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Der Israelit · 1899-11-30 · Heft 95 (30.11.1899) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 95 (30.11.1899)
Date
1899-11-30
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1987 die sehnsüchtig erwarteten Nudeln in einer gesprungenen, schartigen Schüssel.? Bei Tische gedachten wir wieder unseres verstorbenen Vaters. Die Mutter wußte unendlich viel über ihn zu erzählen. Wir hatten alle diese Goschichten unzählige Male gehört, aber stets lauschten wir ihnen mit neuem Interesse' Besonders ergreifend wirkte auf uns die Schilderung der letzten Augenblicke seines Lebens. „Wir müssen hienieden leiden", sagte er, um desto reiner vor dem Schöpfer dazustehen." Wer sich gegen die irdischen Leiden empört und murrt, der hat aufgehört, Jude zu sein." .... IV. Diese Worte meines Vaters hatten mir immer zu denken gegeben. Besonders lebendig traten sie mir vor die Seele, so ost ich dem Sohn des Müllers Wakola, Wanka mit Namen, begegnete, von bem ich stets Nippmstöße uud Schläge auf dem Kopf mit nach Hause brachte. DaS ereignete sich aber fast täglich. Mit bitterem Weinen kam ich nach Hause und klagte über das Leid, welches mir dieser junge Raufbold zufügte. Ec war ein mit Aussatz an Gesicht und Händen behafteter, Widerwillen und Abscheu einflößender Bauernjunge. Auf alle meine Klagen antwortete man mir: „Wir sind im Golus und müssen leiden." Das wollte mir nicht recht in meinen kleinen Kops. Warum muß ich Wankas Schläge demülhig hinnehmen? Könnte ich ihm denn nicht getrost die Knochen zerbrechen? Und warum überfällt er mich immer, wenn ich ins Cheder gehe? Warum fange ich mit ihm niemals Händel an? Ist er vornehmer als ich? Sein Vater wälzt sich den ganzen Tag wahnsinnig betrunken im Kothe herum, und wenn das Weib sich einmal ein Herz faßt und ihn nach Hause bringen will, schlägt er sie halb todt und schleift sie bei den Haaren durch die Straßen. Hat etwa mein seliger Vater dies auch jemals gethan? Und Wanka selber, in eigener Person? Treibt er sich nicht den ganzen Trg mit Hunden und Schweinen in den Straßen herum, schmutzig und ungewaschen, mit zerzausten, ungekämmten Haaren, während ich den ganzen Tag, von Morgens bis zum Abend, im Cheder sitze und in der heiligen Thora ftudire? Solche Gedanken wälzte ich in meinem Kopse und ich kam zu bem Schluß, daß ich wohl ganz gut im Stande und auch im Recht wäre, Wanka, wenn er mich angreist, gehörig zuzurichten. Zunächst aber wollte ich ihn einmal offen fragen, warum er mich zur Zielscheibe seiner Verfolgungen machte. Als ich Tags darauf, wie gewöhnlich aus dem Cheder ging, erwartete er mich in seinem Hemde, das ihm bis zu den Knöcheln reichte, init seinem borstigen Kopf, während ihm der Speichel über das ungewaschene Gesicht kam. Sobald er mich erblickte, warf er mit Steinen nach rnir, während er schrie: „Du aussätziger Jude! Du aussätziger Jude!" Dann, al» ich mich nicht wehrte, kam er auf mich zu, zauste mich beiden Ohrenlocken und versetzte mir erbarmungslose Püffe und Schläge, wo immer er konnte. Ein anderesmal, versuchte ich ihn zu Rede zu stellen: „Habe ich Dir jemals etwas zu Leid gethan? Warum schlägst Du mich?" Weiter kam ich nicht. Wanka antwortete mir in gewohnter Weise: mit Steinwürfen, Psüffen und dem heulenden „aussätziger Jude!" wozu er noch andere edle Ausdrücke fügte, deren Bedeutung ich aber erst nach vielen Jahren, als erwachsener Mann verstand. Endlich kam der Tag der Rache. An einem Crew-Sabbat saß ich vor der Thüre mit meiner Schwester und putzte die Leuchter für den Abend. Plötzlich blickte ich auf und sah Wanka vor mir, der sein gewöhnliches Liedchen sang. Noch eh' ich überlegen konnte, stand ich bei ihm und hatte den Strick, welcher ihm als Gürtel diente, erfaßt. Es drängte mich, einmal an ihm für die Unbill, die er mir zugefügt, Rache zu nehmen. Er aber wurde bleich wie Kalk und fing an, am ganzen Leibe zu zittern. Ich ließ ihn gleich los und er suchte da« Weite. Damals dämmerte in mir dunkel eine Ahnung davon auf, wie wahr mein Vater gesprochen hatte, als er sagte, daß wir Juden dazu geschaffen sind, schweigend zu dulden. V. Die Mahlzeit war zu Ende, wir aber saßen noch immer um den Trsch herum und lauschten dem Gesänge meines Bruders, der alle von unserem seligen Vater, der auch Chasan war, stammenden Melodien vortrug. Wir verhielten uns mäuschenstill, saßen aneinander gedrängt, ganz Ohr. Draußen heulte und klagte der Wind. Die Thüre that sich auf, und herein trat unsere Nachbarin Lea. Sie war eine herzensgute, lustige Frau, von sprichwörtlicher Sanftmuth und stiller Mildthätigkeit. „Guten Abend, Malta, guten Abend, Kinder!" rief sie schon auf der Schwelle. „Gott möge Euch und uns allen mit ganz Israel alle« Gute schenken und uns übers Jahr die Lichter von Chanukka in Seinem heiligen Bethamikoosch anzünden lassen." Dabei holte sie unter dem großen Shawl eine Schüssel mit fleischgefüllten Kräpfchen hervor, die einen wohligen, berauschenden Duft über daganze Zimmer ausströmten. „Hier bring ich Euch etwas von dem Leckergericht, welches wir heute gekocht haben," sagte sie mit

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