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Der Israelit · 1899-09-12 · Heft 72-73 (12.9.1899) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 72-73 (12.9.1899)
Date
1899-09-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1547 Keller im „Mslhe Theater ta Neai-Wlk." -K*»*-*^ Sr*- •£ - In Deutschland hat wohl Mancher schon vom Bestehen eines jüdischen Theaters gehört — aber ein solches gesehen, das haben wohl die Wenigsten. Diese Theaterspecies kann natürlich nur in Städten gedeihen, die von Russen und Polen stark bevölkert sind, und sie existiert auch außer in der Heimath dieser Volksstämme nur in zwei Städten Nordamerika's, und zwar in Philadelphia und NewAork. Besonders in New-Aork; — diesem Sammelpunkt aller Heimathmüden — ist in einer der vielen und großen Stadttheile ein Klein Rußland beisammen, das eine Stadt — eine Welt für sich bildet. Man könnte glauben, dieser Theil sei von einer geistigen chinesischen Mauer umgeben. Alle Geschäfte sind in jüdischen Händen, vom Schuhputzer und Zeitungsverkäufer bis zum Zeitungsherausgeber. In vielen dieser Straßen bekommt man überhaupt keine englische oder deutsche Zeitung zu kaufen — alles ist in jüdischer Sprache gedruckt — die Firmatafeln — Alles. Dies ist zwar einerseits ein Beweis dessen, wie diese Leute an der Ueberlieferung des Glaubens sefthalten, während es andrerseits betrübende Schlaglichter auf den Bildungsgrad wirft, denn Viele sind unter ihnen, die trotz jahrzehntelangem Aufenthalts in diesem Lande die Landessprache kaum mündlich — geschweige denn schriftlich beherrschen. Sie leben ihrer Arbeit und ihrer Familie, wenig berührt vom Geiste der Zeit, den höchstens die jüngere Generation äußerlich auf sich einwirken läßt. In diesem Ghetto, wie man es füglich nennen darf, werden auch die Feststage noch in echt traditoneller Weise gefeiert und der Sabbat streng gehalten — in ihm ist auch noch das ideale Familien-Jdyll zu schauen, wie wir's immer seltener antreffen. Des Abends nach angestrengtem Schaffen gehen sie in ihre Theater. Ich sage absichtlich in „ihre" Theater, denn deutsche oder englische Juden oder gar Antersgläubige kommen nur vereinzelt aus Neugierde in die beiden jüdischen Musentempel, die an einer der verkehrsreichsten, aber nicht feinsten Straßen New-Aorks der Bowery liegen. Beide Theater, die den Namen „Thalia" und „Windsor" führen, sind stattliche Gebäude, von denen besonders das Erstere eine interessante Vergangenheit hat. Im Thalia Theater fand einst die deutsche Schauspielkunst eine angenehme Heimstätte — hier holten sich Davisohn, Löwe, Barney, Poffart — und die Geistinger ihre ersten amerikanischen Erfolge. Seit langem ist das andersIgeworden. Die jüdische Schauspielkunst hat hier Boden gefaßt und erringt Erfolge, die allerdings in ihrer engen Sphäre verhallen, ohne in die weite Oeffentlichkeit zu dringen. Aber das kommt daher. Wenn selbst ein Deutscher das Theater mit der redlichen Absicht besucht, sich im ruhigen Anhören ein unparteiisches Urtheil zu bilden, wird er, da er den Dialekt der Darsteller nicht versteht, unbefriedigt fortgehen, ja vielleicht unwirsch sein, denn der Klang dieser Sprache beleidigt gewissermaßen ein deutsches Ohr. Nun will ich zu den Schauspielern und ihrem Reportoir kommen. Erstere sind mir lieber. Ich habe selten so viele gute und noch seltener so viele geistreiche, oder besser gesagt, mit Scharfsinn und Mutterwitz begabte Schauspieler angetroffen. Fast jeder ist ein Künstler, jeder füllt seinen Platz aus und einige treten besonders durch ihre interessante Physignomie hervor. Das Windsor-Theater steht künstlerisch höher als das räumlich größere Thalia- Theater. Dieses hat als „Star" den Charakterkomiker HarkuleSky, während jenes deren zwei hat. Da ist vor Allem das künstlerische Oberhaupt, Altmeister Adler, der so ziemlich der beste Schauspieler der jüdischen Bühne sein dürfte. Schon in seiner Heimath, in Rußland, heimste er im Frühling seines Lebens viele Erfolge ein, und seit einer langen Reihe von Jahren ist er in New-Aork „Star" und Mitbesitzer des Windsor-Theaters. Er genießt auch außerhalb des Ghettos einer nennenswerthen Ruf. Seine Kunst hat ihm auch schon ein großes Vermögen erworben, das ihm längst gestatten würde der Ruhe zu pstegen, aber dieser Sechzigjähre hat die Schaffenskraft eines jungen Mannes und er nimmt noch immer neue Rollen in sein Reportoir auf. Er ist ein wirklich idealistischer Schauspieler, der ganz in feiner Kunst aufgeht und mit Begeisterung an ihr hängt. Mit ihm theilt sich Thomashefsky, der das Fach des jungen Helden spielt, in die großen Erfolge. Auch dieser Künstler ist eine hervorragende Kraft der jüd. Bühne. Und so wäre noch manch Anderer rühmend zu nennen. Was das Reportoir dieser Bühnen anbetrifft, so ist dasselbe mehr „originell" als „Original." Nur einige Autoren, die für die jüdische Bühne schreiben, vermögen wirklich gute jüdische Volksstücke zu produziren; im großen Ganzen benützen diese Autoren Stücke der deutschen Literatur, die sie nach dem Geschmack ihres PulikumS zustutzen. Daß da ganz wunderliche Sachen dabei herauskommen ist natürlich. Ein solcher „Autor" hat in

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