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Der Israelit · 1899-11-30 · Heft 95 (30.11.1899) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 95 (30.11.1899)
Date
1899-11-30
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1988 ihrem herzgewinnenden Lächeln. „Hier, liebe Kinder," fuhr sie fort und steckte die Hand in die Tasche. „Ich bin Euch ja Chanukka-Geld schuldig." Sie reichte mir einen Silbergroschen, und meiner kleinen Schwester einige Kupfermünzen. Gewiß gibt es keinen König und keinen Finanzminister in der Welt, die mit ihren Millionen so glückl ch wären, wie ich mit meinem Silbergroschen. Denkt Euch! Einen ganzen Silbergroschen! Drei Kopeken! Sechs Heller! Ist das eine Kleinigkeit? Und wenn ich erst morgen ins Cheder komme und den College» meinen Schatz vorweise, wie werden sie alle staunen! Selbst Selig, besten Vater der Magnat unserer Stadt ist — man schätzt sein Vermögen auf volle dreihundert Rubel! Selbst dieser Selig wird ja kaum ein größeres Chanukka-Geld erhalten haben. Ich besah meinen Groschen von allen Seiten, während mir die Mutter meinen Theil von den Kräpfchen reichte. Ich konnte mich nicht entschließen, ihn auf einmal zu verzehren, wie das erste beste Stück Brod, sondern aß bissenweise mit langen Pausen, lange kauend und mein Auge daran weidend. Wann hatte ich Aussicht, wieder eine so seltene Speise zu genießen? Dann fing ich an, den Groschen zu putzen, bis er ganz blank und glänzend aussah. Dasselbe that meine kleine Schwester mit ihren Kupfermünzen, die bald wie Gold blinkten. Sie suchte mich zu überzeugen, daß sie ein größeres Vermögen besaß, und ich war nahe dabei, auf ihren Vorschlag einzugehen und ein Tauschgeschäft zu machen. Doch die ältere Schwester hielt mich zurück. Lea war gegangen, um später mit ihren Kindern wieder zu kommen. Nur Süsje ging aufgeregt im Zimmer her und hin und wollte die Speise nicht berühren. Mir war das unbegreiflich. „Warum ißt Du nicht?" fragte ihn die Mutter wiederholt. Er schien nicht länger an sich halten zu können. „Wenn Du in mich dringst, will ich es Dir rund heraussagen," antwortete er endlich mit bebender Stimme, fast athemlos vor Erregung. „Es widerstrebt mir, ein Almosen anzunehmen." Meine Mutter sprang von ihrem Sestel empor wie von einem plötzlichen Pfeil getroffen. „Gott mit Dir, Süsje, wie kannst Du nur so schwer sündigen? Pflegte ich nicht früher, von allen wohlschmeckenden Gerichten, die ich bereitete. Anderen zu schicken? Nun soll ich es zurückweisen, wenn unsere Nachbarin etwas schickt? Welche reiche Hausfrau würde sich schämen, von der Nachbarin solch eine Kleinigkeit anzunehmen? Warum beschämst Du mich so herzlos? . . . Vater im Himmel! Warum strafst Du mich so hart! . . ." Sie sprach nicht weiter. Thronen erstickten ihre Stimme. Ich stand rathloS da und wußte nicht, was da vorging. So viel verstand ich, daß der Bruder meine Mutter beleidigt halte. Ihr Weinen erpreßte mir Thronen. „Du schlechter Mensch! Was schiltst Du die Mutter? Hast Du gar keine Furcht vor Gott? Gott wird Dich in der künftigen Welt strafen!" Dann eilte ich zur Mutter und versteckte mich unter ihrer Schürze. Sie aber nahm mich auf die Anne, drückt mich ans Herz und wischte uns beiden die Thränen au« den Augen. Aber mein Bruder war seltsamerweise gar nicht böse auf mich. Im Gegentheis, er rief mich, zu sich und versprach, mir ein hübsches „Drendel" *) aus Holz zu schnitzen. Ich war aber unversöhnlich, und drohte ihm, diese Nacht das Lager mit ihm nicht zu theilen. VI. Endlich kam Leah mit allen ihren sechs Kindern, wie sie versprochen hatte. Ihr Jüngster, mein Chedercollege, beeilte sich, mir seinen Reichthum zu zeigen, fünf Silbergroschen und acht Kopeken, die er von seinen Ellern und einem Onkel als Chanukkah-Gabe bekommen hatte. Ich war starr vor Bewunderung beim Anblick dieses Vermögens und sank sehr tief in meinen eigenen Augen; nun Hatteich nichts mehr, womit ich meinen Collegen im Cheder imponiren konnte, alle Träume waren zu Nichts geworden. Während ich rechnete, kamen mein ältester Bruder David mit seiner Frau und ihrem kleinen dritthalbjährigen Mädchen, welches der Vater in einem Tuch eingepackt aus dem Arm trug. Meiner Mutter Freude kannte keine Grenzen. Sie nahm ihre kleine Enkelin auf den Schooß, hätschelte und koste sie und gab ihr die zärtlichsten Namen. „Es ist grimmig kalt bei Dir, Mutter!" bemerkte mein älterer Bruder. „Ah, darum also kommst Du nur einmal in zwei Monaten zu Deiner Mutter," bekam er zur Antwort. Er erwiderte nichts. Er war immer gewöhnt, die Vorwürfe der Mutter ohne Murren hinzunchmen, und auch jetzt, obgleich schon selbstständiger Familienvater, senkte er den Blick schweigend, wie ein unmündiges Kind. Beim Anblick seiner Verwirrung wurde meine Mutter weich und begütigte: „Straf mich Gott, lieber Sohn, wenn ich Dich beschuldige. Ich weiß ja, daß Du Gott lob, ein Gatte und Vater bist, bis hundertundzwanzig Jahre, und daß Deine eigenen Familrensorgen alles andere 1) Ein Chanukka-Spielzeug für Kinder.

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