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Der Israelit · 1899-11-30 · Heft 95 (30.11.1899) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 95 (30.11.1899)
Date
1899-11-30
Page
– (sequence 26)
Language
German
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I ■MMU1HÜMUIJIU UlJJl-JUWKMiaB^B^MIj^jflBppil 1990 eben Satz betonend und dann übersetzend. „Wenn Einer einen Graben gräbt auf seinem eigenen Grund und Boden. . ." und so ging es weiter in dem üblichen Singsang bis an das Ende der Mischna. Alle hielten inne, umringten mich und lauschten auf meine Worte, als wären sie eine Offenbarung. Die Frauen konnten die Ausdrücke der Bewunderung nicht zurückhalten und seufzten jedes Mal, meine Mutter weinte vor Wonne. „Ein Prachtjunge, ein goldiges Kind!" Die Männer spendeten mir reichlich Beifall, kniffen mir die Wangen, zogen mich beim Ohrläppchen und klopften mir auf die Schultern. Die Frauen küßten und herzten mich. „Ganz sein seliger Vater, wie aus dem Auge geschnitten! Gieb ihm nur ein längeres Leben, Vater im Himmel!" -dir meine Mutter stand regungslos abseits und ihre in Thränen badendenAugen waren unverwandt auf mich gerichtet. Kein Wort vermag auszudrücken, was mir ihr Blick sagte, 'aber tief unten im Herzen ist mir dieser Blick haften geblieben, und heute noch, nach so vielen Jahren, in Trübsal, Dunkelheit und Kälte, wärmt er mich und erhellt mein Dasein . . . Reb Saul rief seine Gäste, alle Männer gingen fort. Nur meine Mutter yerharrte dabei, zu Hause zu bleiben. Die Arme konnte niemals ihres Lebens froh werden und sie wollte anderen die Freude nicht trüben. . . . VIII. Endlich verließ uns auch unsere Schwägerin mit ihrem Kinde und unsere Stube wurde mit einem male leer und öde. Auch das Chanukkah Kerzlein war längst niedergebrannt. Die Kälte nahm von unserer ärmlichen Behausung wieder Besitz. Meine Mutter und die Schwestern setzten sich, ganz wie an gewöhnlichen Tagen, hin, um Federn zu pflücken und Strümpfe zu stricken. Es war, als wäre über unserem Horizont plötzlich ein Komet aufgeblitzt, der unser Dasein einige Augenblicke mit seinem Licht begoß, um uns wieder in tiefe Dunkelheit zu versenken. Ich übergab mein Geld der Mutter zum Aufbewahren. „Morgen, so Gott will, kaufe ich Holz dafür, um bie Sabbatbrode dabei zu backen. Nicht wahr, mein Kind?" „Gut, gut." Ich betete das Schema und schlummerte auf dem Schoße meiner Mutter ein. Und ich träumte, daß ich ins Cheder ging. In der einen Hand hielt ich eine leuchtende Papierlalcrne, in der anderen mein Äbendeffen, ein Stück Schwarzbio) mit einer en^weigeschnittenen und mit Salz bestreuten Zwiebel. Die Nacht war dunkel, rings um flackerten an den Fenstern der entfernten Häuser vereinzelte Lichter auf. Ich schleppte mit Mühe meine geschwollenen und erstarrten Füße noch über die hartgefrorenen Erdschollen. Der Frost machte machte mich steif, daß ich kein Glied bewegen konnte. Unter den Nägeln fühlte ich etwas wie Nadelstiche, bald wie der Druck einer Zange. Ich hauchte mit allen Kräften auf meine Finger, um sie zu erwärmen. Aber da war schon das Haus des Müllers Wakola und der Misthaufen, auf dein mich sein Sohn Wanka mit Schimpfworten und Stkinwürfn zu erwarten pflegte. Doch Wanka war nicht zu sehen! Gott sei Lob und gepriesen! Ich war toll vor Freude. Wanka tst nicht da! Nun bekomme ich heute keine Schläge, keine Sieinwürfe und mein Haar wird nicht gezaust werden. Aber nun kommt mir Lea entgegen, mit einer mächtigen Schüssel dampfender KräpfchtN in der Hand. Ich greise danach, da, plötzlich steht vor mir Wakolas großer, brauner Hund und schnappt nach der Beute. Lea ist verschwunden und an ihrer Stelle taucht Wanka auf und faßt mich bei den Seilenlocken an. „Dü hier!" donnert er. „Mutter! Mutter!" stoße ich ein Jammergeschrei aus und . . . erwache. Ich triefe vor Schweiß, sehe mich verweint um und finde mich aus den Armen meines Bruders, der mich zum Belte hinträgt. „Sürje", sage ich mit erstickter Stimme, „nicht wahr, heute ist doch Chanuka?" „Ja, mein Liebling. Warum hast Du geschrieen?" „Heute geht man doch nicht ins Cheder?" „Nein, mein Herz." „Und heute schlägt mich auch Wanka nicht?" „Nein, nein!" „Warum schlägt er mich immer so stark; ich habe ihm ja nie was zu leid gethan?" „Dafür ist es Wanka, er muß schlagen." Mit diesem Gedanken beschäftigt, schlief ich endlich ein. . . .

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