt deutlich, wie unbequem sie diesen Antisemiten ist. Zum Schluß seines Vortrages, der aber nur die alten hundertmal gehörten und wiederlegten Angriffe und Beschuldigungen bot, legte Dr. Giese dem Parteitag seine Thesen vor, die darin gipfeln. 1. Kenntniß vom wahren Wesen des Judenthums (soll wohl heißen: Verleumdung des Judenthums durch allerlei Märchen.) 2. Ausscheidung des alten Testaments aus dem Religionsunterricht. 3. Bekämpfung des Zionismus. 4. Vernichtung des Judenvolkes durch gemeinsames Vorgehen aller Völker. 5. Die Judenfrage ist Raffenfrage. 6. Judenstatistik mit Einreihung aller getauften Juden und aller im dritten Grade von Juden abstammenden Personen zum Judenthum. 7. Jeder Abgeordnete soll zur Stellungnahme in der Judenfrage gezwungen werden. Alle diese Thesen nahm der Parteitag an mit Ausnahme von Nr. 2, die vom Ausscheiden des alten Testaments handelt. Das erschien doch zu gefährlich wegen der vielen Pastoren, die zur Partei gehören und dann verschnupft sein möchten. Soweit der Bericht über die Thaten des Deutsch-socialen Parteitags. Nim wissen wir Juden wenigstens, woran wir sind. Wenn wir doch noch recht lebendig find, so ist dies offenbar nicht Schuld des Parteitages, der sein möglichstes gethan hat, um uns wenigstens auf dem Papier zu vernichten. Nürnberg, 13. Sept. Die in diesem Blatte veröffentlichtee Zuschrift des Herrn Mainz, ist ja an und für sich sachlich gehalten, hat aber mit dem Projekte der Gründung einer israel. Kinderheilstätte in Kissingen nichts, oder doch sehr wenig zu thun. Wenn gesagt wurde, daß sich in ganz Süddentschland keine jüdische Kinderheilstätte befindet, so entspricht dies den Thatsachen insofern, als unter dem geographischen Begriff „Süddeutschland", eben nur die süddeutschen Staaten verstanden werden. Wohl war es auch dem Schreiber bekannt, daß in Nauheim eine israel. Kinderheilanftalt existirt, welche in ihrer Art sehr segensreich wirkt. Der Besuch Nauheims wird sich eben nur für eine bestimmte Art von Krankheiten empfehlen. Andererseits entfaltet Kissingen bei einer großen Reihe von Erkrankungen und zwar von Erkrankungen, die wir so oft gerade im Kindcsaltcr antreffen, seine wohlthuende, vorzügliche Wirkung. Ein jedes Bad hat eben seine eigenen Kurmittel und Jndicationen. Ueberdics ist für die „Süddeutschen" Nauheim etwas zu entlegen, während Kissingen so recht im Mittelpunkt liegt. Es spricht also gar vieles für die Begründung einer jüdischen Kinderheilanstalt in Kissingen. Möge es darum in Bälde gelingen, dieses edle, gemeinnützige Werk zum Heile des Judenthums, zum Segen vieler kranker Kinder zu vollenden und seiner Bestimmung zu übergeben! Oesterr.- Ungar. Monarchie.? Wivtt. Die hiesige Staatsanwaltschaft geht in neuester Zeit gegen die antisemitischen Zeitungen und Flugblätter, in denen Rcclame mit Ritualmärchen gemacht wird, sehr energisch mit Coufiskationen vor. So wurde ein Flugblatt über den angeblichen Ritualmord in Polna mit Beschlag belegt, auch der bekannteantisemitische Talmudauszug mit den Fälschungen des Dr. Brimann—Justus verfiel der Konfiskation, als er auf der Straße vertheilt werden sollte. Auch verschiedene Nummern des „Deutschen Volksblatt" Verganis find, in der letzten Zeit konfiszirt worden. Leider kommt der Staatsanwalt mir immer zu spät, wenn die Vertheilung schon geschehen ist.