Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 74-75 (18.9.1899)
- Date
- 1899-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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X554 dichtem Laube keusch umhüllt" w /win i'bZv, so ist es Eigenart agadischer Darstellung, sich mit zarten Andeutungen zu begnügen, breite Ausführungen zu meiden und ihr Tiefstes mehr errathen zu lasten, als es leicht zu verrathen. Zwei Beispiele mögen das veranschaulichen. Der Psalmist preist Gott als den „Hüter der Arglosen" v'rrrw nvip „Das sind die Kinder," bemerkt die Agada. Gottes Hand ist schützend über unsre arglosen Kleinen gebreitet und schirmt sie vor den Gefahren, die ihrem jungen Leben von allen Seilen drohen. In anderer Weife tritt diese Eigenart der Agada in manchen knappen und scheinbar abgeriffenen Erzählungen hervor: David gelobte, um Mitternacht zum Thorastudium aufzustehen, der böse Trieb will ihn verführen: „Alle Könige des Ostens und Westen» schlafen bis gegen Mittag und du sollst um Mitternacht dich vom Lager erheben!" Da entgegnete David: „Ich will in» Theater gehen" und besiegte durch diesen Einwand den bösen Trieb." — Welche gewaltige Perspektive wird uns hier eröffnet. wir müsten nur in die Tiefe dieses Wortes zu tauchen verstehen. „Ich gehe ins Theater. — Ist nicht die ganze irdische Welt eine Schaubühne, wo jeder seine Rolle von Gott erhalten, wo der eine das Scepter des König», der andere den Stab des Bettlers führt? Fällt der Vorhang, ist das Leben auf dieser Welt beendet, ist da» Spiel zu Ende, dann sind alle Spieler gleich, dann ist der König nicht mehr als der Bettler und der Bettler nicht geringer als der König. Wozu soll ich mich also überhebrn, ineint David, und mir etwas auf meine Königswürde zu gute thun; wie bald kann das Erdenspiel zu Ende sein ich muß mein Königsdiadem in die Hände besten legen, von dem ich es erhalten habe." Wenn die Agada der Erkenntniß Ausdruck geben will, daß der nationale Sturz Israel» aus sündiger Vorliebe für fremde Kultur erfolgte, so bedient sie sich sinniger Einkleidung: Zur Stunde, da Salomo die egyptifche Königstochter heimführte, kam Gabriel, pflanzte ein Rohr im Meer auf, es legte sich darum Schlamm, es bildete sich eine Insel und auf ihr wurde Rom erbaut!" Will sie den Sieg jüdischen Geistes Über römische Macht künden, spricht sie im geistreichen Bilde: „Die Waffen mit denen Israel Roms Legionen bezwingt, sind die Schreibktele seiner Kinder." So liegt etwas Räthselhaftes, Gedankentiefe», Deutungsreiches in den Agadaworten. Der Myrthe gleich „dem Zweig des dunklen und dichtbelaubten Baumes" nnr pr ppjn, liebt die agadifche Sprache die „gedankenliefe Verflechtung" rwbpb non scheinbar fernliegender Gegenstände und findet oft überraschende Beziehungen zwischen ihnen. Rur ein Beispiel, aber wie wir glaube» ein recht bezeichnendes. Zu dem Thoraverse uvn psn rnp-m „Die Erde laste Pflanzen hervorkeimen," bemerkt die Agada in lapidarer Kürze: mwcj rus arwsn t,*i „Das steht in dem Verse: Ihr sollt kasteien eure Seelen." Wenn man die Ansicht des Talmuds kennt, daß ein fröhliches Genießen der Erdengüter, um die Kraft zu einem jüdischen Leben in nwoi min zu gewinnen, ebenso gottgefällig und religiös-sittlich ist, als die gottgebotene Enthaltung von Speis und Trank an gewissen Tagen — „wer am 9. Tischri genießt, begeht ein ebenso frommes Werk wie der, welcher am 10. Tischri fastet" — wird den Zusammenhang, den die Agada zwischen den beiden Versen findet, begreifen. Auch der Genuß der reichen Gaben, die aus der Erde ewporwachsen, ist eine heilige rmso, gleich heilig, wie zu gewissen Zeiten der Verzicht auf sie, wenn es geschieht cw nwb! — Wird die Myrthe von den talmudischen Weisen mit einem strahlenden Auge verglichen und könnten wir im Bilde der Myrthe die strahlende Schönheit und den lichten Glanz agadischer Beredsamkeit und Darstellungsform symbolisiren, so gleicht sie ihrem Inhalt nach der Palme, denn Gedanken des Friedens und der Menschenverbrüderung kennzeichnen ihre Worte, „Es gibt nichts ersprießlicheres für Israel als der Friede." „Die Gebote, die Gott und Israel gegeben, haben den Zweck Israel mit den Idealen friedfertiger Menschenliebe bxw cnn „zu erfüllen, der PsalmverS: der Ewige verleiht Macht seinem Volke, der Ewige segnet sein Volk mit Frieden, bezieht sich auf die Offenbarung, denn Israels Lehre ist eine Lehre des Friedens, bemerkt wiederholentlich die Agada." Wie die Palme ein Bild stolzer, ragender und erhabener Schönheit ist und stark und rst nvimrwb zur Höhe strebt, so sind auch die Aussprüche der Agada von den erhabensten Ideen erfüllt. „Die Schrifterzählung über das erste Menschenpaar, besten Kinder alle Rassen und Völker sind, ist ein heiliges Fundament der ganzen Thora." Dieser vorurtheilsfreie Geist, der alle Menschen als Brüder aufzufasten lehrt, und die Seligkeit der kommenden Welt den Guten aller Nationen eröffnet, preist edle und hochgesinnte Heiden als Vorbilder schöner Tugenden. So wird der Heide Dama ben Retina als Muster kindlicher Liebe und hingebender Elternverehrung hingestellt. Es wird nicht der äußere Erfolg gefeiert, sondern wer um des Guten willen leidet, wird selig gepriesen. „Gott läßt die Unterdrücker und wählt immer die Unterdrückten. Das ist eine Lehre, die in gleicher Weise aus dem Leben der Patriarchen, wie aus dem Leben eines Moses und David uns entgegenklingt. Auch Israel ist verfolgt und unterdrückt und Gott hat es als fein Prieftervolk sich erkoren." Und an einer andern Stelle heißt es: „Es ist viel bester zu den Unterdrückten, als zu den Unterdrückern zu gehören. Von all den Vögeln ist keine Gattung gewürdigt worden, auf Gottes Altar zu