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Der Israelit · 1899-11-30 · Heft 95 (30.11.1899) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 95 (30.11.1899)
Date
1899-11-30
Page
– (sequence 25)
Language
German
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in den Hintergrund drängen . . . Ach, was könntest Du auch im Hause Deiner Mutier anderes finden, als Kummer und Thränen . . . Nicht so war es, so lange Dein Vater lebte . . Thränen erstickte ihre Stimme, sie konnte kaum zehn Worte sprechen, ohne des Unglücks zu gedenken, das so grausam ihr Glück zerstört hatte. „Gott mit Dir, Malta!" nahm Lea das Wort. „Gott mit Dir, was thust Du? Du sündigst ja schwer; da kommen Deine Kinder, um bei Dir das schöne Fest zu feiern, und Du begießt sie mit Thränen und verstörst die Freude. Offenbar war es ja Gottes heiliger Wille so . . . Malta!" Meine Mutter sah ein, daß Lea Recht hatte und beherrschte sich, obgleich ihr das gar nicht leicht siel ... Ja, offenbar war es Gottes heiliger Wille so. VII. Wir Kinder hatten inzwischen ein Spielchen arrangirt. Ich hatte schon zwei von meinen Kupserrnünzen verloren, war aber voll guten Glaubens. Inzwischen pochte cs heftig und geräuschvoll an der Thür. Alles wurde still. „Ist David hier?' fragte eine Stimme von außen. „Ja, ja! Kommet nur herein!" Der Eintretende war unser StadtSchammes, Neb Met'r, ein Greis mit langem Bart, breiten S ittnlocken und buschigen Brauen. In der Rechten hielt er einen mächtigen Stock und in der Linken eine Laterne. „David, Neb Saul, der Schochct, läßt Dich bitten, sofort zu ihm zu kommen. Alle sind schon versammelt. Hast Du verstanden, oder nicht?" Neb Mei'r wandte sich zum Gehen. Er war ein selbstbewußter stolzer Mann, der sich aus Keinem etwas machte, obgleich er in äußerst abhängiger Stellung lebte. Seine Vorgesetzten die Gaboim der Synagoge, hatten vor ihm einen höllischen Respekt, während er, strenge in der Ausübung seiner Pflicht, ihnen die geringsten Ehrenbezeugungen verweigerte. Aber mein Bruder beeilte sich nicht sehr, der Einladung des Schochet, die im Munde Reb Me'irs wie ein Befehl lautete, Folge zu leisten. Ohne daß man sich versah, erschien auf dem Tisch eine alte, abgegriffene Gemara, meine Brüder und Lea's ältester Sohn geriethen unversehens in eine eifrige, gelehrte Polemik, während sie sich abwechselnd über das Buch bückten und zurückneigten. Unsere Mütter standen in der Ferne und lauschten mit Wonne den unverstandenen Worten ihrer Söhne, die wie lebhafte Cascaden hervorsprudelten. Aber auch wir Kinder hielten nicht still, der; eine schrie, daß es beim Spiel nicht mit rechten j Dingen zugehe, meine Schwester forderte, daß man mit ihrem „Drendel" spiele, da sie sich sonst beleidigt fühlen müßte, bald wieder stritt man sich über die Bedeutung des Buchstaben-, der zum Vorschein kam. In unserer Stube, wo sonst nur düstere« Schweigen, Kälte und Seufzer herrschte, war e« hell und lebendig, ein wirklicher Feiertag. Die Falten im Antlitz meiner Mutter glätteten fick, ihr stets gesenktes Haupt hob sich, als wäre sie mit einem Male unendlich beglückt. Ein solches Leben hatten diese Wände seit dem Hinscheiden meines seliacn Vaters nicht gesehen. ,,Was?" rief mein Bruder h'tzig. „Versteht Ihr den einfachen Wortsinn nicht? So sehet doch mal im Raschi nach!" Die beiden anderen vertiefen sich in das heilige Buch, lesen die Worte mit Flüsterstimme ein und das andere mal und richten sich dann plötzlich kampfgerüstet empor, die Daumen fahren in der Luft hin und her, der Streit,.leschem schomajim" wächst, um bald in einem friedlichen Einvernehmen auszuklingen. Mein ältester Bruder geht in der Stube auf und ab, im Vorbeigehen streichelt er mir den Nacken, und ich taffe schämig die Augen sinken, dann versenkt er die Hand in seine Manteltasche, kranit lange herum, und reicht mir am Ende eine Silbermünze, ein ganzes Zehn-Kopekenstück. Eine solche Gabe war mir in meinen kühnsten Traumen nicht erschienen. Ganz wirr vor Freude eile ich zu meiner Mutter, um ihr den Schatz zu zeigen. Inzwischen öffaet sich die Thüre geräuschvoll, viele Männer und eine Frau dazwischen stürmen herein, ein donnerndes „Gut Chanukkah" macht die Wände erbeben. Es waren der Schochet Reb Saul mit seiner Frau, und noch mehrere von den dort Versammelten. „Wir kommen, um Euch mit Kind und Kegel zu mir zu bringen. Ich feiere nämlich heute ein doppeltes Fest, einmal ist es ja Chanukka, und dann vollende ich heute, mit Gottes Hilfe, Schaß." Auch die Frau drängt und bittet, ihr Fest nicht zu verschmähen. Die anderen drohen, wenn wir nickt willig gehen wollten, uns in Ketten dahin zu schleifen. „Na, und Du, Kleiner", sagte Reb Saul, als er mich bei der Schürze der Mutter bemerkte. „Wie gehts Dir? Man sagt, Du lernst sehr gut. Der Lehrer lobt Dich. Aber auch ein Wildfang bist Du, höre ich, ein richtiger Gassenjunge. Die Kälber und Ziegen in der ganzen Stadt haben keine Ruhe vor Dir. . . Na, schon gut, schon gut, mein Kind, wenn Du nur fleißig bist. fWillst Du mir nicht den Schiur von dieser Woche aufsagen? Ich ließ mich nicht lange bitten, den Schiur konnte ich auswendig. „Hachaufer bor birschuß hajochid" fing ich an,

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