Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1899)
- Date
- 1899-11-30
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1986 stillen Gebet zu Ende war, murmelte er leise und rasch das Olenu und entfernte sich eilig. „Narr!" herrschte er mich zornig an, als wir draußen waren und faßte mich beim Arm. „Wer hat Dich um die Gnade gebeten, mir die glückliche Nachricht zu verkünden? Wer wird in einem Gottes- Hause so laut schreien?" Ich wußte keine Antwort und brach in Thränen aus. Es that mir leid, meinen Bruder gekränkt zu haben und ich war betrübt über das Mißlingen meines guten Vorsatzes. Als Süsje mein bitteres Weinen vernahm, wurde er gerührt; er nahm mich auf die Arme und trug mich nach Hause. II. Wir traten in unsere Küche. Es war dies ein niedriges Gelaß, dessen Decke längst schon die Absicht hatte auf den Boden zu sinken, aber von einigen aufgerichteten Stangen daran gehindert wurde. Die Mutter stand beim Ofen gebückt und blies aus voller Brustauf einige zerbrochene Schindeln, die am Heerde aufgehäuft waren und zwischen denen eine Handvoll angebrannten Strohes hervorblickte. Je mehr sie blies, desto stärker drang der Rauch aus dem Herde in ihre Augen und e. preßte ihr bittere Thränen, die über das vorzeitig verwelkte Gesicht rannen. Von Zeit zu Zeit erfaßte sie ein heftiger Husten, der ihren ganzen Körper erschütterte, aber sie blies in einem fort. Das Feuer wollte nicht aufflackern. Schon war das Zimmer voll Rauch. Plötzlich ertönte ein Krachen, der Topf glitt aus dem Herde und stürzte zu Boden, wo das Wasser die Tümpel vergrößerte, die der schmelzende Schnee, von draußen eindringend, gebildet hatte. Es war zum Verzweifeln. Aber mein Bruder und ich nahmen uns zusammen, eilten auf den Dachboden, suchten lange und fanden: es war ein Bündel alter Schindeln und der geschnitzte Fuß eines Sessels, von dem es schwer war zu sagen, wie er hierher kam, da es weder bei unS noch in der ganzen Stadt Sessel mit geschnitzten Füßen gab. Unsere Mutter war glücklich, als wir ihr diesen Schatz überbrachten. „Gott segne Euch, meine lieben Kinder und erfreue Euch, wie Ihr mich erfreut habt." Aber jenes Krachen, das uns so erschreckt hatte, war zu unserem Heil. Ein quer am Rauchfang liegender Ziegel hatte dem Rauch den Weg an die Luft versperrt. Nachdem er mit Getöse herniederfiel, hatte es zwar den Topf gekostet, aber nun konnte das Herdfeuer lustig aufflackern. „Da soll man sehen", bemerkte die Mutter, „daß der Mensch niemals sündigen darf, indem er sich über Gottes Fügungen beklagt. Was Er thut, ist immer wohlgethan, obgleich es uns zuweilen hart und drohend erscheint." Dies bewies sie uns aus der heiligen Schrift, indem sie unzählige Verse ansührte, die in ihrem Gedächtnisse wohl verwahrt waren. Meine ältere Schwester lief indeß zur Nachbarin, um etwas Pfeffer zu borgen, während die jüngere den Teig knetete. Ich und mein Bruder brachten einen Eimer voll frischgefallenen Schnee, der zu Wasser schmolz, bis endlich unsere Mutter triumphirend verkündete, daß die Nudeln fertig seien. „Nun, Süsje, mein Sohn, zünde das Chanuka- Lichtlein an, dann werden wir zu Tische gehen." III. Im anstoßenden Zimmer stand am Fenster ein blitzblank geputzter, glänzender Chanuka-Leuchter. Die Mutter schnitt von einem Wachsfaden ein Kerzlein für den Schames. Mein Bruder sprach den Segen und zündete das erste Lichtlein an. Dann klebte er den Schames auf den Fensterrahmen fest, und plötzlich war es, als wäre durch die Berührung des Zauberstäbchens das ganze kleine, ärmliche Zimmer umgewandelt und hätte sich in ein Feftgewand gehüllt. Vor diesen kleinen Flämmchen strömte eine gar wunderbare Wärme in die Herzen und ein erheiterndes, fröhliches Licht aus. Meine kleine Kinderwelt schwamm in Wonne, ohne daß ich damals im Stande war, die hohe Bedeutung dieses Festes auch nur zu ahnen. Nur meine Mutter allein stand gebeugt an dem klarem Lichte, hielt den Kopf auf dem Arm gestützt und stille Thränen rannen über die Wangen .... Sie gedachte wohl der Tage, da unser Vater noch lebte und selber die Lichter anzuzünden pflegte, der Helle und der frommen Festlichkeit, die in unserem Hause damals zu herrschen pflegte, als sich eine frohe Menge versammelte, um bei uns Chanuka zu feiern und die herrlichsten Geschichten von den Wundern zu erzählen, die Gott im Laufe der Zeiten an seinem Volke gewirkt hatte, zu erzählen bis der Morgen graute. Nun versammeln sie sich beim neuen Schochet, der an die Stelle meines Vaters gekommen ist, wir aber sind einsam und verlassen, alle haben uns vergessen. „Süsje, mein Herz", bat die Mutter, „singe doch Hanerous halolu mit derselben Melodie, mit der es Dein seliger Vater zu singen pflegte." Süsje war sonst nicht besonders folgsam. Aber diesmal ließ er sich nicht lange bitten. Er sang mit Wärme und Kraft, meine Schwestern sangen leise nach, und die Mutter stand noch immer den Arm gestützt und Thränen quollen unablässig aus ihren Augen und sielen aus die kalte, feuchte Erde. Der Gesang war zu Ende. Wir wuschen uns die Hände und gingen zu Tische. Bald erschienen