Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-09-12 · Heft 72-73 (12.9.1899) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 72-73 (12.9.1899)
Date
1899-09-12
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449021--49074-2499493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

diesem Sinne Goethe's Faust ganz jämmerlich zugerichtet und eine moraltriefende Burleske daraus verfertigt. Das neueste dramatische Produkt und eines der besten Stücke zugleich, welche die jüdische Bühne besitzen ist der „Jüdische Märtyrer". Diese Dichtung ist sehr dramatisch und enthält Scenen von gründlicher Wirkung. Ich will es versuchen, den Inhalt des ersten Aktes zu schildern, der für sich allein ein Kunstwerk bedeutet. Der Schauplatz ist ein jüdisches Haus, das Heim einer annährend vierzigjährigen Frau, die eine neue Ehe eingehen will, nachdem ihr erster Mann sechs Wochen gestorben ist. Eme große Hochzeitsgesellschaft ist versammelt, um an der Feierlichkeit theilzunehmen, schon hat das in Rußland gebräuchliche Ceremonicll seinen Anfang genommen, da erscheint der verschollen gewesene Sohn der Wittwe auf der Bildstäche, hört vom Tode seines Vaters und vom Vorhaben seiner leichtfertigen Mutter, schon eine neue Ehe eingehen zu wollen. Nach einer hochdramatischen Scene reißt er seiner Mutter den Brautkranz von der Stirne, auf die, wie er sagt, Asche gehört und stimmt das Kadisch-Gebet in ergreifender Weise an. Man wird selten etwas Ergreifenderes auf einem Theater sehen und hören können. Wie schon früher erwähnt, verhallen alle Erfolge in einer allzu begrenzten Sphäre, was in der Eigenart der Kunstgattung begründet. Aber es steckt viel natürliche, angeborene Kunst in diesem jüdischen Künftlervölkchen, das uns sich selber darstellt und seine eigenen Typen unübertrefflich charakterisirt. Ludwig L. Politzer—New-Aork. Wessische Sarannett. Von S. R. in W. Ein hier wohnender, sehr braver, pensionirter, christlicher Lehrer vom Lande erzählte mir dieser Tage, wie viele schwere Gänge er in früheren Jahren nach D. zu machen hatte, bis er seine zuletzt innegehabte Schulstelle zudekretirt erhielt. Als er von dem damaligen Oberstudienrath B . . . in D. sprach, schaltete er hastig die Bemerkung ein: „Wissen Sie auch, daß dieser Herr früher Israelit gewesen?" „Gewiß!", antwortete ich. Kaum hatte er diesen Namen genannt, als eine Geschichte in meiner Erinnerung lebendig wurde, deren Mittelpunkt dieser getaufte Oberstudienrath bildete und die ich dem freundlichen Leser und der freundlichen Leserin gerne erzählen möchte, daran die Bitte knüpfend, dieselbe als eine Geschichte entgegenzunehmen, welche „Wahrheit und keine Dichtung" ist. In dem oberhessischen Dorfe O. lebte der auch in weiten Kreisen besonders durch seine philantrophischen Bestrebungen bekannt gewordene Lehrer K. Er wollte an der dortigen jüdischen Volksschule angestellt sein, weit die jüdische Volksschule seinem Ideal entsprach, aber auch deswegen, weil er ein Mädchen seiner Heimath, dem er schon lange, sehr lange Treue und Liebe geschworen, als Gattin in sein Haus führen wollte. Die Hauptschwierigkeiten für die Anstellung ergaben sich aus dem Umstande, daß K. ein Bayer war. Viele Gänge hatte er schon vergebens nach D. gemacht. Er kam jedesmal zähneknirschend von dort zurück, wenn er an die Behandlung dachte, die ihm vom Oberstudienrath zu Theil geworden. Er konnte es nicht fassen, daß dieser Herr bei eisig-kalter Aufnahme immer noch die Worte: „Mit Euch Juden hat man nichts als Arbeit" im Munde führte, während man davon munkelte, daß er in früheren Jahren selbst dem Judenthum angehört habe und von sehr religiösen Eltern erzogen worden sei. Viele Monate waren vergangen, ohne daß K. in seiner Angelegenheit um einen Schritt weiter gekommen wäre. Er war des Wartens müde, die Sache mußte ihm „aus dem Kopfe". Also wieder ging's nach D. Dieselbe kalte Aufnahme, dieselbe unfreundliche Behandlung, wie immer. „Was wollen Sie denn überhaupt? Sie sind ja noch ein Bayer", fuhr ihn Oberstudienrath B. an. „Lösen Sie sich zuerst vom bayerischen Verbände los!" „Und wenn ich das thue", erwiederte K., „erhalte ich dann mein Dekret?" „Das kann ich jetzt noch nicht sagen." Nach diesen wenig hoffnungathmenden Worten suchte K. die Unterredung auf ein anderes Gebiet zu lenken. „Ich will sehen", dachte er, „wenn Du ein Jude warst, ob nicht in deinem Herzen noch die Saite des Rachmonus zum Schwingen zu bringen ist". „Herr Oberstudienrath", sagte er, „gestatten Sie mir nur noch wenige Worte, und ich werde Sie nie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.